Eishockey
So wild und unanständig war unser Hockey noch nie

Die Straffälle im Eishockey haben sich in dieser Saison fast verdoppelt. Der Fall Ronny Keller hat die Gefahr von extremer Härte einmal mehr verdeutlicht. Hilft eine Bestrafung der Trainer?

Klaus Zaugg
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Der jüngste Fall: Berns Ryan Gardner schlägt Alexandre Picard den Ellbogen ins Gesicht.Screenshot SRF

Der jüngste Fall: Berns Ryan Gardner schlägt Alexandre Picard den Ellbogen ins Gesicht.Screenshot SRF

Unser Eishockey ist so rau, wild und unanständig wie noch nie. Einzelrichter Reto Steinmann sieht nur ein Mittel zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung: Bestrafung der Trainer. Die Statistik erhärtet die Verrohung im Hockey.

30 Disziplinarfälle pro Saison

Einzelrichter Reto Steinmann steht in seiner zehnten Saison. Er sagt: «Bisher hatten wir pro Saison rund 30 Disziplinarfälle. Manchmal ein paar weniger, manchmal ein paar mehr. Aber diese Saison sind es jetzt schon 51 und sie ist noch nicht zu Ende. Wir können praktisch von einer Verdoppelung der Disziplinarfälle ausgehen.»

«Das Hauptproblem ist de4r fehlende Respekt», sagt Einzelrichter Reto Steinmann

«Das Hauptproblem ist de4r fehlende Respekt», sagt Einzelrichter Reto Steinmann

Keystone

Es sei eine Steigerung auf allen Ebenen – also bei Fouls, aber auch bei Respektlosigkeiten von Funktionären und Trainern gegenüber den Schiedsrichtern. Zudem sei eine Zunahme der Verletzungen zu registrieren. So wild und unanständig war unser Hockey noch nie.

Auf Reto Steinmanns Schreibtisch landen alle Rapporte nach einem Restausschluss (5 Minuten plus Spieldauerdisziplinarstrafe oder Matchstrafe) plus die Rapporte für besondere Vorkommnisse (wenn etwa Schiris von Funktionären beleidigt werden). Vorkommnisse, die den Spielbetrieb stören (wenn etwa Gegenstände aufs Eis geschmissen werden) plus die Fälle, die der Einzelrichter von sich aus aufgrund von Video- und TV-Bildern eröffnet und die Fälle, die von den Klubs mit Videos an ihn herangetragen werden.

Schnelle Bestrafung für Übeltätter

Sein Aufwand ist inzwischen enorm. Denn er muss die Übeltäter schnell einer Bestrafung zuführen. Nicht die richterliche Bürokratie wie im richtigen Leben diktiert das Tempo. Sondern der Spielplan.

Steinmann ist bestrebt, jeden Fall vor dem nächsten Spiel erstinstanzlich zu bearbeiten. «Seit Jahresbeginn arbeite ich praktisch sieben Tage in der Woche und investiere wohl rund 80 Prozent meiner Arbeitszeit ins Eishockey», sagt Steinmann. Der Anwalt und ehemalige Strafrichter führt in Zug mit einem Partner eine Anwaltskanzlei und wird von der Nationalliga für seine sportliche Richtertätigkeit pauschal entschädigt.

Reto Steinmann sagt, er mache sich viele Gedanken über diese Entwicklung. «Es bringt wenig, philosophische Überlegungen über den allgemeinen Sittenzerfall in unserer Gesellschaft anzustellen. Uns helfen im Eishockey nur konkrete Massnahmen.»

Der Einzelrichter sagt, es gebe eine konkrete Massnahme. Die Bestrafung der Trainer. «Das Hauptproblem ist heute der fehlende Respekt vor dem Gegenspieler. Niemand hat im Eishockey so viel Einfluss auf das Verhalten der Spieler wie der Trainer.»

Will heissen: Wenn beispielsweise der Trainer zusammen mit dem Spieler nach einem Check gegen den Kopf gesperrt wird, dann wird ein Trainer seine Spieler zur Mässigung anhalten, und eher früher oder später wird ein Spieler solche Fouls vermeiden und den Gegenspieler respektieren. Ansatzweise gibt es dieses System in der NHL.

Dort ist die Unsitte des «Bench Clearing» – also Massenschlägereien mit allen Spielern – erst verschwunden, seit in einem solchen Fall auch die Coaches gesperrt und gebüsst werden. Wer über die Bande springt, um sich an einer Prügelei zu beteiligen, fehlt zusammen mit seinem Trainer beim nächsten Spiel.

Keine Kultur der Prügelstrafe

Im nordamerikanischen Hockey wird der Respekt vor dem Gegenspieler auch durch «Selbstjustiz» gefördert. Doch diese Kultur der Prügelstrafe lässt sich in unserem Hockey nicht umsetzen.

Reto Steinmann sagt, zur Umsetzung solcher Massnahmen sei die Liga zuständig. Die Einführung von automatischen Sperren für die Coaches ist rasch gefordert. Aber die juristische Umsetzung in Reglemente und Praxis ist nicht so einfach.

Ganz schwarz sieht der Einzelrichter nicht. Er behandelt ja auch alle Disziplinarfälle der Elitejunioren. Also der höchsten Juniorenklasse. «Hier sind die Fälle diese Saison sogar rückläufig.» Immerhin ein Lichtblick. Schliesslich muss bei den Junioren beginnen, was später leuchten soll im Vaterland.

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