NHL

So stehen die Chancen der Schweizer NHL-Spieler

Am Samstag beginnt in der National Hockey League die von 82 auf 48 Partien reduzierte Regular Season. Mit dabei sind auch neun Schweizer. Wie stehen ihre Chancen?

Sven Bärtschi, Calgary Flames

Der Langenthaler hat sich in der vergangenen Saison bei seiner fünf Spiele dauernden NHL-Stippvisite für höhere Aufgaben empfohlen. Drei Tore erzielte Bärtschi bei seinen Auftritten und spielte sich prompt in die Herzen seiner Teamkollegen, der Fans und der Medien. Trotz allem Hype: Der Stürmer muss sich von neuem beweisen, muss um einen Stammplatz im Team der Flames kämpfen. Gut für ihn ist, dass Superstar Jarome Iginla derzeit an einer Leistenverletzung laboriert und möglicherweise den Saisonstart verpasst. Gut für Bärtschi ist auch, dass er mit ZSC-Meistertrainer Bob Hartley einen Trainer hat, der dem Schweizer Eishockey gut gesonnen ist. Als Nachteil könnte sich aber erweisen, dass Sven Bärtschi Ende November in der AHL eine Gehirnerschütterung erlitt, von der er sich erst im neuen Jahr wieder erholte.

Unsere Prognose: Sven Bärtschi erkämpft sich einen Stammplatz, absolviert über 40 Spiele und schiesst mindestens 10 Tore für die Calgary Flames.

Damien Brunner, Detroit Red Wings

Der Hype um den Neuling aus der Schweiz ist nicht nur in Detroit selber, sondern inzwischen schon in ganz Nordamerika riesig. Noch nie stand ein Eishockey-Spieler aus unserem Land derart im Mittelpunkt - und das ohne eine einzige Sekunde in der NHL gespielt zu haben. Klar ist: Damien Brunner hat traumhafte Voraussetzungen, seine NHL-Karriere erfolgreich zu beginnen. Mit Pawel Dazjuk und Henrik Zetterberg erhält der Flügelstürmer gleich zwei absolute NHL-Superstars als Sturmpartner. Dass der NLA-Topskorer der letzten Saison (und immer noch Leader der aktuellen Saison) während des Lockouts beim EV Zug mit Zetterberg, dem neuen Captain der Red Wings, ein kongeniales Duo bildete, hat ihm einen grossen Bonus gegeben. Detroit-Trainer Mike Babcock hat Brunner mit vielen Vorschusslorbeeren überschüttet. Nun liegt es am Schweizer, die ideale Ausgangslage zu seinen Gunsten auszunutzen. Am fehlenden Talent wird er nicht scheitern. Die grosse Frage ist, wie er sich auf den kleineren Spielfeldern und gegen physisch starke Gegenspieler durchsetzen kann.

Unsere Prognose:
Damien Brunner kommt gut aus den Startlöchern, muss nach seiner ersten Krise aber um einen Stammplatz kämpfen, da die Konkurrenz im Sturm der Red Wings gross ist.

Rafael Diaz, Montral Canadiens

«Mr.Zuverlässig» hat sich in seiner ersten Saison bei den Canadiens gleich einen Stammplatz und einen neuen Zweijahresvertrag erkämpft. In Montreal gilt der spielstarke und smarte Verteidiger als sicherer Wert und wird sich endgültig unter den vier besten Defensivleuten der Mannschaft etablieren. Zwar kehrt mit dem Russen Andrej Markow der stärkste Powerplay-Mann an der blauen Linie zurück, dafür sind die Vertragsverhandlungen mit der Nummer zwei der «Habs», PK Subban, ins Stocken geraten. So oder so wird Rafael Diaz seinen Job unbeeindruckt erledigen und seine physischen Nachteile mit seiner ausgeprägten Spielintelligenz kompensieren.

Unsere Prognose: Diaz wird, wenn er von Verletzungen verschont bleibt, jedes Spiel bestreiten und 15 unspektakuläre Skorerpunkte sammeln.

Jonas Hiller, Anaheim Ducks

Der Appenzeller verzichtete wie viele seiner NHL-Torhüterkollegen darauf, während des Lockouts in Europa anzuheuern. Hiller wollte nicht riskieren, sich kurz nach der Umstellung auf die grösseren Eisfelder im Falle eines Lockout-Endes wieder auf die NHL-Masse umgewöhnen zu müssen. In diesem Fall ist der Poker aufgegangen. Bleibt die Frage, wie «rostig» Hiller nach seiner fast neunmonatigen Spielpause ist. In Anaheim war und bleibt er der unumstrittene Torhüter Nummer eins, selbst wenn die Ducks mit dem Schweden Viktor Fasth einen «fertigen» Goalie aus Europa verpflichtet haben.

Unsere Prognose: Hiller bestreitet mindestens 35 der 48 Qualifikationsspiele. Er wird aber darunter leiden, dass die Ducks kein Spitzenteam mehr und vor allem in der Defensive anfällig sind.

Roman Josi, Nashville Predators

Der Berner ist bereit, den nächsten Schritt in seiner NHL-Bilderbuchkarriere zu machen. Nachdem die Predators mit Ryan Suter (zu den Minnesota Wild) einen ihrer beiden wichtigsten Verteidiger verloren haben, ist Roman Josi Anwärter Nummer eins, den verantwortungsvollen Posten als Nebenmann von Captain Shea Weber einzunehmen. Während der kanadische Captain der Predators eher der Mann fürs Grobe ist und im Powerplay mit seinem Hammer von der blauen Linie extrem torgefährlich ist, wird Josi wie Suter eher «strategische» Aufgaben übernehmen müssen. Will heissen: Weber den Rücken freihalten und eher defensiv denken und agieren. Selbst wenn Josi zweifellos selber ein herausragender Offensivverteidiger wäre, so ist ihm mit seiner ausgeprägten Spielintelligenz auch die Rolle des Defensivverteidigers zuzutrauen.

Unsere Prognose: Roman Josi wird ein Schlüsselspieler der Predators, erhält zwischen 25 und 30 Minuten Eiszeit pro Spiel und wird über 20 Skorerpunkte verbuchen.

Nino Niederreiter, New York Islanders

Nach einer völlig verkorksten Saison 2011/2012 (1 Tor in 55 Spielen) nimmt das neben Sven Bärtschi grösste Schweizer Sturmtalent einen neuen Anlauf, sich in der NHL zu etablieren. Der Start in die neue Spielzeit ist ihm jedenfalls gelungen. Im AHL-Farmteam der Islanders, bei den Bridgeport Sound Tigers, kam er in 36 Spielen auf 34 Skorerpunkte (17 Tore) und etablierte sich damit in den Top Ten der AHL-Skorerliste. Dass er trotz seiner überzeugenden Leistungen keine Einladung ins Trainingscamp des NHL-Teams erhielt, war deshalb sehr überraschend und war auch für Niederreiter selbst ein Schock. Islanders-GM Garth Snow begründete den Entscheid damit, dass man dem Schweizer in der AHL mehr Eiszeit und mehr Verantwortung übertragen möchte. Ein vordergründig vernünftiger Entscheid, der angesichts des nach der Vorsaison völlig abhanden gekommenen Selbstvertrauens des Bündners allerdings wenig sensibel erscheint. Es liegt nun an Niederreiter, den Islanders-Verantwortlichen zu beweisen, dass er in die NHL gehört.

Unsere Prognose: Niederreiter wird sich gedulden müssen, wird aber die Chance, die man ihm in der NHL (hoffentlich doch noch) gewähren wird, diesmal packen und in 25 Spielen zwischen 5 und 10 Tore erzielen.

Luca Sbisa, Anaheim Ducks

Während des Lockouts hat Luca Sbisa in seiner Heimat bewiesen, dass aus ihm inzwischen ein kompletter Verteidiger geworden ist. In der NHL gilt der Zuger schon lange als zuverlässiger Defensiv-Mann, der harte Checks austeilen kann. In Anaheim hat er nun die Chance, sich als Zweiweg-Verteidiger zu etablieren. Die Ducks sind in der Defensive nicht sonderlich breit besetzt, sodass sich für Sbisa möglicherweise auch Optionen im Powerplay ergeben könnten - zumal der im Sommer engagierte Überzahlspezialist Sheldon Souray als sehr verletzungsanfällig gilt.

Unsere Prognose: Luca Sbisa wird jedes Spiel der Ducks bestreiten und seinen Part mehr oder weniger unauffällig spielen.

Mark Streit, New York Islanders

Für den Captain der New York Islanders wird die neue NHL-Saison wegweisend sein. Sein Vertrag in New York läuft im Sommer aus. Als «Unrestricted Free-Agent» kann er sich dann seinen neuen Arbeitgeber auswählen. Die grosse Frage ist: Schafft er es, wieder zu seiner Bestform zurückzufinden, die ihn in der Saison 2009/2010 zu einem der besten NHL-Verteidiger werden liess? Streit wird zweifellos davon profitieren, dass er mit dem SC Bern schon an die 30 Meisterschaftsspiele bestreiten durfte und deshalb schon «im Saft» ist. Klar ist: Streit steht bei den Islanders in der Verantwortung und muss regelmässig Top-Leistungen bringen. Nach Jahren der notorischen Erfolgslosigkeit erhofft man sich auf Long Island zumindest mal wieder die Playoff-Qualifikation.

Unsere Prognose: Streit wird, zusätzlich motiviert von seiner Vertragssituation, zu alter Stärke zurückfinden und mindestens einen halben Skorerpunkt pro Spiel verbuchen.

Yannick Weber, Montreal Canadiens

Wie bei Mark Streit geht es auch bei Weber darum, sich für einen neuen NHL-Vertrag zu empfehlen. Während Streit aber eine feste Grösse in der NHL ist, muss Weber um seine Zukunft in der besten Liga der Welt zittern. Zunächst geht es für ihn aber mal darum, bei den Montreal Canadiens überhaupt zum Einsatz zu kommen. Sind alle Verteidiger gesund, dann muss er sich in der Hierarchie ziemlich weit hinten einordnen. Webers grösster Trumpf ist sein harter Schuss, der ihn im Powerplay zu einer valablen Option macht. Viel mehr bietet er allerdings nicht. Spielverständnis, Physis und Schnelligkeit sind höchstens durchschnittlich. Wohl zu wenig, um sich auf Dauer in der NHL etablieren zu können.

Unsere Prognose: Yannick Weber wird in Montreal hartes Brot essen müssen und höchstens zu Teileinsätzen kommen. Es ist möglich, dass die Canadiens ihn transferieren oder er gar auf die «Waivers» muss. Diese stellen eine Klausel dar, nach der Weber (er besitzt einen Einwegvertrag) von einem anderen NHL-Klub gratis geholt werden könnte, würde ihn Montreal in die AHL abschieben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1