Der Typ hat keine Ahnung, wie hoch sein Marktwert ist. Mit «der Typ» ist Ivars Punnenovs gemeint. 24-jähriger Lette mit Schweizer Lizenz und Torhüter in Langnau. Die Leute, die Punnenovs Ahnungslosigkeit unterstellen, haben durchaus Erfahrung im Eishockey-Geschäft. Damit konfrontiert, schmunzelt er und sagt: «Ich weiss es wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung.» Nur Koketterie?

Punnenovs ist die wohl grösste Entdeckung der vergangenen Eishockey-Saison. Und das, obwohl er in einem Brockenstuben-Team spielt, wie ein Kollege die SCL Tigers mal bezeichnete. Quasi ein weisser Trüffel in einem Korb voller Champignons. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten. Kommt dazu, dass talentierte Torhüter gefragter sind denn je.

Einerseits schlittert das Schweizer Eishockey in eine Torhüterkrise, weil es über Jahre hinaus an talentierten Nachwuchskräften mangelt. Andererseits, weil viele Klubs ihre Torhüterposition für die Saison 2019/2020 noch nicht besetzt haben (siehe Kasten). Darunter Klubs wie Lugano, Bern und Davos, wo um den Titel gespielt wird statt um den Klassenerhalt wie in Langnau.

Vertragsverlängerung im März

Die Chance für Punnenovs, ab 2019 für mehr Lohn bei einem besseren Team zu spielen, quantifizierten Experten mit 100 Prozent. Doch er schlägt die Einladung fürs Goalie-Karussell subito aus. Noch im März verlängert er seinen 2019 auslaufenden Vertrag bei den SCL Tigers bis 2021. Ohne Ausstiegsklausel.

Ohne Not, sagen jene, die Punnenovs in dieser Angelegenheit für ahnungslos halten. Statt nächstes Jahr Leonardo Genoni beim glamourösen SC Bern zu beerben, sitzt er im bodenständigen Emmental fest. Er sagt: «Zum Zeitpunkt, als ich in Langnau verlängerte, hatte ich keine andere Offerte.» Wieder dieses Schmunzeln, das so viel Interpretationsspielraum bietet. Wieder nur Koketterie?

Ivars Punnenovs erklärt: «Zum Zeitpunkt, als ich in Langnau verlängerte, hatte ich keine andere Offerte.»

Ivars Punnenovs erklärt: «Zum Zeitpunkt, als ich in Langnau verlängerte, hatte ich keine andere Offerte.»

«Als Langnau mir eine Vertragsverlängerung offerierte, sagte ich meinem Agenten, dass fünf Punkte stimmen müssen. Punkt 1: Was denkt meine Frau, fühlt sie sich in Langnau wohl? Punkt 2: Sind die Fans gut? Punkt 3: Ist es für meine Eltern gut machbar, mich zu besuchen? Punkt 4: Wenn wir später ein Kind haben, ist Langnau ein guter Ort für eine junge Familie? Punkt 5: Fühle ich mich wohl in der Mannschaft und kann ich mich in diesem Umfeld sportlich und menschlich weiterentwickeln? Einen Tag später sagte ich meinem Agenten: Alle diese fünf Punkte stimmen für mich in Langnau. Also, ich weiss nicht, wie viel ich verdienen soll. Du weisst das besser als ich. Handle bitte die Vertragsverlängerung aus.»

Wer ist dieser Mann, der für den Moment Geld und Ruhm weniger stark gewichtet als das Wohlbefinden seiner Frau?

Talent wird schnell erkannt

Punnenovs kommt am 30. Mai 1994 in der lettischen Hauptstadt Riga zur Welt. Der Vater produziert mit seiner Firma Sonnenschirme. Damit gehört die Familie zum gehobenen Mittelstand. «Was in Lettland ziemlich exklusiv ist», sagt Punnenovs. «Denn die Menschen sind arm, oder ziemlich reich, weil sie entweder korrupt oder skrupellos sind.»

Mitsechs beginnt er mit Eishockey. Und als er in einem Training registriert, wie wenig die Torhüter im Vergleich zu den Feldspielern laufen müssen, will er ins Tor. Er kriegt die älteste, schwerste Goalie-Ausrüstung. «Sie hat fürchterlich gestunken», sagt er. «Aber ich war so stolz, dass ich sie am ersten Tag zum Schlafen nicht ausgezogen habe.»

Bald kristallisiert sich heraus, dass Punnenovs als Torhüter über spezielle Fähigkeiten verfügt. Individuell gefördert wird man in der früheren Sowjetrepublik nicht. Entweder, man schafft es im Kollektiv auf eigene Faust. Oder man geht in der Masse unter.

«Das Leben in Lettland ist härter, die Menschen kühler», sagt Punnenovs. «Ich war am Anfang in der Schweiz total erstaunt, als mich wildfremde Menschen auf der Strasse gegrüsst haben. Tust du das in Lettland, riskierst du Ärger.»

Das Leben von Ivars Punnenovs erfährt eine plötzliche Wendung, als er 15 ist. Der Vater seines besten Kumpels Toms Andersons (neu bei B-Klub Langenthal), mit dem er zusammenspielt seit er 6-jährig ist, erzählt, sein Sohn werde indie Schweiz ziehen.

Ein positiver Kulturschock

Haris Witolinsch, eine Legende in Lettland, hätte gefragt, ob Toms zu den Pikes nach Romanshorn wechseln wolle. Ausserdem suche Witolinsch, der bei den Pikes seine ersten Erfahrungen als Trainer macht, noch einen Torhüter. Ob Ivars nicht mitgehen wolle? Vom Schweizer Erstliga-Klub haben sie zwar noch nie etwas gehört.

Aber wenn Witolinsch, bei den Olympischen Spielen von 2002 immerhin Fahnenträger Lettlands, ruft, schaut man sich das zumindest mal an. Und was sie sehen, gefällt ihnen. Ivars Punnenovs und Toms Andersons verlegen als Teenager und ohne Schulabschluss ihren Lebensmittelpunkt in den Kanton Thurgau. Ohne Zweifel. Stattdessen denken sie: «Cool, endlich ohne Eltern.»

Sie wohnen bei Gasteltern in der thurgauischen Provinz, besuchen in Kreuzlingen die Nationale Elitesportschule und trainieren in Romanshorn. Allein der strukturierte Tagesablauf hilft bei der Integration. Gleichwohl sind die ersten Tage wie ein Kulturschock der positiven Art.

«Die jungen Schweizer Spieler sind in der Regel verwöhnt, bisweilen sogar wohlstandsverwahrlost», ist Punnenovs überzeugt.

«Die jungen Schweizer Spieler sind in der Regel verwöhnt, bisweilen sogar wohlstandsverwahrlost», ist Punnenovs überzeugt.

«Als Toms und ich das erste Mal in Romanhorn am Bodensee entlangschlenderten, sagte ich ihm: Schau, wie hier alles sauber ist. Hier wirft man keinen Abfall auf den Boden. Ein paar Meter weiter kriegen wir uns kaum mehr ein: Denn mitten auf der Wiese sehen wir einen demolierten Bürostuhl.»

Bei den Pikes sind die beiden gut aufgehoben. Der Klub hat es zum Geschäftsmodell gemacht, junge ausländische Spieler an den Bodensee zu locken, wo sie sich auch dank der guten Infrastruktur weiterentwickeln können. Was diese Spieler zusätzlich interessant macht: Sie belasten später das Ausländerkontingent nicht, wenn sie mehrere Jahre als Junioren in der Schweiz lizenziert waren.

Der grosse Dank an den Vater

Einer, der Punnenovs den Weg bereitete, ist Ronalds Kenins. Auch er zog als Teenager von Riga nach Romanshorn. Wurde später mit den ZSC Lions zweimal Meister, spielte danach zwei Saison für die Vancouver Canucks in der NHL und steht mittlerweile beim HC Lausanne unter Vertrag.

Richard Stäheli, damals Präsident der Pikes, erzählt: «Wir haben uns einen sehr guten Ruf in der Szene erarbeitet. Deshalb hatten wir jedes Jahr etliche Bewerbungen von ausländischen Junioren, insbesondere aus Osteuropa.» Und das, obwohl der Klub weder die Kosten für die Gastfamilie (400 bis 600 Franken pro Monat) noch jene für die Schule übernimmt.

«Ich habe mich bei meinem Vater tausend Mal dafür bedankt, dass er mir den Wechsel in die Schweiz ermöglicht hat», sagt Punnenovs. Die Investition zahlt sich aus. Stäheli erinnert sich: «Unglaublich schnelle Beine, ein ausgeprägter Wettkampftyp und ein Junge, der sehr hohe Ansprüche an sich selber stellt.» Nur: Diese ausländischen Junioren sind nicht überall gern gesehen, wenn sie Schweizer Spieler verdrängen.

Punnenovs sagt: «Auf die Gefahr, dass Eltern von Junioren nun sagen, der Ivars ist ein Idiot: Aber, die jungen Schweizer Spieler sind in der Regel verwöhnt, bisweilen sogar wohlstandsverwahrlost. Deshalb braucht es die jungen Ausländer, um den Schweizern das Wohlfühlen zu verunmöglichen. Ich bin überzeugt, dass der durch junge Ausländer angeheizte Konkurrenzkampf die jungen Schweizer besser macht.»

Doch wie gross ist die Gefahr, dass er nach neun Jahren in der Schweiz vollumfänglich assimiliert ist? «Ich bin in der Schweiz freundlicherer, zugänglicherer, ein besserer Mensch geworden. Aber als Eishockeyspieler bin ich immer noch wie der junge Lette, der sich durchbeissen muss. Lettland ist für das Herz, die Schweiz für das Brot.»

Erfolgsfaktor Punnenovs

Und dieses verdient er weiterhin in Langnau, einem Klub, der vielleicht, wenn alles optimal läuft, die Sternenkonstellation passt, die Hockey-Götter gut gesinnt sind, erstmals seit 2011 die Playoffs schaffen könnte. Aber das bedingt fast ausschliesslich magische Vorstellungen von Punnenovs. Oder anders formuliert: Nirgends ist der Torhüter ein grösserer Erfolgsfaktor als in Langnau, oder?

«Ich bin einfach der Goalie, Punkt. Sie sehen ja, was jetzt bei Leonardo Genoni läuft. Er wechselt nächste Saison von Bern nach Zug. Von einer guten Mannschaft zu einer anderen guten Mannschaft. Aber ich lese etliche Artikel, die darüber berichten, wie schwierig, ja beinahe unmöglich es wird, Genoni zu ersetzen. Denken Sie nicht, dass Genoni ein wichtiger Faktor für den Erfolg des SC Bern ist?»