Kevin Schläpfer, hat die Playoff-Qualifikation mit Biel geholfen, Ihre schlimmste Niederlage der Saison zu verdauen – das 1:7 von Brasiliens Fussballern im WM-Halbfinal gegen Deutschland?

Kevin Schläpfer (kommt sofort in Fahrt): Ich habe es ja vorausgesehen, ein Brasilien ohne Neymar, da bleibt nicht mehr viel übrig …

Vor allem, wenn ein derartiger Personenkult betrieben wird wie bei ihm. Das fördert das Selbstvertrauen der Mitspieler kaum.

Aber es war trotzdem richtig, sich so auf Neymar zu fokussieren. Neymar war der einzige Grund, warum Brasilien vom Titel träumen durfte. Ohne ihn wäre schon in der Vorrunde Schluss gewesen. Die WM hat meine These bestätigt, wie wichtig die Energie ist. Wenn Neymar an den Ball kam, wurden 60 000 Zuschauer laut und nervös und das ganze Stadion dachte: Was passiert nun? Als diese Magie vorbei war, passierte einfach nichts mehr. Spätestens nach dem 0:1 gegen Deutschland fragten sich alle Fans und Spieler: Wer bitte schön soll jetzt zwei Tore schiessen?

Wechseln wir zum Eishockey. Wer in der Schweiz ist für Sie so herausragend wie Neymar?

Roman Wick. Vor ihm habe ich sehr viel Respekt. Wenn er einen guten Tag erwischt, stoppt ihn niemand.

Das ist jetzt wohl kaum Zufall, dass Wick bei den ZSC Lions spielt …

Doch, doch, ich hätte Ihnen auch vor einem Monat die gleiche Antwort gegeben. Damien Brunner ist auch ein Kandidat dafür, er kommt langsam wieder in Schwung. Aber Wick ist schon die ganze Saison hier.

In der Qualifikation gewann Biel drei von vier Spielen gegen den ZSC. Was braucht es für Ihr Team, um den ZSC in einer Serie zu schlagen?

Es tut gut zu wissen, dass wir Zürich schlagen können. Aber das beschäftigt sie nicht wirklich. Dafür haben sie als Team viel zu viel erlebt. Zudem können sich die Topteams im Playoff immer steigern. Die Frage wird sein, ob wir das auch können. Und wie unsere Torhüter mit der neuen Situation umgehen.

Trotzdem: Sie sind sicher glücklich, dass die Lions den SCB noch als Qualifikationssieger abfingen.

Nein, da muss ich Ihnen widersprechen, ich hätte gerne gegen den SC Bern gespielt. Zuerst einmal: Der ZSC ist vom Potenzial her die beste Mannschaft der Liga. Wichtiger aber ist: In Bern liegen die Nerven viel schneller blank als in Zürich. Stellen Sie sich vor, wir würden das erste Spiel beim ZSC gewinnen – da wird doch in Zürich noch niemand nervös. Aber in Bern, da würde der Baum bereits lichterloh brennen.

Mag sein, aber der SCB muss sich rehabilitieren für die vergangene Playout-Saison. Die ZSC Lions dagegen sind nach dem Titel satt. Zudem ist dieses «Es-wird-dann-schon-noch-reichen»-Gefühl tief verankert im Team. Aber irgendwann wird sich das rächen.

Wenn es so ist, wie Sie sagen, dann nehme ich das natürlich gerne. Trotzdem: Ich habe das Gefühl, die Lions sind auf einem guten Weg. Und der SCB hat ein paar Mal extra verloren, um nicht auf uns zu treffen (lacht schallend).

Bei einem Verein wie Biel sind Sie als Trainer eine Art «Überlebensmanager». Bei einem Spitzenteam ist ein Trainer eher «Erfolgsmanager». Würden Sie auch in dieser Rolle funktionieren?

Schwierig zu sagen, ich war ja noch nie Trainer bei einem absoluten Spitzenteam. Aber ich habe das Gefühl, dass Krisenmanagement schwieriger ist als Erfolgsmanagement. Meine härtesten Erlebnisse der Karriere waren die Ligaqualifikationen 2009 und 2010, als ich das Team übernehmen musste. Denn dort kommt ein Faktor dazu, den du an der Ligaspitze nie hast: die Existenzangst. Diese Angst ist die schlimmste. Wenn dein Arbeitsplatz, dein Einkommen in Gefahr ist, dann beginnst du zu zittern.

Aber eine Halbfinal-Qualifikation mit Biel wäre Ihr grösster Erfolg als Trainer.

Nein, eben nicht. Weil es nicht um die Existenz geht. Ob wir nun den Halbfinal erreichen oder nicht, das verändert unser Leben nicht gross. Aber damals in der Ligaqualifikation, da hatte jeder im Verein Angst. Es kamen Sekretärinnen heulend auf mich zu, baten um Hilfe. Wir mussten unsere Autos verstecken, weil wir Angst hatten, sie werden zerkratzt. Nach den Spielen empfingen uns vermummte Fans. Die Spieler waren kreideweiss. Ohne diese Siege wäre ich heute kein NLA-Trainer. Und mein Leben hätte sich in irgendeine andere Richtung entwickelt.

Diese Erlebnisse waren also die beste Schule für Sie.

Genau. Ich habe das Gefühl, härter wird es nicht mehr. Ich sage immer wieder: Eine Stunde nach dem letzten Spiel im Playoff-Final paffen beide Teams Zigarren. Nach einer Ligaqualifikation macht das der Verlierer bestimmt nicht.

Würden Sie sich den ZSC als Trainer zutrauen?

Ja sicher. Ich möchte auch irgendwann eine absolute Spitzenmannschaft übernehmen. Egal, ob es der ZSC, der SCB oder sonst wer ist. Auf diese Herausforderung brenne ich, das darf ich zugeben. Aber mein absoluter Traum wäre natürlich, erst mit Biel Meister zu werden. Danach würde ich zurücktreten, dann wäre das Buch geschrieben, die Story bereit zum Verfilmen (lacht).

Aber vor einem Jahr war die Situation noch nicht reif, um zum SCB zu wechseln – Sie waren der Wunschkandidat in Bern ...

Das möchte ich nicht kommentieren. Nur so viel: Ich hätte den EHC Biel in dieser Situation unmöglich verlassen können.

Sie träumen vom Meistertitel mit Biel, ist das wirklich realistisch?

Ich sehe das als Vision. Ich möchte es einfach nicht als unrealistisch anschauen. Wir beziehen nun eine Top-Halle. Jetzt muss doch etwas gehen! Und ich möchte der Motor sein. Ich will nicht, dass die Leute denken: «Ach so, in Biel ist einfach nicht mehr möglich als eine Playoff-Qualifikation.» Die Leute müssen denken: «Hmm, wer weiss, dieser Kevin, vielleicht hat er ja doch recht mit seinem Traum.»

Welchen Zeithorizont am Meister-Himmel sehen Sie?

In den ersten zwei Jahren im neuen Stadion ist es wichtig, auf dem Boden zu bleiben. Die Euphorie alleine wird uns nicht zu Wunder tragen. Darum: Zwei Jahre überleben, vielleicht mit Playoff-Qualifikationen, das wäre schön. Im dritten oder vierten Jahr sollte dann ein weiterer Schritt drinliegen, vielleicht werden wir einmal Sechster, Fünfter oder gar Vierter. Und dann, in fünf oder sechs Jahren – angreifen!