Eishockey
SCB-Goalie Marco Bührer: «Da wusste ich: ‹Das wars!›»

SCB-Torhüter Marco Bührer darf nur noch von der Bank aus zusehen, wie seine Berner Teamkollegen im Playoff-Final um den Meistertitel kämpfen.

Marcel Kuchta, Bern
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Mit Playoff-Bart, aber nur noch Zuschauer: SCB-Goalie Marco Bührer.

Mit Playoff-Bart, aber nur noch Zuschauer: SCB-Goalie Marco Bührer.

Freshfocus

Im November 2015 absolvierte SCB-Goalie Marco Bührer sein 800. und letztes NLA-Spiel. Zwei Monate später gab der 36-Jährige wegen einer schweren Fussverletzung den Rücktritt bekannt. Jetzt verfolgt er die Titeljagd seiner ehemaligen Teamkollegen als Zaungast auf der Tribüne. Dort, wo ihm immer noch sehr viele Sympathien zufliegen. So auch während des Foto-Shootings vor dem Finalspiel gegen Lugano am Dienstag. Hier ein kleiner Schwatz, dort ein Autogramm, da ein Fotowunsch. Marco Bührer lächelt – und freut sich von Herzen über die Zuneigung der Berner Fans, die ihren langjährigen Goalie nicht so schnell vergessen werden.

Über 14 Jahre der Arbeitsplatz von Marco Bührer: Die Postfinance Arena in Bern.

Über 14 Jahre der Arbeitsplatz von Marco Bührer: Die Postfinance Arena in Bern.

Keystone

Wenn man zur Postfinance-Arena läuft, sieht man ein überdimensional grosses Mannschaftsbild, in deren Mitte Sie immer noch stehen. Fühlen Sie sich auch nach Ihrem Rücktritt noch als ein Teil des Teams?

Marco Bührer: Ich komme immer noch gerne ins Stadion. Das war über 14 Jahre lang mein Arbeitsplatz. Und ich stehe natürlich weiterhin in Kontakt mit den Jungs, bin an den Teamevents und an allen Heimspielen live dabei.

Zieht es Sie nach all den Jahren nicht immer wieder in die Garderobe?

Doch , doch. Nach den Spielen ist es in der Kabine am lustigsten, da bin ich schon noch gerne dabei. Aber wenn man nicht mehr spielt, dann ist man auch nicht mehr im Training dabei, sitzt nicht mehr im Mannschaftscar. Das fehlt mir schon.

Sie haben im Januar Ihre Karriere endgültig beendet. Wie verarbeitet man so etwas?

Der Entscheid, dass ich meinen Fuss operieren lassen muss, reifte über Monate. Eigentlich war für mich schon in dem Moment, als ich mich im November im Spiel gegen Lausanne (2:5-Niederlage, Anm. der Red.) nach 40 Minuten auswechseln lassen musste, klar, dass meine Karriere jetzt zu Ende gegangen ist.

War Ihnen das in diesem Augenblick wirklich bewusst?

Ja, ich bin vorher ja nur noch auf dem Eis gesessen, ich konnte nicht mal mehr im Tor stehen. Es war entsprechend auch kein gutes Spiel von mir. Da wusste ich: «Das wars.»

Bührer wäre laut eigener Aussage mit seinem Gesundheitszustand der Mannschaft keine Hilfe mehr gewesen.

Bührer wäre laut eigener Aussage mit seinem Gesundheitszustand der Mannschaft keine Hilfe mehr gewesen.

Keystone

Wie geht man mit dem Moment um, wenn man weiss, dass man nicht mehr weiterspielen kann?

Das war natürlich unglaublich hart. Zusätzlich war ich noch nervös wegen der bevorstehenden Operation. Ich musste mich während meiner ganzen Karriere nie operieren lassen. Sieben Wochen nach der OP wurde es langsam besser, ich konnte wieder laufen und den Alltag meistern.

Aber ohne Eishockey...

Ja, dem musste ich mir bewusst werden. Aber zuerst stand im Mittelpunkt, dass ich wieder normal laufen kann. Und in diesem Prozess wurde mir auch klar, dass ich nicht mehr aufs Eis zurückkehren und auch bei keinem anderem Team mehr einen Vertrag unterschreiben werde. Ich bin gespannt, wie ich mich im kommenden Herbst fühle, wenn die neue Saison beginnt. Eishockey hat 30 Jahre lang mein Leben bestimmt. Immerhin hatte ich jetzt schon ein paar Monate Zeit, mich ein wenig abzugewöhnen (lacht).

Wie haben Sie als Zuschauer die schwierige Qualifikation des SC Bern erlebt?

Wir hatten sehr viel Pech mit Verletzungen, aber der Team-Spirit war immer hervorragend. Deshalb war es für mich klar, dass es gut kommen wird, wenn wir wirklich mal das Glück auf unsere Seite ziehen können. Das gelang uns in extremis. Und jetzt sieht man, was in dieser Mannschaft steckt.

Wie oft haben Sie sich während der Krise gewünscht, selber wieder eingreifen zu können?

Immer! Das waren ja genau die Situationen, in denen es mich als Goalie in Bern auch in der Vergangenheit oft gebraucht hatte. Aber eben: Mit meinem Gesundheitszustand wäre ich der Mannschaft keine Hilfe mehr gewesen.

Ihre Nachfolger im Tor hatten es allerdings nicht einfach. Sowohl Jannick Schwendener, der plötzlich die Rolle der Nummer eins spielen musste. Und auch Jakub Stepanek, der als Quereinsteiger sofort die Verantwortung übernehmen musste.

Schwendener zeigte am Anfang zwei gute Spiele. Dann verpflichtete man Daniel Manzato als Notnagel, was meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre. Denn danach war bei Jannick das Selbstvertrauen weg. Stepanek brauchte zu Beginn ebenfalls Zeit. Die Mannschaft und er mussten zuerst das gegenseitige Vertrauen entwickeln. Nach einem mittelmässigen Start hat er sich nun unglaublich gesteigert und wie die ganze Mannschaft einen Riesenlauf.

Haben Sie Stepanek öfters mal ein paar Tipps gegeben, wie das Goalie-Dasein beim SCB funktioniert?

Klar. Wenn ich in der Garderobe bin, dann rede ich immer mit den Goalies. Das sind auch meine Jungs. Wir sind wie ein Dreiergespann, wobei ich derjenige mit der Aussensicht bin. Ich war immer positiv, weil ich weiss, wie schwierig solche Situationen wie in dieser Saison sind. Ich sagte ihm: «Ich habe das alles auch schon erlebt. Kämpfe weiter. Irgendwann kommt die Wende zum Guten.»

Wie haben Sie Stepanek erlebt?

Er wusste am Anfang gar nicht, wo er da reingeraten war, auf welchem Tabellenplatz wir standen. Er ging davon aus, dass er zu einem Spitzenteam gewechselt hatte. Dabei kämpften wir am Strich und spielten entsprechend. Jetzt macht es ihm natürlich auch die Mannschaft viel einfacher. Er kann jetzt profitieren und sich selber auch viel besser einbringen.

Bührer zu Stepanek (im Bild): «Ich habe das alles auch schon erlebt. Kämpfe weiter. Irgendwann kommt die Wende zum Guten.»

Bührer zu Stepanek (im Bild): «Ich habe das alles auch schon erlebt. Kämpfe weiter. Irgendwann kommt die Wende zum Guten.»

Urs Lindt/freshfocus

Sie stehen ja noch bis Ende Saison beim SCB unter Vertrag. Welche Aufgaben haben Sie neben dem Eis?

Ich sehe meine Rolle als eine Art SCB-Botschafter. Ich bin immer noch voll eingebunden, habe drei, vier Termine pro Woche. Ich schaue die Spiele mit Sponsoren, bin viel im Stadion unterwegs, führe Gespräche, gebe Interviews. Zwischendurch bin ich aber auch froh, wenn dem Match mal 20 Minuten lang in aller Ruhe zuschauen kann.

Man sagt ja immer, dass Zuschauen schlimmer ist, als selber mitzuspielen. Wie erleben Sie die Rolle als «Passivsportler»?

Im Stadion ist es für mich einfacher, zuzuschauen, weil ich auch immer wieder abgelenkt werde. Viel schlimmer ist es zuhause vor dem Fernseher. Wahrscheinlich auch deshalb, weil mich dort niemand beobachten kann (lacht).

Zur Person

2001 stiess der in der Juniorenabteilung des EHC Kloten ausgebildete Bülacher als Nachfolger des grossen Renato Tosio zum SC Bern. Bührer, der wegen seines konservativen Spielstils, seiner für einen Goalie eher kleinen Statur und seiner altmodischen Gittermaske während der ganzen Karriere gerne unterschätzt wurde, schaffte es, aus dem riesigen Schatten seines Vorgängers zu treten und feierte mit dem SCB in den über 14 Jahren drei Meistertitel (2004, 2010, 2013). Am 18. Januar 2013 stellte Bührer einen neuen Schweizer Rekord auf. Er blieb über fünf Spiele hinweg exakt 269 Minuten und 9 Sekunden ohne Gegentreffer. Der ausgebildete Treuhänder ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sie treffen im Stadion viele Leute. Welche Reaktionen erleben Sie?

Generell ist es wunderbar, zu erleben, wie glücklich die Fans sind und sich bei mir persönlich für die über 14 Jahre in Diensten des SCB bedanken. Das macht mich selber auch stolz und glücklich. Auch deshalb versuche ich jetzt, diesen Leuten etwas zurückzugeben. Ich nehme mir sehr gerne die Zeit für kurze Gespräche, Autogramme oder Fotowünsche.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Da ist alles aufgegleist. Ich arbeite seit zwölf Jahren in einem Treuhandbüro. Ab Mai werde ich dort mein Pensum auf 100 Prozent aufstocken.

Also wirklich fertig Eishockey?

Ja.

Wie hat eigentlich Ihre Familie auf das plötzliche Karrierenende reagiert?

Gut. Am Anfang bin ich ja nur herumgelegen (lacht). Nein, das war natürlich schon ein riesiger Einschnitt. Jetzt gewöhnen wir uns daran, wie das Leben ohne Eishockey sein wird. Wir werden aber auch in Zukunft oft in der Postfinance-Arena anzutreffen sein.

Marco Bührer hat mit dem Eishockey definitiv abgeschlossen und wird in Zukunft zu 100% in einem Treuhandbüro angestellt sein.

Marco Bührer hat mit dem Eishockey definitiv abgeschlossen und wird in Zukunft zu 100% in einem Treuhandbüro angestellt sein.

Keystone

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