NLA
SCB-Captain Martin Plüss: «Ich bin ein Typ, der viel hinterfragt»

Martin Plüss wurde in Bern als «wertvollster Spieler» der letzten Saison ausgezeichnet. Die Erfahrung helfe ihm, in entscheidenden Momenten gut zu spielen, erklärt der SCB-Captain. Über Olympia 2014 macht er sich noch nicht allzu viele Gedanken.

Marcel Kuchta, Bern
Drucken
Teilen
In der Form seines Lebens: Martin Plüss führte den SCB im Frühling zum Meistertitel.

In der Form seines Lebens: Martin Plüss führte den SCB im Frühling zum Meistertitel.

Keystone

Martin Plüss, gehen Sie mit mir einig, wenn ich behaupte: Der Martin Plüss der Monate April und Mai war der Beste, den es je gegeben hat?

Martin Plüss: Es ist schwierig für mich, das einzuordnen. Ich habe schon das Gefühl, dass ich in jener Phase sehr gut gespielt habe. Oder anders ausgedrückt: Ich erreichte den Level, den ich eigentlich stets anstrebe und angestrebt habe.

Und das im für Spitzensport-Verhältnisse recht hohen Alter von 36.

Die Erfahrung hilft, dass man in den entscheidenden Momenten gut spielt. Sie hilft auch, dass man generell konstanter ist. Das andere ist der physische Aspekt. Man muss sicher sehr fit sein. Darauf habe ich während meiner ganzen Karriere immer grosses Gewicht gelegt. Dazu gehört beispielsweise harte Arbeit während des Sommertrainings. Ich habe das stets mit dem Ziel im Hinterkopf getan, auch noch im «höheren» Alter mein Leistungslevel halten zu können. Gerade für einen Spieler wie mich, der sehr von seiner Schnelligkeit abhängig ist, ist eine intakte Physis eine Grundvoraussetzung.

Was war für Sie wertvoller: der auf dramatische Art und Weise geschaffte Meistertitel mit dem SCB oder die fantastische WM-Silbermedaille?

Ich möchte und kann die beiden Erfolge gar nicht vergleichen.

Warum nicht?

Weil die Playoffs eine unglaublich intensive Erfahrung waren. Wir standen von Anfang an mit dem Rücken zur Wand. Der Druck von aussen war, wie in Bern üblich, enorm. Man scheidet als SCB ganz einfach nicht in einem Playoff-Viertelfinal aus. In dieser Phase waren speziell die Führungsspieler gefordert. Es war sehr anstrengend, diesen Effort durchzuziehen. Dann aber mitzuerleben, wie wir doch noch einen Weg zum Meistertitel gefunden haben, das war von der emotionalen Seite her phänomenal.

Das war aber auch die WM.

Klar. Eine WM muss man auch nochmals eine Stufe höher einordnen, weil es ein internationaler Wettbewerb ist. Die Silbermedaille war auch deshalb speziell, weil wir jahrelang immer im Viertelfinal gescheitert sind. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die Reaktion der Leute in der Schweiz. Wir haben die Menschen mit unseren Leistungen berührt, sie waren stolz. Nicht nur wegen der Medaille, sondern auch mit der Art und Weise, wie wir gespielt haben, wie wir aufgetreten sind. Ein schöneres Kompliment kann man eigentlich gar nicht bekommen. Der Empfang am Flughafen machte mich «baff».

Sind Sie ein Captain, der in der Kabine auch laut werden kann? Oder eher der Leadertyp, der seine Mitspieler durch Leistungen auf dem Eis mitreisst?

Das zentrale Ziel ist: Auf dem Eis vorauszugehen. Neben dem Eis sage ich etwas, wenn ich etwas zu sagen habe. Dann bin ich sehr aktiv. Aber ich bin dafür, dass die Leadership innerhalb eines Teams breit abgestützt ist. Die Impulse dürfen nicht immer von der gleichen Person kommen. Ein zu dominanter Captain nutzt sich mit der Zeit ab. Wir haben in Bern in dieser Beziehung jedenfalls ein sehr solides Fundament. Darum waren wir in den letzten Jahren auch konstant erfolgreich. Das wird gerne unterschätzt.

Sie gelten als absoluter Musterprofi. Würden Sie sich selbst auch so einschätzen?

Kommt drauf an, wie man den Begriff «Musterprofi» definiert. Wenn es heisst, dass man sich professionell vorbereitet und professionell trainiert, dann trifft das auf mich zu. Wenn es aber heisst, dass man sehr angepasst ist und einfach die Direktiven seines Trainers umsetzt, dann gehöre ich nicht zu dieser Kategorie.

Wieso nicht?

Ich bin als Captain schon einigen Trainern auf die Nerven gegangen (lacht). Es ist halt so: Als Captain werde ich von der Mannschaft gewählt. Also muss ich auch die Interessen der Mannschaft gegenüber dem Trainer vertreten. Und dann ist es mir egal, ob das der Trainer gut findet oder nicht. Das hat in anderen Jahren bei anderen Coaches durchaus immer wieder zu Problemen geführt. Ich bin auch eher ein Typ, der das eine oder andere hinterfragt und auch mal bewusst den Konflikt sucht.

Welche Werte sind Ihnen wichtig?

Mir ist wichtig, dass man offen miteinander umgeht. Dass man Probleme mit den Betroffenen direkt anspricht und Lösungen sucht. Respektvoller Umgang untereinander ist mir wichtig. Und ich finde auch – bei aller Ernsthaftigkeit, dass der Humor nicht zu kurz kommen darf.

Was macht Sie wütend?

Verlogenheit, Scheinheiligkeit. Ich mag es nicht, wenn die Leute ihre Probleme hinter dem Rücken der anderen regeln.

Es gibt die Episode, dass Sie Ihre Mitspieler während der letzten Playoffs, als sie gegen Servette in den Viertelfinals mit dem Rücken zur Wand standen, zu sich nach Hause eingeladen, und damit alle überrascht haben. Was war der Auslöser dieser Aktion?

Ich wollte eigentlich nicht, dass das an die Öffentlichkeit gelangt (lacht). Ich hatte zu jenem Zeitpunkt zusammen mit der Klubführung das Gefühl, dass wir unbedingt etwas machen müssen. Im Nachhinein muss ich sagen: Es ist alles super aufgegangen. Es war eine Hau-Ruck-Übung, aber alles hat einfach hundertprozentig gepasst.

Sie sind einer der wenigen Spieler, die ihre Interessen nicht durch einen Agenten vertreten lassen. Können Sie pokern am Verhandlungstisch?

Ich will es gar nicht. Ich habe das bisher immer abgelehnt und finde, dass man ehrlich miteinander umgehen können sollte – ohne irgendwelche Psycho-Spielchen. Ein Spieler hat einen bestimmten Wert, es existiert eine Lohnhierarchie. Also findet man sich doch automatisch am richtigen Ort. Ich sage aber nicht, dass mein Weg der einzig richtige ist.

Zum Schluss noch der Blick nach vorne: Mit den Olympischen Spielen in Sotschi steht ein absolutes Highlight auf dem Programm. Rechnen Sie damit, im kommenden Februar zur Schweizer Olympia-Auswahl zu gehören?

Ich mache mir nicht allzu viele Gedanken. Wenn ich meine Leistungen auf dem Eis bringe, erhöht das meine Chancen automatisch. Nur das zählt.

Aktuelle Nachrichten