Könnte es sein, dass ausgerechnet die Nachfahren der «Big Bad Bears» auf einmal Härte und Provokationen nicht mehr ertragen? Ja, es scheint so. Zumindest bei einer Momentaufnahme nach der Partie gegen den HC Lugano. Der SC Bern vergeigte erstmals unter Kari Jalonen im Schlussdrittel einen Dreitore-Vorsprung und verlor nach Penaltys (4:5).

Der SCB ist eine grosse, mächtige, in lichten Momenten beinahe perfekt funktionierende Hockey-Maschine, die in der vergangenen Saison die Meisterschaft beinahe nach Belieben dominiert hat.

Aber nun gibt es Anzeichen, dass ob diesem spielerischen Glanz etwas von der rauen Härte verloren gegangen ist, die eigentlich zur SCB-DNA gehört. Die Partie gegen Lugano war heftig umstritten. Lugano hat ausgeteilt. Nach einem beinharten Check des Riesen Julian Walker musste Berns Verteidiger Justin Krueger das Spiel abbrechen. Verdacht auf Gehirnerschütterung. SCB-Torhüter Leonardo Genoni wurde regelmässig hart angegangen. Hockey eben. Ein Spiel der rauen Kerle.

Rüfenacht teilt aus

Die heftige verbale Reaktion von Berns Vorkämpfer Thomas Rüfenacht auf eine zwar hitzige, aber durchaus im Rahmen der Regeln gespielte Partie überrascht. Er hatte bereits vor dem ersten Puckeinwurf eine Auseinandersetzung mit Luganos Schillerfalter Linus Klasen gehabt.

Bei verschiedenen «Rencontres» war es aber nie zu einer handfesten Schlägerei gekommen. Die Handschuhe wurden nicht ausgezogen und keiner musste vorzeitig unter die Dusche. Auch Rüfenacht hat sich nicht zu einem Faustkampf provozieren lassen.

Fast scheint es nun, als wolle er jetzt, hinterher Dampf ablassen. Was er mit den Fäusten nicht austeilen durfte, das folgt verbal. Er begründet seine Beherrschung eine gute Viertelstunde nach dem Spiel (also längst nicht mehr in der Hitze des Gefechtes) und beim offiziellen Medientermin durchaus einleuchtend: Er lasse sich doch von diesen «behinderten Spielern aus Luganos vierter Linie nicht aus dem Spiel nehmen». Und schon gar nicht prügle er sich mit Alessandro Chiesa. Ein so hüftsteifer, unbeweglicher Verteidiger nütze als Gegenspieler auf dem Eis mehr als unter der Dusche.

Rüfenacht bedauert, dass die Dinge nicht mehr unter Männern auf dem Eis geregelt werden können. «Ich würde die Handschuhe noch so gerne fallen lassen. Aber dann riskiere ich Sperren und Bussen.» Das sei schade. Und wer den zornigen Nationalstürmer so erlebt, ahnt, warum er der charismatischste SCB-Spieler ist.

SCB-General Marc Lüthi sagt, er bringe «etwas Diabolisches» ins Spiel. Eishockey ist eben doch so, wie es die Psychologin Caroline Fux einmal gesagt hat: «Es lockt ein Mix aus Männlichkeit und Verspieltheit, Narben und Räubergeschichten inklusive.»

So wird es nichts mit dem Titel

Thomas Rüfenachts Plädoyer für die archaische Selbstjustiz, die einst ein fester Bestandteil der NHL-Kultur war, wird ungehört verhallen. Sie ist Geschichte. In der NHL und erst recht in unserem Hockey. Berns Medien-General Christian Dick ahnt, dass Thomas Rüfenacht ein wenig übertrieben hat und mahnt die Chronisten bei der Berichterstattung um nachsichtige Zurückhaltung.

Ein bisschen viel Aufregung um eine Niederlage im September. Erst recht für ein Spitzenteam. SCB-Cheftrainer Kari Jalonen bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: «The Boys are the Boys». So sind die rauen Kerle halt. Männer, die dafür bezahlt werden, wie Kinder zu spielen.

Kann der Meister von 2016 und 2017 zur Tagesordnung übergehen? War diese Pleite gegen Lugano bloss ein «Betriebsunfall»? Es war eher eine Warnung.

Ausgerechnet die Berner ertragen Härte nicht mehr. Bereits in der Champions League haben sie gegen das raue britische Operetten-Team aus Nottingham eine schmähliche Niederlage erlitten (2:4). Und jetzt ging der Meister gegen ein böses Lugano unter. Der SCB ist arrogant und weich geworden. So wird es nichts mit dem dritten Titel in Serie.