Eishockey
Roman Josi: «Es gibt ein paar Sekunden im Jahr, in denen du die Entscheidung bringst – für die lebst du, jeden Tag»

Im Kopf von NHL-All‑Star-Verteidiger Roman Josi: Der beste Schweizer Eishockeyspieler über die Sekunden, auf die es in einer Eishockey-Weltkarriere ankommt.

Werner Jessner, The Red Bulletin
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Roman Josi: „Es gibt ein paar Sekunden pro Jahr, in denen du die Entscheidung bringst. Für die lebst du. Jeden Tag.“
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Roman Josi
Roman Josi
Roman Josi, unverzichtbar für die Nashville-Defensive

Roman Josi: „Es gibt ein paar Sekunden pro Jahr, in denen du die Entscheidung bringst. Für die lebst du. Jeden Tag.“

Lukas Maeder/Getty Images

Roman Josi ist gegenwärtig der beste Schweizer Eishockeyspieler und sorgt in der NHL für Furore. Im Interview spricht er über Motivation, Fehler, Vorbildfunktion, Nervosität, sein Gehalt und den Unterschied zwischen der USA und der Schweiz.

Match 4 in den Playoffs 2016 gegen die San Jose Sharks war das längste Spiel in der Geschichte der Nashville Predators: Die ersten beiden Overtimes hatten keinen Sieger gebracht. Es ging auf Mitternacht zu, als die Schiedsrichter die dritte Verlängerung anpfiffen.

Kein Spieler hatte auch nur annähernd so viel Eiszeit bekommen wie der Schweizer Verteidiger Roman Josi. Jeder Muskel laktierte grimmige Säure, die Köpfe waren im Wunderland, Konzentration war gerade noch eine Idee von früher. Jede Kleinigkeit, jeder winzige Fehler, jeder dumme Zufall konnte das Spiel entscheiden. Voller Druck auf die Verteidiger.

Bereits nach wenigen Sekunden fuhren die Sharks auf das Nashville-Tor zu. Roman Josi stellte sich den Haien und klärte souverän, als wäre es die Startminute eines Freundschaftsspiels. Seine Ruhe färbte auf das gesamte Team ab: Nashville gewann das Spiel nach 111 Minuten und 12 Sekunden mit 5:4.

Roman Josi, unverzichtbar für die Nashville-Defensive

Roman Josi, unverzichtbar für die Nashville-Defensive

Lukas Maeder/Getty Images

The Red Bulletin: Wie geht das? Ein winziger Fehler, und das Spiel ist aus.

Roman Josi: Ist doch geil, oder? Das sind die Momente, für die du als Hockeyspieler lebst: Er oder ich. Ihr oder wir. Wenn sich die ganze Dramatik aufbaut. Diese wenigen Sekunden, in denen du es entscheidest: Richtig oder falsch. In den Playoffs bekommt das noch eine ganz eigene Qualität: Do or die. Ich will das.

Sind Sie da nicht nervös?

Wenn ein Stürmer auf mich zufährt? Nein.

Überhaupt nicht?

Auf dem Eis nicht. Sobald meine Schlittschuhe das Spielfeld berühren, bin ich in einer eigenen Welt. Aber natürlich kenne ich Nervosität vor dem Spiel.

Wie äussert sich die? Weiche Knie? Zitternde Hände? Schweißausbruch?

Nichts davon. Ich werde gesprächiger.

Roman Josi

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Lukas Maeder/Getty Images

Josi ist kein Lauter. Keiner, der auffallen will, sondern jemand, der leise seinen Job macht – und zwar nach Einschätzung nordamerikanischer Hockeyexperten so gut wie höchstens noch eine Handvoll Verteidiger außer ihm.

Er wurde ins All-Star-Team nominiert, und warum noch keine Norris-Trophy für den wertvollsten Verteidiger der NHL sein Apartment in Nashville ziert, verstehen selbst die meisten Experten nicht. Porträts über ihn werden gern mit „unsung hero“ oder „quiet star“ überschrieben, dabei hat er doch gerade die punktebeste Saisonleistung eines Verteidigers in der Geschichte der Nashville Predators absolviert.

Unter dem Radar fliegen: Stört Sie das?

Nein. Überhaupt nicht, ehrlich. Ich will dem Team helfen, so gut ich kann. Das ist alles, was zählt. Das Team. Ich bin nicht wichtig. Falsch: Ich bin so wichtig wie mein Beitrag, den ich zum Team leiste.

Sie verdienen vier Millionen Dollar pro Jahr. Andere Top-Verteidiger kommen aufs Doppelte. Werden Sie in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt, weil Sie zu wenig Geld verdienen?

Das liegt eher daran, dass Nashville ein kleiner Hockey-Markt ist. In Montréal oder Toronto wäre die Aufmerksamkeit garantiert grösser. Ich verdiene zwar relativ gesehen weniger, dafür läuft mein Vertrag über sieben Jahre. Ich wollte ein wenig Sicherheit. Was ist, wenn ich mich verletze? Vielleicht wäre mein aktueller Marktwert höher, aber ...

Kommt Ihnen das gemütliche Nashville, die Hauptstadt von Tennessee, quasi die Schweiz der NHL, entgegen?

Es ist hier leicht, Leute kennenzulernen und sich wohl zu fühlen. Aber im Endeffekt darf es keine Rolle spielen, wo du deine Leistung bringst. Es kann sich ja mit einem Schlag alles ändern.

Roman Josi

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Lukas Maeder/Getty Images

Es ist klar, worauf Josi anspielt: Im Sommer wurde sein Verteidigungspartner, Mentor und bester Freund im Team, der kanadische Verteidiger Shea Weber, völlig unerwartet an die Montréal Canadiens verkauft, die historisch erfolgreichste, aber seit Jahrzehnten im Chaos dümpelnde legendäre Franchise der NHL. Im Gegenzug wechselte der laute, lustige, extrovertierte P. K. Subban nach „Smashville“ und wird dort wohl mit Roman Josi das erste Verteidigerpaar bilden. Einen größeren Unterschied im Charakter von Arbeitskollegen kann man sich kaum vorstellen ... in den letzten Jahren ist Josi selbst ein Führungsspieler geworden. Er gehört zum Core Team, zum inneren Zirkel in der Kabine.

Führen: Belohnung oder Belastung?

Belastung definitiv nicht. Ich will immer ein Vorbild sein in allem, was ich tue, ob mit oder ohne C auf der Brust.

Konkret: Was meinen Sie mit Vorbild?

Verantwortung übernehmen. Jungen den Weg zeigen. Mit einem wie Yannick Weber, der neu nach Nashville gekommen ist, Abend essen gehen. Initiativen setzen eben. Jemand sein, an dem sich die Mannschaft orientiert.

Wie weit geht das?

Bis zu dem, was es in unserem Sport eben braucht, um klarzumachen, dass an diesem Abend wir es sind, die gewinnen werden: Schüsse mit dem Körper blocken. Einen Angriff auslösen. Gegner wegchecken. Signale setzen, nach innen wie nach außen.

Woher können Sie das?

Eishockey ist ein hierarchischer Sport und da in vielerlei Dingen dem Berufsleben sehr ähnlich: Du kommst ganz unten rein, beobachtest, verhältst dich ruhig, und langsam übernimmst du immer mehr Verantwortung. Unterschied: Wenn ich als Verteidiger aufs Tor ziehe, ohne dass mich die Teamkollegen absichern, ist die Chance auf ein Gegentor sehr gross, das Feedback also schmerzhaft direkt. Direkter jedenfalls als in normalen Jobs. Gerade hier gilt also: Du kannst nur sinnvoll führen, wenn du sicher sein kannst, dass jeder für das Gesamte einsteht.

Mehr über Roman Josi, seine Beziehung zum ehemaligen Teamkollegen Shea Weber, Verletzungen, Verantwortung und Fussballer lesen Sie im kompletten Artikel in der aktuellen Ausgabe des „The Red Bulletin“ und auf https://www.redbulletin.com.

Lukas Maeder/Getty Images

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