Eishockey

Riskantes «Arno-Experiment» – der HCD steckt in der Krise und verdrängt sein Trainer-Problem

Übersteht Arno Del Curto auch die grösste HCD-Krise der letzten Jahre?

Übersteht Arno Del Curto auch die grösste HCD-Krise der letzten Jahre?

Ist der «Mythos Arno Del Curto» stärker als die raue Wirklichkeit im Hockey-Business? Schafft es Arno Del Curto kraft seines Namens, seines Charismas, die gängigen Gesetze der sportlichen Krise ausser Kraft zu setzen? In Davos läuft eines der interessantesten Experimente unseres Hockeys. Arbeitstitel: «Wir haben Krise – aber der Trainer darf unter keinen Umständen schuld sein».

Arno Del Curto (62) ist in Davos Trainer und Sportchef. Durch die panikartige Verpflichtung des ausländischen Lottergoalies Anders Lindbäck hat er ein Chaos angerichtet. Die Vertrauensbasis mit den heimischen Torhütern Gilles Senn – immerhin die Nummer drei bei der Silber-WM 2018 – und Joren van Pottelberghe ist zerstört.

Die defensive Organisation der Mannschaft ist miserabel. Ganz offensichtlich ist der Coach nicht mehr dazu in der Lage, das Spiel zu organisieren bzw. ein taktisches Konzept zu entwickeln und durchzusetzen, das dem Talent der Spieler entspricht. Anders Lindbäck hat in 8 Partien 29 Tore kassiert. Der HCD hat von allen NL-Teams am meisten Tore zugelassen. Die Mannschaft fällt beim kleinsten Rückschlag auseinander. Ein klares Zeichen, dass der Trainer mit seinen Worten die Herzen und Seelen seiner Spieler nicht mehr erreicht.

Dann wäre der Trainer schuld

Hiesse der HCD-Trainer Kevin Schläpfer, Roger Bader, Larry Huras, Serge Aubin, Ville Peltonen, Luca Cereda oder Doug Shedden, dann wäre der Schuldige längst gefunden. Der Trainer. Kaum ein Medium käme ohne die Schlagzeile aus: «Wann fliegt der Trainer in Davos?» Mit Genuss würden die Resultate aufgelistet: 2:5 gegen Ambri! 0:7 gegen Langnau! 2:5 gegen Gottéron! 3:7 gegen Biel!

Aber der Trainer heisst Arno Del Curto. Seit 1996 im Amt. Mit vielen Chronisten und Analysten und Kommentatoren über Jahre freundschaftlich verbunden. Der HCD-Trainer hat Kultstatus und gehört zur helvetischen Hockeyfamilie. In der Familie wird nicht kritisiert. Schliesslich will man ja wieder, wie jedes Jahr in diesem Jahrhundert, gemeinsam «Spengler-Cup-Weihnachten» feiern.

Noch nie seit Einführung der Playoffs (1985/86) ist einem Trainer in einer solchen Krise so viel Verständnis und Respekt, ja Verehrung entgegengebracht worden. Weil das Undenkbare nicht gedacht, geschweige denn ausgesprochen oder gar geschrieben werden darf und weil sich niemand den HCD ohne Arno Del Curto vorstellen kann, wird der Trainer in Davos nicht hinterfragt. Nicht kritisiert. Gross und unerschütterlich scheint die Überzeugung, dass am Ende doch alles gut kommt. Wie immer seit 1996. Die Playoffs sind unter Arno Del Curto schliesslich noch nie verpasst worden.

Ausländer gegen die Krise

Mit Spannung wird nun erwartet, was das neue ausländische Personal bringt. Der schwedische Stürmer Anton Rödin ist Ausländer Nummer sechs. Aber bald werden die Nummer sieben und acht folgen. Da der Trainer nicht infrage gestellt werden kann, wird der HCD in den nächsten Monaten wohl mindestens eine Million in zusätzliche Ausländer investieren. Das ist schön für Arno Del Curto. Aber ist es auch gut für den HCD? Diese Frage ist berechtigt. Denn der HCD hat ein Trainerproblem. Eine neue Spielergeneration hat immer weniger Sinn für eine hochalpine «Hockeyromantik», die Arno Del Curto personifiziert.

Es gehört zu seinen Stärken, dass er authentisch ist. Dass er sich nicht verbiegen lässt. Dass er ist, wie er ist. Sein Pech ist es, dass sich nicht nur das Hockey verändert. Dass sich auch die Gesellschaft verändert. Dass beispielsweise die Aufmerksamkeitsspanne der «Generation Smartphone» vielleicht noch fünf oder sechs Minuten beträgt, wenn der Trainer tobt. Aber nicht mehr eine halbe Stunde wie noch um die Jahrhundertwende.


HCD-Präsident Gaudenz Domenig kokettiert bloss mit dem Gedanken eines Trainerwechsels. Aber er sollte das Undenkbare denken: Ein HCD ohne Arno Del Curto.

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