Playoff-Halbfinal
Napoleon wusste, warum der ZSC gescheitert ist

Die ZSC Lions haben im Halbfinal gegen Fribourg-Gottéron ihren Titel verloren. Wer ist schuld?

Klaus Zaugg
Drucken
Roman Wick: Die Enttäuschung ist gross.

Roman Wick: Die Enttäuschung ist gross.

key

Im Rückblick werden wir erkennen, dass die ZSC Lions eine einmalige Chance vergeben haben, den Titel zu verteidigen. Im Final hätten sie sowohl den SC Bern als auch den EV Zug packen können. Das Scheitern gegen Fribourg-Gottéron hat fünf Ursachen.

1. Während der Qualifikation war es rund um die Mannschaft zu windstill. Es fehlte die Dramatik der letzten Saison. Bob Hartley geriet in Playout-Gefahr, schaffte auf wundersame Art und Weise die Wende, und diese ganze Dramatik schweisste das Team zusammen und entfachte das Feuer der Leidenschaft. Schliesslich wirkten die Zürcher selbstsicherer, schneller, grösser und schwerer als sie es tatsächlich waren. Bob Hartley nahm sie mit auf eine Reise. Sie hatten eine Mission. Unter Marc Crawford lief während der Qualifikation alles zu gut. Keine Krisen, keine Polemik, zu wenig Drama, zu wenig Emotionen.

2. Die Qualität der Ausländer. Mit zwei sehr guten und zwei guten ausländischen Spielern hätten die ZSC Lions diesen Halbfinal gewonnen. Beschränken wir uns auf die Fakten. Die Offensivproduktion der ausländischen Spieler war in diesem Halbfinal ungenügend. 1. Spiel: Kein Tor, kein Assist. 2. Spiel: Kein Tor, kein Assist. 3. Spiel: 2 Tore, 1 Assist. 4. Spiel: 1 Tor, 3 Assists. 5. Spiel: Kein Tor, 2 Assists. Gerade wegen der so problemlos verlaufenen Qualifikation hat Sportchef Edgar Salis die Wichtigkeit der ausländischen Spieler unterschätzt.

3. Ein Lottergoalie. Lukas Flüeler hat nicht mehr sein letztjähriges Playoff-Niveau erreicht. Er hat in diesem Halbfinal kein Spiel für die ZSC Lions entschieden. Aber mit einer Fangquote von 84,83 Prozent die vierte und letzte Partie verloren.

4. Glück und Pech. Wenn diese Faktoren in einer Analyse auftauchen, ist eigentlich höchstes Misstrauen geboten. Mit Glück und Pech wird gerne eigenes Versagen kaschiert. Nur der Schwache sieht im Gelingen des Gegners Glück. Und doch: Diese Serie war ausgeglichener als es das 4:1 vermuten liesse. Die ZSC Lions spielten immer und in jeder Beziehung auf Augenhöhe mit dem Gegner. Mit ein wenig Unterstützung der Hockey-Götter hätten die Zürcher auch die erste, die zweite, die dritte und die fünfte Partie gewinnen können. Mit dem gleichen Beistand der Hockeygötter wie letzte Saison wären sie wahrscheinlich erneut Meister geworden. Schon Napoleon sagte: «Ein Feldherr muss Fortune haben!» Marc Crawford war ein Bandengeneral ohne Fortune. Das ist vielleicht der wichtigste Grund für die Titelverteidigung. Er hatte alle taktischen Berechnungen gemacht. Aber das Schicksal wollte, anders als bei Bob Hartley, den Rest nicht erledigen.

5. Fribourg-Gottéron war ganz einfach ein sehr starker Gegner. Exzellentes Coaching, ein starker Torhüter, vier Linien und ganz einfach von einer grösseren Leidenschaft beseelt: Gottéron ist auf einer Mission: Endlich, endlich, endlich den ersten Titel holen.

Oder ist am Ende doch der Trainer schuld? Nein. Es war richtig, mit Marc Crawford erneut einen NHL-General an die Bande zu holen. Mag sein, dass Crawfords Stil für Schweizer Verhältnisse eine Spur zu pragmatisch und zu technokratisch, sozusagen auf eine gewisse Art und Weise zu professionell ist. Dass ihm letztlich ein gewisses Etwas (Charisma) fehlt. Dass er es im entscheidenden Moment nicht so gut verstanden hat wie sein Vorgänger, die Spieler aus der Komfortzone scheuchen. Und er war in diesem Halbfinal ein Trainer ohne Fortune.

Aber Marc Crawford wird aus seiner ersten Saison die richtigen Lehren ziehen. Wenn er denn seinen Vertrag tatsächlich erfüllt und nicht freiwillig vorzeitig nach Nordamerika zurückkehrt. So oder so werden die ZSC Lions nächste Saison erneut ein Spitzenteam sein.