Pius: Mir blutet das Herz: Der HC Davos befindet sich im unaufhaltsamen Sinkflug.

Tobias: Nun, wer Davos sagt, sagt auch Arno Del Curto. König der Alpen, Alleinherrscher über den wohl populärsten Eishockey-Klub unter den vielen Heimweh-Berglern, Eishockey-Romantikern und Royalisten-Rockern in diesem Land.

Pius: Willst du damit andeuten, Del Curto hätte seinen Zenit überschritten? Das ist ja unerhört! Ohne Del Curto hätte das Schweizer Eishockey nicht den Stellenwert, den es heute hat. Allein, welche Masse an Klassespielern durch Del Curtos Schule gegangen ist. Er ist und bleibt die wichtigste Inspiration für unser Eishockey.

Flavio: Einverstanden. Aber von seiner Magie ist derzeit so viel übrig geblieben wie von einer Pusteblume im Sturm. Vielleicht hat er sich nach über 20 Jahren in Davos etwas verbraucht.

David: Del Curto ist ohne Zweifel eine herausragende Persönlichkeit. Aber die aktuelle Krise ist hausgemacht. Allein die Posse um die Torhüter ist unsäglich. Da setzt Del Curto mit Gilles Senn und Joren van Pottelberghe auf zwei junge Torhüter. Als ihm die beiden aber mitteilen, dass sie Ende nächster Saison nach Nordamerika wechseln würden, ist er derart gekränkt, dass er ihnen einen ausländischen Goalie vor die Nase setzt. Weil aber Anders Lindbäck nicht vollumfänglich überzeugt, greift Del Curto in der Not auf Senn zurück. Das ist in vielerlei Hinsicht absurd und lässt darauf schliessen, dass Del Curtos Ego ihm nicht immer zum Vorteil gereicht.

Arno del Curtos Kult-Interview auf Englisch

François: Er schwächt damit nicht nur die beiden jungen Torhüter, sondern auch seinen Goalietrainer Marcel Kull. Wahrscheinlich einer der wenigen, deren Kompetenz Del Curto über Jahre hinweg nie angezweifelt hat. Schliesslich hat ihm Kull mit Hiller, Genoni und Berra die besten Torhüter des Landes der vergangenen 15 Jahre in den Schoss gelegt. Es liegt in der Natur der Sache, dass Kulls Interesse darin besteht, den nächsten Genoni oder Hiller zu formen und nicht einem ausländischen Torhüter die Seele zu massieren.

Pius: Schon. Aber nun denkt Del Curto ja um. Er ist bereit, Macht und Einfluss abzugeben, sagt Ja zu neuen, modernen Strukturen und akzeptiert einen Sportchef.

Tobias: Nordkorea verwandelt sich auch nicht in eine Demokratie, nur weil Kim Jong Un seinem südkoreanischen Pendant die Hand schüttelt.

Flavio: Ich sehe die jüngsten Entscheidungen beim HC Davos als politisches Manöver. So nach dem Motto: Jetzt ziehen wir den Del Curto etwas aus der Schusslinie. Und das stört mich.

François: Genau, dabei liegt die Kraft dieses Trainers auch in seiner unzähmbaren, leidenschaftlichen und teilweise chaotisch anmutenden Art. Del Curto ist kein Mann, den man in ein Organigramm pressen kann, der sich in einem hierarchischen Gebilde entfalten kann. Er ist Rocker und Freigeist.

David: Richtig. Lasst den Del Curto toben, rocken und fliegen. Aber sperrt ihn bloss nicht in einen Käfig. Sonst geht er zugrunde. Und wenn er nicht mehr kann, dann soll er gehen. Del Curto als angepassten Apparatschik an der Bande zu sehen, ist wie ein Konzert seiner Lieblingsband Rage Against the Machine bei Stromausfall.