Eishockey
Mark Streit so gut wie noch nie: Im Herbst seiner Karriere glänzt er in einer neuen Rolle

Mark Streit hat die NHL vor zehn Jahren nicht mit Defensivarbeit erobert. Sondern als stürmender, produktiver «Offenseman» und als Powerplayspezialist. Nun ist Mark Streit (37) doch noch ein Verteidiger geworden.

Klaus Zaugg aus Philadelphia
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Mark Streit spielt mit 37 Jahren besser als jemals zuvor.

Mark Streit spielt mit 37 Jahren besser als jemals zuvor.

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Mark Streit hat die NHL vor zehn Jahren nicht mit Defensivarbeit erobert. Sondern als stürmender, produktiver «Offenseman» und als Powerplayspezialist. Dreimal buchte er sogar mehr als 50 Punkte pro Saison und gehörte zu den produktivsten Verteidigern der NHL. Allerdings bei meist miserabler Plus-Minus-Bilanz.

So wie es war, ist es in Philadelphia nicht mehr. Gleich wie beim letzten Arbeitgeber, den New York Islanders, ist nur noch die Ausgangslage. Der Kampf um die Playoffs wird immer aussichtsloser. Die Heimniederlage gegen Buffalo, das mit Abstand schwächste Team der Liga (die Lakers der NHL), war ein arger Rückschlag.

Mark Streit wirkt in seiner 10. NHL-Saison nicht mehr so spektakulär und offensiv dominant wie in seinen besten Jahren in Montréal und in Long Island. Er spielt im Herbst seiner Karriere im grossen NHL-Theater eine andere Rolle. Er ist ein kompletter Verteidiger geworden. Auch wenn er seinen Punkterekord (62 Punkte; 2007/08 für Montréal) wahrscheinlich nicht mehr erreichen wird (er müsste dafür in den verbleibenden 24 Spielen 26 Punkte buchen) – wir sehen jetzt mit ziemlicher Sicherheit den besten Mark Streit. Am Ende der Saison könnte es sogar zum dritten Mal in seiner NHL-Karriere für eine Plus-Bilanz reichen. Und das wäre bemerkenswert. Denn Philadelphia ist ein defensives Lotterteam, nach Gegentoren die Nummer 24 der Liga.

Defensiver Leuchtturm

Mark Streit tut alles, um das Spiel zu stabilisieren und Ordnung in die meist wirre Angriffsauslösung zu bringen. Seine Fehlerquote ist tief, er spielt seine Pässe präzis. Der Berner ist nicht nur der punktbeste Verteidiger seines Teams. Er trägt als «Workhorse» («Arbeitspferd») auch die Hauptlast und arbeitet am längsten (pro Spiel 22:22 Minuten – die Nummer 28 der Liga). Er ist Philadelphias defensiver Leuchtturm. Der kompletteste, smarteste und technisch beste Verteidiger seiner Mannschaft.

Bei den Flyers steht Mark Streit zwar nicht mehr ganz oben in der Hierarchie wie einst als Captain bei den Islanders. Aber als Assistenz-Captain immer noch so weit oben, dass seine Meinung in allen wichtigen Fragen angehört wird. In kritischen Situationen wie etwa nach der Heimpleite gegen Buffalo (2:3 n. P.) gehört er zu den Spielern, die vor die Medien treten.

Und da zeigt sich, wie der Berner durch und durch ein Teil der nordamerikanischen Sportkultur geworden ist. So wie er antwortet, könnte er nach seiner Karriere als Quereinsteiger in den diplomatischen Dienst eintreten. Er sagt in perfektem, akzentfreiem Englisch: «Solche Niederlagen sind nicht akzeptabel.» Er beschönigt nichts und bleibt doch sachlich. So nimmt er den Kritikern den Wind aus den Segeln. Dann erzählt der ehemalige SCB-Junior leise und bestimmt, wie schwierig es eben sei, gegen solche Teams zu gewinnen. Dann der Hinweis, dass es Zeiten gebe, da gelinge einem alles und dann wieder Zeiten, da gelinge einem nichts. Und dann bekommt Ray Emery ein dickes Lob. Der Goalie habe ein paar unglaubliche Paraden gezeigt. Dabei ist Ray Emery ein Lottergoalie und hat die zwei Gegentreffer gegen Buffalo auf dem Gewissen.

Nicht nur auf dem Eis top

Mark Streits wichtige Rolle zeigt sich auch beim Zahltag. Sein Agent Pat Brisson ist eine der ganz grossen Nummern und vertritt auch Superstars wie Sidney Crosby. Er hat für seinen Klienten einen schönen Vertrag ausgehandelt. Mark Streit verdient in Philadelphia 6,25 Millionen Dollar und ist damit hinter Captain Claude Giroux (10 Mio.) die Nummer zwei auf der Lohnliste und der bestverdienende Schweizer Spieler aller Zeiten. Roman Josi, inzwischen in Nashville der beste Spieler der besten Mannschaft der Welt geworden, bekommt diese Saison bloss 3 Millionen – aber der Vertrag läuft bis 2020. Mark Streits Kontrakt ist am Anfang der Laufzeit höher dotiert. Nächste Saison bekommt er noch 5,75 Millionen und in der übernächsten und letzten Saison in Philadelphia 4,0 Millionen.

Streit schliesst nicht aus, dass er im Sommer 2017 noch einmal einen NHL-Vertrag unterschreiben wird, und wenn er das will, findet ihm Pat Brisson einen neuen Arbeitgeber. Er fühle sich sehr gut und sei besser «zwäg» als mancher jüngere Spieler. Dabei kommt Streit zugute, dass er erst mit 28 Jahren in die NHL eingestiegen ist und weniger Meilen auf dem Tacho hat als die anderen gleichaltrigen NHL-Veteranen. Zudem erfordert das Spiel auf den um einen Drittel schmäleren NHL-Eisfeldern weniger Laufarbeit als in der NLA. Eine Karriere bis 40 ist mit ein bisschen Glück durchaus möglich. Eine Rückkehr in die NLA schliesst Streit denn auch aus. Hingegen ist für ihn klar, dass er nach dem Ende seiner NHL-Karriere in der Schweiz leben wird.

Sollten die Flyers die Playoffs nicht schaffen, dann ist es gut möglich, dass Mark Streit erstmals seit 2012 wieder eine WM für die Schweiz spielt. In der aktuellen Form und Rolle wäre er für die Nationalmannschaft von unschätzbarem Wert.