Treffpunkt mit Mark Streit ist das Trainingszentrum der Philadelphia Flyers in der Vorortgemeinde Voorhees, etwa 30 Autominuten ausserhalb der Downtown gelegen. Nach dem Training sitzen wir in der im Sommer für 4,5 Millionen US-Dollar renovierten Garderobe des NHL-Teams. Nur das Beste ist hier gut genug für die hoch bezahlten Profis.


Mark Streit, Sie sind nun schon seit sieben Jahren Eishockeyprofi in Nordamerika, fünf davon in den USA. Was könnten die Schweizer von den Amerikanern lernen?

Mark Streit: Die Schweiz ist ein wunderbares Land und man darf auch nicht verallgemeinern: Aber in Sachen Gastfreundschaft, Offenheit und Freundlichkeit könnte sich mancher Schweizer ein Stück abschneiden. Wenn man bei uns einen Kaffee trinken geht, muss man manchmal froh sein, dass einem nicht die Tasse um die Ohren fliegt. Zwischendurch fehlt mir in der Schweiz auch eine gewisse Lockerheit. Dass man nicht gerade alles nach Pflichtenheft macht und mal ein Auge zudrückt.

Und umgekehrt: Was können sich die Amerikaner von den Schweizern abschauen?

Unsere Pünktlichkeit. Auch wenn es manchmal schon ein wenig ins Kleinkarierte geht: Aber es ist schon schön, wenn ein Bus oder ein Zug auch tatsächlich dann fährt, wenn es der Fahrplan vorgibt. Es ist kein Zufall, dass die besten Uhren der Welt bei uns hergestellt werden (lacht).

Sind Sie mehr Schweizer oder drückt inzwischen mehr der Amerikaner durch?

Ich habe den Vorteil, dass ich hier in den Staaten lebe, aber doch die Schweizer Eigenschaften in mir trage. Ich kann in beiden Welten leben und das Beste für mich herausfiltern.

Was fehlt Ihnen in den USA?

Primär meine Familie und meine Freunde. In Philadelphia lebe ich im Zentrum einer Grossstadt. Das hat viele Vorteile, andererseits fehlt mir auch die Natur. In Bern kann ich fünf Minuten von meiner Wohnung entfernt in die Aare mit ihrem sauberen Wasser hüpfen. Das ist hier undenkbar. Mir fehlt aber auch die Vielseitigkeit unseres Landes. Die verschiedenen Sprachen, die kulinarische Vielfalt. Wenn man so aufwachsen darf, ist man sehr privilegiert. Die Lebensqualität in der Schweiz sucht auf der ganzen Welt ihresgleichen. Wir realisieren gar nicht, dass wir im Paradies aufwachsen.

Findet man während der Eishockeysaison Zeit, sich auch mit den aktuellen politischen Problemfeldern in den USA wie «Obamacare» auseinanderzusetzen?

Dieses Thema ist für uns Schweizer fast nicht nachvollziehbar, weil eine Krankenversicherung bei uns etwas Selbstverständliches ist. Wir sind durch unseren funktionierenden Sozialstaat sehr gut geschützt. Hier hat es zwar auch sehr viele reiche Leute, aber noch viel mehr Menschen, denen es nicht gut geht.

Bekommen Sie davon etwas mit?

Man sieht auch bei mir in der Innenstadt immer wieder Obdachlose. Kürzlich waren wir mit unserer Mannschaft in einer kleinen Eishalle, die unser Besitzer in einem Vorort bauen liess, zu Gast. Da sind wir durch ganz Philadelphia gefahren und haben auch die andere Seite der Medaille zu Gesicht bekommen. Das ist mir recht eingefahren. In diesen Momenten wird einem bewusst, dass man ein sehr privilegiertes Leben führen darf.

Sie verdienen 5 Millionen US-Dollar pro Saison und leben in einer ganz anderen Welt. Wie gehen Sie mit dieser extremen Diskrepanz zwischen Arm und Reich um?

Ich weiss, dass das Leben, das ich führen darf, ein Geschenk ist, das ich mir aber hart erarbeitet habe. Ich schätze das, was ich habe, sehr und versuche entsprechend zu leben. Und ich versuche, an jedem Tag alles so gut wie möglich zu machen. Diesen Unterschied zwischen Arm und Reich gibt es auf der ganzen Welt. Jedem Schweizer geht es vergleichsweise sehr gut. Wenn man also alles gegeneinander aufwiegen müsste, dann dürfte man am Morgen eigentlich nicht mehr aufstehen. Es ist ein Teil der Realität.

Eine Realität ist auch, dass Ihr neues Team schlecht in die neue Saison gestartet ist. Die Erwartungshaltung war und ist bei den Flyers wie gewohnt hoch. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?

Philly ist eine richtige Sportstadt. Hier dreht sich enorm viel um den Sport. Es wird viel über die Leistungen der Teams diskutiert und geschrieben. Aber ich bin mich das aus meiner Zeit bei den Montreal Canadiens gewohnt. Ich liebe diese Herausforderung, mag es, wenn hohe Erwartungen da sind.

Bei Ihrem vorherigen Team, den New York Islanders, waren Sie Captain in einer jungen Mannschaft. In Philadelphia sind Sie quasi ein Quereinsteiger. Ist es schwierig, sich neu einzuordnen, besonders wenn man es sich seit Jahren gewohnt war, am Ruder zu sitzen?

Das ist ein fliessender Übergang. Ich bin sicher nicht einer, der in die Garderobe kommt und gleich eine grosse Klappe hat. Ich will meine Leistungen auf dem Eis bringen und dort Verantwortung übernehmen. Und natürlich auch daneben. Ich wurde hier jedenfalls sehr gut aufgenommen und fühle mich sehr wohl.

In der NHL weiss jeder Spieler vom anderen, was er verdient. In der Schweiz wäre so etwas undenkbar. Wieso?

Die Löhne sind bei uns unter den Spielern kein Thema. Hier gönnt man seinem Teamkollegen das Salär, das er sich erarbeitet hat. Wenn einer einen tollen Vertrag unterschreibt, haben die anderen 20 Spieler Freude und werden erst noch zum Essen eingeladen. Die Schweizer haben dazu ein viel verkrampfteres Verhältnis. Alles dreht sich ums Geld. Der Verdienst wird sofort analysiert. Das gehört offenbar zu unserer Mentalität. Oft ist halt auch Neid dabei.

Wurden Sie selber in der Schweiz auch schon konfrontiert mit Neid?

Wenn man jünger ist, dann nimmt man negative Kommentare noch zur Kenntnis. Irgendwann taxiert man es dann als Gerede. Ich weiss, was ich geleistet habe und dass ich weiss Gott keinen einfachen Weg hinter mir habe.

In der Schweiz hat man generell Probleme mit «Grösse». Auch zu einem Weltstar wie Roger Federer haben viele Leute ein zwiespältiges Verhältnis. Man bewundert ihn, sucht aber trotzdem gerne nach dem berühmten Haar in der Suppe.

Das ist so. Einerseits will man einen Star wie Federer, auf der anderen Seite sollte er aber so sein wie der «Hans aus Oberdiessbach». Das geht einfach nicht, wenn man weltbekannt ist wie er. Man erweitert seinen Horizont und passt seinen Lebensstil entsprechend an. Kaum hat er mal eine schlechte Phase, dann heisst es: «Aha, jetzt ist es vorbei.» Andernorts würde man ihn auf Schultern durch das ganze Land tragen. Wir sind bisweilen so kritisch mit ihm, dass ich es kaum glauben kann.

Die Schweizer Nationalmannschaft hat in Stockholm sensationell die WM-Silbermedaille gewonnen. Wie haben Sie diesen Exploit erlebt?

Ich war mit den New York Islanders in den Playoffs engagiert und habe das Geschehen in Stockholm nur am Rande verfolgt. Aber ich habe mich natürlich riesig über diesen Erfolg gefreut. Ich hoffe vor allem, dass sich diese WM-Medaille auf unseren Nachwuchs positiv auswirkt. Und dass beim einen oder anderen Kind ein paar Schlittschuhe oder ein Eishockeystock unter dem Weihnachtsbaum liegen (lacht).

Stichwort Sotschi. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele hat Nationaltrainer Sean Simpson ein Luxusproblem. Er hat eine funktionierende WM-Mannschaft. Und Spieler wie Sie, Jonas Hiller oder Damien Brunner, die er zusätzlich zur Verfügung hat ...

Ich sehe darin kein Problem. Vielleicht haben wir in der Schweiz bezüglich dieses Themas einfach eine etwas zu negative Einstellung. Simpson ist erfahren genug, aus den 50 infrage kommenden Spielern die richtige Mannschaft zu nominieren. Sicher ist: Es ist ein neues Turnier und die Gegner werden im Vergleich zur WM eine andere Qualität haben.