Eishockey
Lugano-Präsidentin Mantegazza: Milliarden – aber Geld mit Geist

Es gibt in unserem Hockey eine grosse Ungerechtigkeit. Sie wird von den Chronisten auf der Alpennordseite lustvoll und sorgsam gehegt und gepflegt. Es ist das Image des HC Lugano, ein «Geldklub» mit unbegrenzten finanziellen Mitteln zu sein.

Klaus Zaugg
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Vicky Mantegazza, die Präsidentin des HC Lugano.

Vicky Mantegazza, die Präsidentin des HC Lugano.

Keystone

Luganos Geld war in den 1980er Jahren in der Tat ein Schock für die Deutschschweizer, bescherte Lugano die ersten vier Titel (1986, 1987, 1988 und 1990) und prägt bis heute ihre Wahrnehmung dieses Hockeyunternehmens.

Der Milliardär Geo Mantegazza (89) baute den ersten Hockey-Profiklub nach heutigem Sinne auf und leitete damit die Entwicklung ein, die im WM-Silber von 2013 ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Und so kommt es, dass auch das Lugano unter dem Vorsitz von Vicky Mantegazza (50) den Stallgeruch des Geldes nicht aus den Kleidern bekommt.

Das ist gegenüber der Tochter von Geo Mantegazza im höchsten Masse unfair. Zumal Lugano längst eine gut funktionierende Nachwuchsorganisation aufgebaut hat, aus deren Reihen bereits drei NHL-Drafts hervorgegangen sind (Sannitz, Jörg, Merzlikins).
Der Fremde, der heute nach Lugano reist, nichts weiss über den sagenhaften Reichtum des Mantegazza-Clans (gemäss dem Magazin «Bilanz» rund drei Milliarden) und auch keine Ahnung hat, wer die Präsidentin ist, bekommt im Jahr des 75-jährigen Jubiläums einen ganz anderen Eindruck von diesem Hockeyunternehmen.

Die Präsidentin kümmert sich im Stadion ganz offensichtlich intensiver als andere Bosse um «ihren» Klub. Sie ist freundlich mit allen, wird überall herzlich begrüsst und ist überaus beliebt. Sie ist der Mannschaft auch näher als alle ihre männlichen Amtskollegen und taucht nach den Heimspielen stets im Bereich der Kabine auf.

Sie geniesst eine echte Beliebtheit, die nichts mit jener geschuldeten Anerkennung zu tun hat, die allen entgegengebracht wird, die am Ende des Tages die Rechnungen bezahlen. Die Präsidentin ist im besten Sinne eine Person des Eishockeys, die «gute Seele».

Die Rückkehr der Leidenschaft

«Ich wurde in eine Familie geboren, in der sich alles um Eishockey dreht. Schon als Kind begleitete ich meinen Vater an jeden Match, auch auswärts», erzählte sie einmal der «NZZ» und fügte an, sie sei praktisch mit dem Eishockey verheiratet.

Womit wir dem Erfolgsgeheimnis auf die Spur kommen: Vicky Mantegazza bringt mehr als Geld in dieses Hockey-Unternehmen. Sie hat jene Leidenschaft in die Mannschaft gebracht, die seit dem letzten Titel von 2006 so oft gefehlt hat. Unter dieser Präsidentin ist Lugano erstmals seit den Zeiten, als ihr Vater noch den Vorsitz hatte, wieder auf einer «Mission». Geld kann keine Titel kaufen. Leidenschaft aber kann Titel erringen. Sie hat Geld und Geist erstmals seit 2006 wieder vereint. Was all ihren männlichen Vorgängern nicht mehr gelungen ist.
Vicky Mantegazzas Einstieg auf Klubebene erfolgte mit den «Lugano Ladies», die in den letzten zehn Jahren sechsmal die Meisterschaft gewonnen und soeben den Playoff-Final gegen die ZSC Lions verloren haben. Dort hat sie das Hockeygeschäft von Grund auf gelernt. Sie kümmerte sich um alles, angefangen von der Verpflichtung von Spielerinnen bis hin zur Suche nach Sponsoren.

Dort hat sie sich den Ruf erworben, ohne Bedenken Techniker auszuwechseln, wenn es die Sache erfordert. Und so hat sie im letzten Herbst auch ihren Lieblingstrainer Patrick Fischer entlassen und durch Doug Shedden ersetzt. Obwohl Fischers Vertrag kurz zuvor noch vorzeitig um zwei Jahre verlängert worden war. Das Wohl des Klubs geht über Sympathie.
Sie hat einmal gesagt, die Erfahrungen aus dem Frauenhockey könne man aber nicht telquel auf die Männer übertragen: «Die Frauen sind emotionaler, sie spielen mit Leidenschaft. Für die Männer ist Eishockey mehr Erwerbs-leben, sie sind berechenbarer.» Aber auch teurer. Das hat sie aber nicht gesagt.