Die Szene hat Symbolcharakter. Luca Cunti verlässt das Eis nach dem Training der ZSC Lions als letzter Spieler. In der Hand trägt er den mit Pucks gefüllten Kanister. Der 21-Jährige übernimmt die Rolle, die normalerweise einem Nachwuchsspieler zugedacht ist.

Doch normal war in der noch jungen Karriere des Luca Cunti bisher nicht allzu viel. Der Neffe des ehemaligen EHC-Arosa-Stars Pietro Cunti galt schon früh als ausserordentliches Talent – aber auch als schwierig zu führender Spieler, der von seinem Talent lebt und den Kraftraum nur vom Hörensagen kennt.

In der Nachwuchsbewegung der ZSC Lions war sein Ruf bald einmal ruiniert, ebenso auf nationaler Ebene: In den Schweizer Junioren-Nationalmannschaften war er – allem Talent zu Trotz – kein gern gesehener Gast. Kurz: Einer der hoffnungsvollsten Junioren des Landes bewegte sich unaufhaltsam in eine Sackgasse hinein, wurde von Team zu Team abgeschoben.

NHL-Vertrag abgelehnt

Angesichts der schwierigen Umstände in der Schweiz kam Luca Cuntis Wechsel nach Nordamerika im Sommer 2007 zum richtigen Zeitpunkt. Dort zerschlugen sich zwar seine Pläne, in einem College-Team zu spielen, trotzdem erhielt er von den Tampa Bay Lightning, die ihn 2007 in der 6. Runde des NHL-Drafts gezogen hatten, ein Vertragsangebot – welches er allerdings ablehnte.

Ein monumentaler Fehlentscheid, den ihm sein damaliger Agent eingebrockt hatte – in der Hoffnung, dass er nach einem weiteren guten Jahr in Nordamerika einen Kontrakt zu besseren Konditionen erhalten würde. Doch das zweite Angebot kam nie, es blieb ihm im Herbst 2008 nur die Rückkehr in die Heimat.

In der Schweiz mochte sich des Talents mit dem schlechten Image aber kaum ein Team annehmen. Beim SC Bern blitzte er nach ein paar Probetrainings ebenso ab wie beim EHC Biel. Die SCL Tigers und deren damaliger Coach Christian Weber gaben ihm schliesslich eine Chance, doch wegen des Pfeifferschen Drüsenfiebers war er körperlich bald derart reduziert, dass er auch im Emmental ausser Rang und Traktanden fiel.

In jener Phase im Frühling 2009, als Luca Cunti mehrere Wochen zur Untätigkeit verurteilt worden war, reifte in ihm die Erkenntnis, dass er seinen Traum, Eishockeyprofi zu werden, doch noch unbedingt in die Realität umsetzen will.

«Ich stellte mir die Frage: ‹Luca, was willst du in deinem Leben erreichen?› Mir wurde klar, wie sehr ich diesen Sport liebe, dass ich ohne ihn nicht glücklich sein kann.» Mit dieser Erkenntnis reifte in ihm auch die Entschlossenheit, alles für eine Profikarriere zu tun. Will heissen: Den Lebensstil anpassen und dem Kraftraum regelmässige Besuche abzustatten.

Eineinhalb Jahre später ist Luca Cuntis Traum in Erfüllung gegangen. Bei den GCK Lions verdiente er sich eine Saison lang die Sporen in der NLB ab. Sportchef Simon Schenk gab ihm eine Chance, sich noch einmal in der ZSC-Organisation zu bewähren.

Cunti wurde von Trainer Dino Stecher gefordert und gefördert, übernahm in der jungen Mannschaft bald eine Leaderrolle und war Topskorer. Trotzdem war es für den Erlenbacher keine einfache Situation.

Immer wieder erhielten seine (weniger talentierten) Mitspieler Chancen, sich bei den ZSC Lions in der NLA für höhere Aufgaben zu empfehlen, Cunti jedoch nie. Das viele Geschirr, welches früher zerbrochen worden war, erwies sich als Hindernis.

Simon Schenk, der aller alten Geschichten zum Trotz den Glauben an den Durchbruch des Talents nie verlor, erinnert sich, «dass ich ihm immer wieder sagen musste, er solle die Geduld nicht verlieren und noch härter trainieren». Die Worte seines Förderers fanden Gehör. Luca Cunti investierte im letzten Sommer noch mehr ins «Trockentraining» und war topfit, als das Eistraining wieder begann. Und das war gut so.

Ein Testspiel als Knackpunkt

Denn das allererste Testspiel zwischen den ZSC Lions und den GCK Lions – Anfang August – war schliesslich der Knackpunkt. «Ich wusste, dass diese Partie für mich entscheidend ist», blickt Cunti zurück. Er packte seine Chance.

Dem neuen ZSC-Trainer Bob Hartley fiel der fantastische Schlittschuhläufer mit der herausragenden Stocktechnik und dem feinen Gespür für das Spiel sofort auf und bestellte ihn zu sich ins Büro. «Dort habe ich ihn gefragt, ob er bereit ist, sich seinen Platz in unserem Team zu erkämpfen und alles dafür zu tun», erzählt Hartley.

Der «neue» Luca Cunti musste nicht zweimal überlegen und nutzte die Chance. Nicht einmal eine Knieverletzung, die er sich im letzten Vorbereitungsspiel vor dem Saisonstart zuzog, bremste ihn. Cunti feierte Mitte Oktober beim Spiel in Zug seine ZSC-Premiere. Dass die Lions von den neun Partien, die sie seither bestritten haben, sieben gewonnen haben, liegt auch an Luca Cunti, der zusammen mit Nationalstürmer Andres Ambühl und Topskorer Jeff Tambellini inzwischen sogar die Paradelinie der Zürcher bildet.

Hartley attestiert seiner «Trouvaille» das Potenzial, dereinst in der NHL bestehen zu können. Er sagt aber auch: «Luca muss noch viel lernen. Wir sind dabei, seine Werkzeugkiste aufzufüllen.» Wie man nach dem Training Pucks einsammelt und in den Kanister füllt, weiss Luca Cunti inzwischen.