Eishockey
Lino Martschini: Der Kleine mit den grossen Träumen

Lino Martschini vom EV Zug träumt vom Meistertitel und der National Hockey League. Aufgrund seiner Körpergrösse haben Experten dem jungen Luzerner keine Profikarriere zugetraut. Doch er hat sie eines besseren belehrt.

Nicola Imfeld
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Die Pucks im Netz zappeln lassen – Martschinis Lieblingsbeschäftigung.

Die Pucks im Netz zappeln lassen – Martschinis Lieblingsbeschäftigung.

Pius Koller/freshfocus

«Du bist zu klein, aus dir wird nie ein Eishockeyprofi.» Diesen Satz musste der 1,68 Meter kleine Lino Martschini etliche Male mitanhören. Es gab Beobachter, die ihm die NLA-Tauglichkeit absprachen, und nun eines Besseren belehrt wurden. In der letzten Meisterschaft kam der 22-Jährige in 56 Partien auf 24 Tore und 28 Assists – er war die Nummer vier der nationalen Skorerliste und der produktivste Akteur mit Schweizer Pass. Auch jetzt hat der Angreifer schon sechs Skorerpunkte auf seinem Konto.

Dass er heute im Rampenlicht des Schweizer Eishockeys steht, führt Martschini vor allem auf seine Zeit in Nordamerika zurück. 2010 wechselte er von den Junioren des EVZ nach Kanada. Als Teenager spielte er in der kanadischen Juniorenliga für die Peterborough Petes.

«Ich konnte von dieser Auslanderfahrung unglaublich profitieren, sportlich wie auch menschlich», erzählt Martschini am Rande des Cup-Spiels gegen den EHC Olten mit etwas heiserer Stimme. In Kanada hat er seine aktuelle Freundin kennen gelernt und viel über sich selber erfahren.

Die Bemühungen des CEO

Im Mutterland des Eishockeys musste der gebürtige Luzerner lernen, sich trotz seiner Körpergrösse durchzusetzen. «Es ist wichtig, dass man sich auf seine Stärken besinnt», sagt Martschini heute. Dass er körperlich gegen die rauen Kanadier kaum dagegenhalten konnte, liegt auf der Hand.

So machte er sich seine Schnelligkeit und Spielintelligenz zunutzen. In Nordamerika feilte der junge Martschini auch an seiner Schusstechnik, die ihn heute zu einem der meistgefürchteten Angreifer der NLA macht.

Um den verlorenen Sohn nach Zug zurückzulotsen, flog der heutige CEO und damalige Sportchef Patrick Lengwiler eigens nach Peterborough. Eine Dienstreise, die alles andere als üblich ist. In der Kleinstadt Ontario zwischen Toronto und Ottawa führte Lengwiler 2011 mehrere Gespräche mit Martschini. Nach langem Hin und Her konnte er seinen ehemaligen Schützling zur Rückkehr nach Zug bewegen.

Bester «Youngster» in der Debutsaison

In der Debütsaison 2012/13 wurde er zum «Youngster of the Year» gewählt. Und wenig später war er bereits der beste Schweizer Skorer der Liga und liess etablierte Spieler wie Sprunger, Wick oder Ambühl hinter sich. Damit traf ein, was der frühere NHL-Angreifer Damien Brunner bei dessen Abgang in Zug zu ihm gesagt hatte: «Jetzt machst eben du die Tore.»

Mit seinem ehemaligen Klubkollegen steht Martschini auch heute noch in Kontakt. «Damien ist ein lustiger Typ und von seiner Spielweise her auch eine Art Vorbild für mich», sagt der Youngster.

Die Quittung für die aussergewöhnlichen Leistungen des kleinen Martschinis ist ein Millionenvertrag in Zug. Kurz vor Beginn der diesjährigen Saison unterzeichnete der 22-Jährige einen Kontrakt bis 2020.

Das Gesamtvolumen des Vertrages dürfte 1,5 Millionen Franken betragen. «Ich spiele gerne für den EVZ. Als Kind habe ich dieses Team immer bewundert», erzählt Martschini, der in seiner Jugend mit Kollegen in der Zuger Nordkurve stand und Spieler wie Patrick Fischer anhimmelte, der jetzt bei Ligakonkurrent Lugano Trainer ist.

Der Luzerner spricht nicht gerne über seine Erfolge. Der kometenhafte Aufstieg ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, im Gegenteil: Martschini ist bodenständig geblieben. Freut sich auf jedes einzelne Meisterschaftsspiel. Doch er kann auch anders. Auf seine Saisonziele angesprochen, sagt er keck: «Ich will mit Zug Meister werden.» Ein Unterfangen, an dem so einige bereits gescheitert sind. Zug konnte erst einmal den Meisterkübel in die eigene Vitrine stellen – 1998 unter Sean Simpson.

Bodenständig – aber ehrgeizig

Dass Martschini noch immer die Schweizer Liga beehrt, ist auch Nationaltrainer Glen Hanlon zu «verdanken». Er hatte Martschini kurz vor der WM in Prag nach überragenden Leistungen in der Liga und im Nationaldress überraschend aus dem Kader gestrichen – und ihm so die Chance verwehrt, sich vor den NHL-Scouts zu präsentieren.

Eine Entscheidung, die Martschini heute zwar akzeptiert, aber noch nicht ganz verdaut hat. «Ehrlich gesagt, ärgert es mich noch jetzt. Aber so ist es nun mal», sagt er.

In seinem Vierjahresvertrag mit Zug hat der Jungstar eine Klausel für die NHL einbauen lassen. Er macht keinen Hehl daraus, dass trotz aller Liebe zum EV Zug sein grosses Ziel die beste Liga der Welt bleibt. «Die NHL war mein Traum und ist es immer noch. Ich nehme jetzt einfach Schritt für Schritt.»

Der nächste Schritt wäre ein WM-Aufgebot für Martschini. Und dann kann es auf einmal ganz schnell gehen, und der kleine, bodenständige Luzerner sitzt im Flugzeug nach Nordamerika.