Eishockey
Köbi Kölliker und das «Krueger-Prinzip» bei den SCL Tigers

Langnaus Sportchef Jakob Kölliker hat eine fast unlösbare Aufgabe übernommen: Die Verstärkung einer Mannschaft ohne Geld. Er arbeitet nach dem «Krueger-Prinzip». Er sucht nicht die besten Spieler, sondern solche, die eine Rolle am besten übernehmen.

Klaus Zaugg
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Muss das Budget einhalten: Langnau-Sportchef Köbi Kölliker.

Muss das Budget einhalten: Langnau-Sportchef Köbi Kölliker.

Langnaus Sportchef steht vor der Herkules-Aufgabe, aus einer verlotterten Mannschaft, die im Laufe dieser Saison bis ans Tabellenende durchgereicht worden ist, in drei Jahren ein Team zu machen, das regelmässig die Playoffs erreichen kann. Die Zielsetzung ist formuliert. Er sagt: «Wir wollen in der Saison 2015/16 ein Playoffteam sein.»

Selbst wenn Jakob Kölliker eine volle «Transfer-Kriegskasse» hätte, so wäre es nicht einfach, die SCL Tigers in drei Jahren auf Playoff-Stärke aufzurüsten. Langnaus Sportchef hat keine volle «Transfer-Kriegskasse» und sagt: «Unser Budget bleibt vorerst unverändert. Wir können für nächste Saison nicht mehr Geld ausgeben als für die vergangene Saison.»

Hier kommt sein «Krueger-Prinzip» ins Spiel. Ralph Krueger hat im Herbst 1997 eine Nationalmannschaft übernommen, die noch weiter von den WM-Viertelfinals entfernt war als die Langnauer heute von den Playoffs. Und doch schaffte er bereits 1998 das Halbfinale und später regelmässig das Viertelfinale.

Ralph Krueger hatte keine Weltklassespieler zur Verfügung. Die Schweizer waren damals im Vergleich zu den Besten der Welt meist hüftsteife Haudegen und nur auf der Goalie-Position erstklassig besetzt. Inzwischen haben mehrere Feldspieler den Sprung in die NHL geschafft. Aber noch immer gibt es technisch-läuferisch eine Differenz zu den Besten der Welt.

Ralph Krueger löste das Problem, indem er nicht mehr die individuell besten Spieler in die Nationalmannschaft holte. Vielmehr spezialisierte er sich auf Rollenspieler. Weil wir die Einzelspieler nicht haben, die sich gegen die Besten der Welt durchsetzen können, baute er ein Kollektiv, in dem jeder eine ganz bestimmte Rolle zu erfüllen hatte. So entwickelte er die taktisch beste Nationalmannschaft der Welt. Wir hatten oft nicht einen einzigen Feldspieler, der bei den besten sechs Teams einer WM einen Platz bekommen hätte - und doch gelang es uns immer wieder, uns gegen diese Teams zu behaupten. Weil jeder Spieler dazu fähig war, eine ganz bestimmte Aufgabe zu übernehmen. Mit der Scheibe konnte auch Krueger die Schweizer nicht besser machen - aber im Spiel ohne Scheibe. Als Assistent hat Köbi Kölliker diese Methode - eben das «Krueger-Prinzip» - von Grund auf kennen gelernt.

Nun erklärt er seine Strategie im Emmental so: «Wir müssen zuerst ganz genau wissen, welchen Spieler wir brauchen, um unsere Mannschaft besser zu machen. Es ist wie damals bei der Nationalmannschaft unter Ralph Krueger. Wir hatten nicht die Weltklassespieler, die in der Nationalmannschaft jede Rolle übernehmen konnten. Aber wir hatten Spieler für bestimmten Aufgaben.. Wir haben in Langnau nicht die Mittel, um einen kompletten Schweizer Spieler einzukaufen, der jede gewünschte Rolle sofort spielen kann. Aber wir können die Spieler finden, die eine bestimmte Rolle übernehmen können. So ist es möglich, mit den richtigen Rollenspielern und ohne Stars, eine starke Mannschaft zu formen.»

Das macht «Köbis» Aufgabe so anspruchsvoll: Er muss die Bedürfnisse der eigenen Mannschaft ganz genau kennen. Er muss wissen, welcher Rollenspieler dieses Team braucht - und dann diesen Spieler finden und davon überzeugen, nach Langnau zu kommen. Er sagt, für die Verpflichtung oder Vertragsverlängerung eines Spielers seien in Langnau wohl um die 30 Gespräche notwendig und manchmal komme es auch nach 40 Telefonaten und Sitzungen nicht zu einer Einigung. Obwohl die Langnauer heute doppelt so viel Geld ausgeben können wie nach dem Aufstieg vor zwölf Jahren, sind sie finanziell im Vergleich zur Konkurrenz keinen Schritt weiter gekommen. Was bedeutet: Die SCL Tigers haben nur eine Chance, wenn sie härter arbeiten und schlauer sind als die Konkurrenz. Jakob Kölliker muss besser sein als seine Berufskollegen Sven Leuenberger, André Rötheli, Roland Habisreutinger oder Edgar Salis.

Bereits in dieser Woche zeigen sich die ersten Umrisse des «Krueger-Prinzips.» Es hilft Köbi Kölliker, dass er als U 20-Nationaltrainer während zehn Jahren eine ganze Spielergeneration kennen gelernt hat. Aus Kloten hat er für nächste Saison Verteidiger Nicolas Steiner (21) geholt. Steiner hat die Postur (182 cm, 93 kg) um den Rumpelfaktor der Abwehr zu erhöhen und dafür zu sorgen, dass die Langnauer in der eigenen Zone nicht mehr ständig herumgeschubst werden.

Für die Offensive hat Langnaus Sportchef bereits den SCB-Stürmer Caryl Neuenschwander (28) für nächste Saison verpflichtet. Ein Rumpelstürmer mit hölzernen Händen und Füssen, der in 50 Spielen vielleicht 2 Tore macht. Aber mit der Postur (181 cm, 93 kg) um auf den Aussenbahnen für mehr Wasserverdrängung zu sorgen. Aus La Chaux-de-Fonds kommt per sofort zum Test Verteidiger Sami El Assaoui (21). Er produziert in der NLB mehr als einen halben Punkt pro Spiel. Dafür wird im Tausch der Versager Martin Stettler (28) vorübergehend nach La Chaux-de-Fonds abgeschoben. Er hat diese Saison in Langnau bloss einen Skorerpunkt erzielt.

Und schliesslich wird Arnaud Montandon (21) getestet - vielleicht ist er bisher von der Konkurrenz (in Fribourg und Bern) einfach übersehen und falsch eingeschätzt worden. Wenn es so ist, dann hat Langnaus Sportchef auf dem Transferwühltisch eine Stürmer-Rolex gefunden. Er muss ja, um den Ligaerhalt zu sicher, auch per sofort auch bei den Schweizern nachrüsten. Um offensiv weiter zu kommen, brauchen die Langnauer aber auf nächste Saison aber allem einen abschlussstarken «Knipser». In Idealfall gelingt es, Daniel Steiner (32) aus Lugano zurückzuholen. In Lugano sind inzwischen die Chancen, Meister zu werden, ja nicht viel grösser als im Emmental. Und die Verpflichtung von Oltens Topskorer Marco Truttmann für nächste Saison ist für Langnaus Transfergeneral schon fast Pflicht.

Der spannendste Teil bei der Umsetzung des «Krueger-Prinzips» ist die Besetzung des Trainerpostens: Jakob Kölliker braucht einen charismatischen, sturen «System-Trainer». Also einen wie Ralph Krueger. Eigentlich wäre John Fust ein solcher Trainer. Während Krueger eine schwere Krise (2001 bis 2003) im Amt überstanden hat (weil sich der Verband seine Entlassung bei einem Vertrag bis 2006 nicht leisten konnte), kostete Fust die erste schwere Krise den Job. Er hatte, wie Krueger (WM-Halbfinal 1998), im ersten Amtsjahr Erfolg (Playoffs 2011) - doch seither hat er ganz einfach zu viele Partien und damit die Vertrauensbasis verloren. Deshalb hat Langnaus Sportchef nun die Aufgabe, für nächste Saison einen neuen Bandengeneral zu finden - es sei denn, Alex Reinhard wird zur Rolex auf dem Trainer-Wühltisch. Keine einfache Aufgabe. Denn Langnaus Sportchef hat nicht viel mehr anzubieten als leere Kassen, Polemik, Schweiss, Niederlagen und Playouts. Einen renommierten Trainer bekommt er unter diesen Voraussetzungen auch im neuen Tempel nicht. Aber vielleicht gelingt es ihm, einen guten NLB-Cheftrainer nach Langnau zu locken - beispielsweise einen «Systemtrainer» wie Langenthals Heinz Ehlers.

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