Eishockey
Kein Meister fällt vom Himmel: Der ZSC Lions und die Tücken der Favoritenrolle

«In den Playoffs werden die Karten neu gemischt», ja sie «haben ihre eigenen Gesetze» und «es kommt sowieso alles anders als man denkt». Diese Allgemeinplätze haben durchaus ihre Gültigkeit. Analyse zum heutigen Playoff-Auftakt in der Nationalliga A.

Marcel Kuchta
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Strauchelnde ZSC Lions (im Bild Ryan Keller): Ein kaum vorstellbares Szenario.

Strauchelnde ZSC Lions (im Bild Ryan Keller): Ein kaum vorstellbares Szenario.

Frutiger/freshfocus

Die Playoff-Zeit ist auch die Zeit des munteren Phrasendreschens. In keiner Phase der Eishockey-Meisterschaft suchen Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre ihr Heil in mehr Floskeln als während der Wochen, in denen es um den Meistertitel geht. Deshalb soll auch diese Analyse mit einem kleinen Beitrag für das Phrasenschwein beginnen: Playoff ist, wenn «die Karten neu gemischt werden» und «alles wieder bei null beginnt».

Was man schon tausendmal gehört hat, entspricht halt doch der simplen Realität. Alles, was seit September während der Qualifikation passiert ist, zählt ab heute nicht mehr.

Das gilt zuallererst und vor allem für den Dominator der bisherigen Meisterschaft: die ZSC Lions. Die Zürcher waren in den vergangenen Monaten hierzulande das Mass aller Dinge.

Der Mannschaft bei der Arbeit zuzuschauen, machte in der Regel grossen Spass. Die Mischung zwischen defensiver Disziplin und offensivem Spektakel war stets ausgewogen. Dazu gelang es Headcoach Marc Crawford, seine Spieler auch dann noch bei Laune zu halten, als die Playoff-Qualifikation und der Quali-Sieg längstens feststanden. Kurz: Nimmt man das Vorgeplänkel der Meisterschaft als Massstab, dann kann der neue Meister nur aus Zürich kommen.

Aber eben: Ein Blick auf die Phrasendreschmaschine hilft, um die Situation der ZSC Lions etwas differenzierter betrachten zu können. Die klare Favoritenrolle hat in den Playoffs auch immer etwas Belastendes. Die Gegner haben in der Regel nichts zu verlieren.

Aufsteiger Lausanne etwa, das Sensationsteam der Qualifikation, kann völlig unbelastet zu Werke gehen. Von den Waadtländern erwartet niemand mehr Wunderdinge - schon gar nicht gegen den Klassenprimus. Wie schnell sich das Blatt für einen Favoriten wenden kann, musste beispielsweise der EHC Olten erleben. Der Quali-Sieger der National League B war ähnlich überlegen wie die ZSC Lions, geriet in der ersten Playoff-Runde gegen La Chaux-de-Fonds plötzlich in Rücklage und schied schliesslich sensationell in der ersten Runde aus.

Auch deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man bei den Lions vor den Playoffs sehr darum bemüht war, den Puck flachzuhalten und die Gegner starkzureden. Aber man
kann es drehen und wenden, wie man will: Der Weg zum Meistertitel wird nur über die ZSC Lions führen. Keine andere Mannschaft ist in der Lage, den Gegner mit seiner schieren Klasse, nötigenfalls aber auch mit Wucht, aus dem Weg zu räumen.

Die Zürcher sind vom Goalieduo Lukas Flüeler/Melvin Nyffeler über die Verteidigung um Captain Mathias Seger, Severin Blindenbacher und Marc-André Bergeron bis hin zum Sturm mit den Künstlern Roman Wick, Luca Cunti und Robert Nilsson oder den Brechern Morris Trachsler, Ronalds Kenins und Mark Bastl in allen Belangen herausragend besetzt.

Die Lions in einer Playoff-Serie über maximal sieben Spiele viermal zu bezwingen, scheint fast ein Ding der Unmöglichkeit.

«Die Playoffs haben ihre eigenen Gesetze!», meldet die Phrasendreschmaschine. Das mag stimmen, aber welcher Gegner soll sich den Zürchern erfolgreich in den Weg stellen?

Lausannes Beton wird gegen die geballte Offensivkraft der Lions eher früher als später bröckeln. Der HC Davos war einst der Angstgegner des ZSC, kämpfte zuletzt aber mehr mit sich selber. Die Kloten Flyers können Emotionen ins Spiel bringen, haben aber zu wenig Substanz, um den Rivalen aus Oerlikon wirklich zu gefährden. Fribourg und Ambri sind zu leichtgewichtig und Lugano fehlt die Feuerkraft, um die Lions in einer Playoff-Serie in Bedrängnis zu bringen.

Bleibt noch Servette Genf: Wenn man einer Mannschaft den Coup zutrauen darf, dann wohl dem Team von Chris McSorley.

Die Servettiens verfügen immerhin über das Einschüchterungspotenzial, um die ZSC Lions zumindest physisch in die Schranken zu weisen. So unbeweglich die Genfer Verteidigung bisweilen wirkt, so schwierig kann es sein, sich gegen sie durchzusetzen. Und in der Offensive sind die Genfer annähernd so gut besetzt wie die Lions.

So verlockend und wünschenswert eine Finalserie zwischen diesen beiden Teams wäre: Die Playoffs wären nicht die Playoffs, wenn nicht plötzlich doch noch alles anders kommt, als man denkt. Die Phrasendreschmaschine lässt grüssen.

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