Eishockey
Kampf um die Nummer 1 bei der WM – die Schweizer Goalies sind besser als ihr Ruf

Der Kampf um die Nummer 1 bei der WM ist eröffnet– Gauthier Descloux ist sicherlich gut genug, um Leonardo Genoni herauszufordern.

Klaus Zaugg
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Eishockey Torhüter
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Elien Paupe.
Lukas Flüeler.
Melvin Nyffeler.

Eishockey Torhüter

Keystone

Was wird bloss aus uns, wenn wir keinen Leonardo Genoni mehr haben? Und zum ersten Mal seit 20 Jahren haben wir keine Torhüter in Nordamerika, auf die wir bei der WM zählen können. Die Schweiz hat ein Torhüterproblem! Diese Klage ist in unserem Hockey inzwischen so oft zu hören wie im richtigen Leben das Jammern über die anhaltende Trockenheit.

Woher dieses Aufseufzen? Nun, die Titanen dominieren auch die Schlagzeilen. Der SC Bern verliert nach dieser Saison Leonardo Genoni (wechselt nach Zug), und allenthalben heisst es, nur ein Ausländer könne den WM-Silberhelden ersetzen. In Davos oben hat Arno Del Curto die Nerven verloren und Joren van Pottelberghe und Gilles Senn durch den Schweden Anders Lindbäck ersetzt. In Kloten holte Felix Hollenstein lieber einen österreichischen Nationalgoalie (Bernhard Starkbaum), als einem eigenen Nachwuchstalent zu vertrauen.

Nicht alles, was aus dem Ausland kommt, ist gut

Haben wir also ein Problem mit einheimischen Torhütern? Nein. Inzwischen zeigt sich, dass nicht alles gut ist, was aus dem Ausland kommt. Davos ist mit Anders Lindbäck in die grösste Krise seit dem Wiederaufstieg von 1993 gerutscht, und in Kloten steht inzwischen doch Andrin Seiffert (20) im Tor. Es gibt durchaus gute eidgenössische Goalies. Das Problem ist nur: Man muss sie kennen und ihnen eine Chance geben. Und ein bisschen langfristig denken.

Heute scheint vergessen, wie grosse Torhüter-Karrieren begonnen haben. Der grosse SCB hatte einst den Mut, jungen Goalies eine Chance zu geben. Renato Tosio kam 1987 von Absteiger Chur zum SCB. 2001 holte der damalige Sportchef Rolf Bachmann mit Marco Bührer ebenfalls einen Torhüter von Chur nach Bern. Beide waren talentiert, aber noch keine Titanen.
Auch Leonardo Genoni und Reto Berra sind nur WM-Silberhelden geworden, weil sie im Alter von 20 Jahren in Davos von Arno Del Curto eine Chance bekommen haben. Davor hatte der HCD-Trainer auf Jonas Hiller gesetzt, zuvor in Lausanne nur die Nummer zwei.

Ist Nyffeler der neue Tosio?

Wenn wir diese Beispiele auf die Gegenwart übertragen, dann müsste der SCB mit der Verpflichtung eines Genoni-Nachfolgers bis Saisonende warten: Steigen die Lakers ab, wäre Melvin Nyffeler der neue Renato Tosio oder Marco Bührer. Und eigentlich müsste Niklas Schlegel (24), die Nummer 2 bei den ZSC Lions mit auslaufendem Vertrag, in Bern, Lugano und Davos ein Thema sein. «Wir sind am Markt», sagt sein Agent André Rufener. Er sei bereits von zwei der drei vorgenannten Klubs kontaktiert worden. «Welche es sind, lassen wir offen . . .»

Ein gutes Beispiel für den langfristigen, erfolgreichen Aufbau eines Torhüters ist Lukas Flüeler, der am Samstag am Deutschland- Cup gegen den Gastgeber das Tor hüten soll. ZSC-Sportchef Simon Schenk holte den Klotener nach einem Lehrjahr in Nordamerika 2007 nach Zürich, um ihn zum Nachfolger von Ari Sulander aufzubauen. «Er hat mir bei der Vertragsunterzeichnung zugesichert, dass ich drei Jahre Zeit habe. Es war für mich nicht schwierig, mich nach und nach an die NLA zu gewöhnen. Ich wusste ja, dass Ari Sulander immer noch da war.» Inzwischen haben die Zürcher mit Lukas Flüeler bereits drei Titel geholt, und den Sieg im 7. Finalspiel in Lugano (2:0) verdankten sie beinahe ausschliesslich ihrem Goalie.

In Biel läuft ein ähnliches Projekt. Jonas Hiller (36) ist unbestrittene Nummer eins wie damals Ari Sulander bei den ZSC Lions. Bereits jetzt kommt Elien Paupe (23) hin und wieder zum Zug. Unter anderem hütete er den Kasten beim Sieg in Bern. Sportchef Martin Steinegger sagt: «Er bekommt die Chance, der Nachfolger von Jonas Hiller zu werden.» 2020 läuft der Vertrag des ehemaligen NHL-Titanen aus.

Auch ein Beispiel aus der Swiss League zeigt, wie das Potenzial eines jungen Torhüters oft unterschätzt wird. Philip Wüthrich (20) schien ein Lottergoalie zu sein. Langenthal setzte den letztjährigen SCB-Elitejunior in der Vorbereitung gegen Langnau ein. Er hinterliess beim 0:6 einen so miserablen Eindruck, dass sich die Langenthaler bange fragten, was wohl werde, wenn die Nummer 1 einmal ausfallen sollte. Inzwischen ist Marco Mathys (29) tatsächlich nicht mehr einsatzfähig (Gehirnerschütterung) – und Philip Wüthrich ist mit einer Fangquote von über 93 Prozent besser als Mathys. Eigentlich müsste der extrem ruhige Blocker die Aufmerksamkeit von SCB-Sportchef Alex Chatelain wecken.

Wer wird die Nummer 1 in der Nati?

Der Deutschland-Cup liefert noch ein Beispiel, dass unsere Torhüter viel besser sind als ihr Ruf. Gauthier Descloux (22) hat in seinem ersten Länderspiel am Donnerstag beim Turnier gegen die Slowakei den Sieg (3:2) festgehalten. Obwohl er praktisch mit dem ersten Schuss (unhaltbar abgelenkt) das 0:1 kassiert hatte. Nationaltrainer Patrick Fischer erwähnte explizit die «big saves» seines Torhüters. Gauthier Descloux ist wahrscheinlich der beweglichste und reflexschnellste Torhüter der Liga, er ist mit den Schonern so schnell wie ein Durchschnittsmensch mit den Beinen auf dem Tanzboden und er gehört zu jenen zähen «Kriegern» im Tor, die auch in hoffnungsloser Lage nie aufgeben und irgendwie versuchen, den Puck abzuwehren. Er ist so talentiert, dass er Lugano oder Bern von den Goaliesorgen erlösen könnte. Aber Chris McSorley hat ihn bis 2022 unter Vertrag.

Der Deutschland-Cup zeigt: Es ist nicht einmal sicher, dass WM-Silberheld Leonardo Genoni bei der nächsten WM die Nummer 1 sein wird. Gauthier Descloux kann ihn herausfordern. Und Lukas Flüeler in Bestform ist so gut wie Leonardo Genoni, er war schon im vergangenen Frühjahr im Halbfinal gegen den SCB besser. Und warum nicht in einem der «Operetten-Länderspiele» im Dezember oder Februar Melvin Nyffeler probieren? Der Kampf um die Nummer 1 bei der WM ist offen wie seit Jahren nicht mehr.

Eine Erhöhung von vier auf sechs Ausländer wäre für unsere Torhüterkultur verhängnisvoll: Schweizer Goalies bekämen praktisch keine Chance mehr.

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