Man stelle sich vor, der SC Bern entscheidet sich eines Tages, der National League A den Rücken zu kehren und in Zukunft an der russisch geprägten Kontinental Hockey League (KHL) teilzunehmen. Der Aufschrei der Empörung, der durch die Schweiz hallen würde, wäre gross. Der grösste und mächtigste Klub als Fremdgänger – was hierzulande kaum vorstellbar ist, ist vor etwas mehr als einem Jahr in Finnland Tatsache geworden.

Jokerit Helsinki, fünffacher finnischer Meister und die Organisation mit dem grössten und modernsten Stadion sowie den meisten Zuschauern, verabschiedete sich aus der heimischen SM-Liiga und schloss sich dem «grossen Bruder» im Osten an. Der russisch-finnische Unternehmer Gennadi Timtschenko (der jährlich auch Servette Genf mit einem namhaften Betrag unterstützt) und die russisch-finnische Rotenberg-Familie hatten zuvor die Hartwall-Areena, das Heimstadion Jokerits, gekauft und sich ebenfalls Anteile an der Organisation gesichert – unter der Bedingung, dass die Mannschaft Teil der KHL wird.

Kritik von allen Seiten

In Finnland hagelte es nach der Bekanntgabe der Umzugspläne 2013 Kritik von allen Seiten. Jokerit wurde flugs zum unpopulären Fremdgänger, der ohne Rücksicht auf Verluste die Fronten wechselte. Besitzer und Mehrheitsaktionär Harri Harkimo, eine der schillerndsten und einflussreichsten Persönlichkeiten Finnlands, hatte den Deal mit den Russen eingefädelt.

«Am Anfang waren die Leute in Finnland natürlich nicht erfreut über unseren Ausstieg. Aber inzwischen haben wir die Zweifler überzeugen können, erklärt der 62-Jährige, der während des Spengler Cups ebenfalls in Davos weilt: «Ich bin seit über 20 Jahren Eigentümer von Jokerit. Ich wollte mal etwas anderes versuchen. Die finnische Liga wurde mir zu langweilig. Das war Jahr für Jahr immer das Gleiche. Ich sah in der KHL sportlich die besseren Entwicklungsmöglichkeiten für die Mannschaft. Ausserdem wollten wir mehr Zuschauer in unsere Arena locken. In der KHL werden die Spiele zu einem Event.»

Zumindest das anvisierte Ziel mit den Zuschauern wurde erreicht. Statt vorher 9000 pro Spiel pilgern inzwischen über 11 000 Leute ins Jokerit-Stadion Trotzdem kann keine Rede davon sein, dass für Harkimo und seine russischen Investoren die Rechnung aufgeht. Die enormen Reisedistanzen und der viel grössere und teurere Spielerkader reissen ein enormes Loch in die Kasse. Das Budget wurde verdoppelt. Für die letzte Saison wurde ein Verlust in zweistelliger Millionenhöhe kolportiert. Harkimo sagt denn auch: «Ohne russische Sponsoren wäre der Spielbetrieb für uns in der KHL nicht finanzierbar.»

Jokerit verpflichtete sich, mindestens drei Jahre an der KHL-Meisterschaft teilzunehmen. Für Harkimo gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass das Fremdgängertum seiner Mannschaft nicht auch über die Saison 16/17 hinaus eine Fortsetzung findet. «Für uns stimmt das Gesamtprodukt. Es spricht nichts dagegen, dass wir den Vertrag mit der KHL verlängern.» Sollte das Abenteuer im «Wilden Osten» dereinst trotzdem mal enden, so zweifelt Harri Harkimo nicht daran, dass Jokerit seinen Platz in der finnischen Eliteliga wieder erhalten wird. «Sie werden uns zurückwollen», sagt er lächelnd.

Bleibt die Frage, ob so ein «Fall Jokerit» auch in der Schweiz möglich wäre. Angesichts der geopolitischen Lage scheint eine weitere Expansion der KHL in Westeuropa vorderhand ausgeschlossen. Harkimo würde sich über weiteren Zuwachs in der näheren Nachbarschaft Finnlands natürlich freuen. Er findet aber genauso Gefallen am neusten Projekt der Russen: Sie wollen im Hinblick auf die kommende Saison ein neues Team in Peking lancieren und damit den chinesischen Markt erobern. «Das sind auch für uns spannende Perspektiven», sagt Harkimo.

Genf fehlt nur das Stadion

Schaut man auf die Besitzverhältnisse und die Lage, dann wäre in der Schweiz Servette Genf der beste KHL-Kandidat. Die Russen alimentieren den Klub bereits jetzt finanziell. Die Stadt verfügt über einen eigenen Flughafen. Was momentan aber noch fehlt, ist die entsprechende Infrastruktur: Mit der veralteten Les-Vernets-Halle liesse sich der Spielbetrieb nicht finanzieren. Und ob Duelle gegen Teams wie Amur Chabarowsk wirklich interessieren würden, ist die andere grosse Frage.