Eishockey
Jim Vandermeer – der Mann, der aus besonderem Holz geschnitzt ist

Jim Vandermeer hat mehr als 1000 NHL-Spiele auf dem Buckel. Der 32-jährige Kanadier wollte seit Jahren einmal in seiner Karriere in Europa spielen. Er landete bei den Kloten Flyers und ist nun auf der Suche nach dem ersten Finalsieg.

Marcel Kuchta, Kloten
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Jim Vandermeer ist braver geworden, aber immer noch bissig

Jim Vandermeer ist braver geworden, aber immer noch bissig

Keystone

Es ist eine Geschichte wie aus dem Bilderbuch. Sechs Brüder, der Vater Inhaber eines Sägewerks, im Hinterhof ein selbst gebauter Hockey-Rink, auf welchem die Kids stundenlang gegeneinander «chnebeln».

Mittendrin in dieser typisch kanadischen Geschichte steht Jim Vandermeer. Als Siebenjähriger hilft er zusammen mit seinen fünf älteren Brüdern mit im Familienbetrieb, irgendwo im weiten Nirgendwo der kanadischen Provinz Alberta.

Während die grösseren Jungs schon mit dem Traktor herumfahren oder die mächtigen Sägen bedienen dürfen, muss Klein Jim Brennholz aufstapeln und den Holzabfall aus dem Weg räumen. Schon in jungen Jahren lernt er, was es heisst, sein Ego zurückzustellen und im Team zu arbeiten.

Jetzt, ein Vierteljahrhundert später, sitzt Jim Vandermeer im Medienraum der Kolping Arena und spricht über seine Erlebnisse in der Schweiz.

Dass ein Spieler, der aus seinem Holz geschnitzt ist, überhaupt in unserer Liga landet und dann auch noch erfolgreich ist, darf man durchaus als bemerkenswert bezeichnen.

In insgesamt 1000 Spielen in Nordamerika (NHL, AHL, WHL) kassierte Vandermeer knapp 2000 Strafminuten. Weit über 100-mal liess er die Fäuste sprechen, machte sich bald einen Namen als «Goon», als kämpfender Bösewicht. Ein Spieler also, der in unserer Hockey-Kultur eigentlich fehl am Platze ist.

Jim Vandermeer in der NHL als Hockey-Goon im Einsatz (Archivbild)

Jim Vandermeer in der NHL als Hockey-Goon im Einsatz (Archivbild)

Keystone

«Ich habe mich darauf gefreut, hier ein anderes Eishockey zu spielen. Meine Rolle in der NHL war immer klar definiert. Kämpfen, hart spielen. Mit der Zeit büsst man dafür auch körperlich», erzählt Jim Vandermeer.

Nach Jahren der Knochenarbeit, welche mit fünf Transfers innerhalb der NHL garniert wurden, sah er in Nordamerika keine Zukunft mehr.

Zumal er im letzten Sommer Vater eines Sohnes wurde. Obwohl angesichts der familiären Umstände ein Wechsel über den Atlantik alles andere als leicht war, ging Vandermeer das Risiko ein.

«Ich wusste nicht viel über die Schweizer Liga. Mein Karriereplan war immer, möglichst lange in der NHL zu spielen und dann einen Job in Europa zu finden», erklärt der
32-Jährige.

Nachdem sich im vergangenen Sommer kein NHL-Team für den Rumpelverteidiger interessierte, unterschrieb er in Kloten, und lernte seine neue Heimat schnell schätzen. «Es ist ein familienfreundlicher Ort. Am Anfang war ich etwas verloren, doch inzwischen haben wir uns bestens eingelebt.»

Nicht nur neben dem Eis fand Vandermeer sein Glück, sondern auch auf dem Eis. Zu Beginn hatte er mit den alten Gewohnheiten zu kämpfen, musste in den ersten drei Meisterschaftsspielen nach Schlägereien zweimal vorzeitig unter die Dusche.

«Wenn man 15 Jahre lang kämpft und dann gefragt wird, ob man loslegen will, dann zögert man nicht. Ich musste lernen, damit umzugehen», erzählt der 1,85 Meter grosse und 96 Kilogramm schwere Verteidiger lächelnd.

Inzwischen hat er seine Spielweise aber perfekt den hiesigen Gepflogenheiten angepasst. Zwischendurch blitzen sogar seine durchaus vorhandenen, spielerischen Fähigkeiten auf.

«Mein Ziel war es von Anfang an, nicht nur solid defensiv zu spielen wie bisher, sondern vielleicht auch etwas in der Offensive beizutragen. Gleichzeitig gilt hier aber dasselbe wie in Nordamerika. Wenn der Gegner aggressiv ist und dich herausfordert, muss man bereit sein. Wichtig ist, dass man sich smart verhält und weiss, wann man sich zurückhalten muss», erklärt Vandermeer, der im November eine Vertragsverlängerung bei den Flyers unterschrieb.

Er betont aber auch: «Ich hoffe, dass meine Gegenspieler merken, wenn ich auf dem Eis bin und sich deshalb vielleicht zweimal überlegen, was sie tun.»

Der Kanadier weiss, dass die talentierten ZSC Lions in der laufenden Playoff-Finalserie mit Emotionen und Härte aus dem Konzept gebracht werden können.

«Das erste Spiel war mehr ein Abtasten. Heute werden sicher mehr Emotionen im Spiel sein», kündigt Vandermeer an. Die Bilderbuchgeschichte wäre noch viel schöner, wenn sie mit einem Meisterkapitel angereichert werden könnte.

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