Eishockey
Ist Roman Josi besser als Mark Streit?

Die beiden NHL-Verteidiger Roman Josi und Mark Streit wirken wegen des Lockouts beim SC Bern. Und die Zuschauer stellen überrascht fest: Josis Spielweise ist spektakulärer als die des NHL-Pioniers Streit. Ist Josi vielleicht gar besser als Streit?

Klaus Zaugg
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Mit zunehmender Erfahrung könnte Roman Josi dereinst sogar noch besser werden, als er es jetzt schon ist.

Mit zunehmender Erfahrung könnte Roman Josi dereinst sogar noch besser werden, als er es jetzt schon ist.

Keystone

Ist Roman Josi (22) besser als Mark Streit (35)? Noch vor vier Jahren wäre eine solche Frage einer hockeytechnischen Blasphemie (Gotteslästerung) gleichgekommen. Schliesslich gilt Mark Streit als bester Verteidiger unserer Hockeygeschichte, und er spielte bereits für Montreal in der NHL, als Roman Josi noch ein namenloser SCB-Junior war.

Und doch ist diese Frage jetzt berechtigt. Die Statistik ist zwar noch nicht so dramatisch, dass eine Polemik ein Gebot der Stunde wäre. Streit hat beim SCB nach wie vor die besseren Werte (27 Spiele/6 Tore/16 Assists/+14) als Josi (21 Spiele/6 Tore/7 Assists/+5). Aber dass Josi in weniger Partien gleich viele Tore erzielt hat, ist ein klarer Hinweis auf sein enormes Potenzial. Und provoziert die Frage: Ist er besser als Streit?

«Zu verschieden»

Die Frage, ob Josi besser sei als Streit, geht an SCB-Sportchef Sven Leuenberger (43). Kompetenter kann keiner eine Antwort liefern. Er ist der Chef der beiden und war selber Nationalverteidiger. Nicht der beste seiner Epoche. Aber vielleicht der talentierteste. Er ahnt, wie heikel diese Frage ist, und sagt deshalb diplomatisch: «Josi und Streit sind zu verschieden. Deshalb ist es nicht möglich, mit einem Ja oder Nein zu antworten.»

Für den Zuschauer wirkt die Spielweise von Roman Josi spektakulärer als jene von Mark Streit. «Josi läuft mehr mit der Scheibe und nützt jede Gelegenheit zu einem Vorstoss. Streit ist erfahrener und cleverer. Als brillanter Passer läuft er nur dann mit dem Puck nach vorne, wenn die Gelegenheit wirklich günstig ist», sagt Leuenberger. Diese Differenz in der Spielweise ergebe sich aus der grösseren Erfahrung. Es ist also durchaus möglich, dass Roman Josi mit zunehmender Erfahrung noch besser und dereinst doch besser wird als Mark Streit.

Lüthis Rechnung ging auf

Sven Leuenberger rühmt explizit Mark Streits Qualitäten als Spielmacher und Powerplay-Manager. Streit habe ein sehr feines Gespür für die Spielentwicklung und sei dazu in der Lage, das Spiel zu beschleunigen oder das Tempo herauszunehmen. «Im Powerplay ist er so gut, dass er uns in jedem Überzahlspiel eine sehr gute Torchance garantiert.» Streit ist inzwischen sozusagen in die Rolle
eines «Spielertrainers» hineingewachsen. Die Rechnung von SCB-General Marc Lüthi ist also aufgegangen: Die Verpflichtung der drei NHL-Stars Roman Josi, Mark Streit und John Tavares ist tatsächlich eine erfolgreiche «Trainer-Stützungsaktion» geworden, hat den Job von Antti Törmänen gesichert und ein Trainersalär gespart.

Allerdings birgt diese Ausgangslage auch eine Gefahr. Mark Streit und Roman Josi verfälschen zwar nicht die Meisterschaft – aber sehr wohl die Wahrnehmung von SCB-General Marc Lüthi. Anstellung und Entlassung des Trainers laufen in Bern immer über Lüthis Schreibtisch. Der Vertrag von Törmänen, der unter dem persönlichen Schutz von Lüthi steht, läuft Ende Saison aus. Nach der Weihnachtspause werden Vertragsgespräche beginnen.

Die Bilanz ist verfälscht

Mit Mark Streit, Roman Josi und John Tavares ist Antti Törmänen erfolgreich. Aber um die tatsächlichen Qualitäten des finnischen Cheftrainers beurteilen zu können, müsste der SCB «netto» spielen. Also ohne die drei NHL-Stars. Weil ja der SCB nächste Saison wieder ohne seine NHL-Helden auskommen muss und weil der SCB traditionell mit der Verpflichtung von Ausländern wenig Glück hat.

Inzwischen hat sich auch Nicklas Danielsson (23Spiele/4Tore/4Assists/–5) für die NLA und den SCB als unbrauchbar erwiesen. Leuenberger hat den schwedischen Schillerfalter gestern nach Prag in die KHL verkauft und hat nun Budget frei, um im Falle einer Absage der NHL-Saison einen weiteren NHL-Star einzukaufen.