Eishockey
«Ich weiss nicht mal, ob ich noch Schlittschuh fahren kann»

Kevin Lötscher darf dreieinhalb Monate nach seinem schweren Unfall nach Hause. Sein Ziel ist klar: Eishockeyspielen auf höchstem Niveau.

Marcel Kuchta, Bern
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Voller Optimismus: Kevin Lötscher hofft, mit dem SC Bern in die NLA zurückkehren zu können.

Voller Optimismus: Kevin Lötscher hofft, mit dem SC Bern in die NLA zurückkehren zu können.

Keystone

Am Anfang ist nur das Klicken der Fotoapparate zu hören. Kevin Lötscher hat eben in einem Konferenzraum des Berner Inselspitals Platz genommen. Der 23-jährige Eishockey-Spieler tritt zum ersten Mal nach seinem schweren Unfall am 14. Mai wieder in der Öffentlichkeit auf.

Wer den jungen Mann an diesem 1. September lächelnd und gut aufgelegt vis-à-vis der zahlreichen Medienvertreter dasitzen sieht, kann kaum glauben, dass er dem Tod in jener fatalen Nacht im Mai nur knapp von der Schippe gesprungen ist.

In den frühen Morgenstunden des 14. Mai wurde Kevin Lötscher, der wenige Tage zuvor von der Eishockey-Weltmeisterschaft in der Slowakei heimgekehrt war, in Sierre von einer betrunkenen Autofahrerin angefahren. Lötscher wurde vom Fahrzeug frontal erfasst und meterweit durch die Luft geschleudert. Der Oberwalliser erlitt schwerste Kopfverletzungen und wurde ins Berner Inselspital verlegt, wo er eine Woche lang im künstlichen Koma lag.

An die Ereignisse vom Mai kann sich Kevin Lötscher nicht mehr erinnern: «Was zwei Wochen vor und einen Monat nach dem Unfall passiert ist, weiss ich praktisch nicht mehr.» Vom Unfall selbst hat er keine, von der WM nur noch bruchstückhafte Erinnerungen: «Ich wusste noch, dass wir gegen Frankreich und Weissrussland gewonnen haben, aber nicht mehr, dass ich im letzten Turnierspiel gegen die USA zwei Tore geschossen habe.»

Dass er im Frühjahr einen Vertrag beim SC Bern unterschrieben hat, wusste er ebenso nicht mehr. Vater Martin musste ihn am Krankenbett über seinen neuen Arbeitgeber aufklären.

Kevin Lötscher spricht am Tag seiner offiziellen Entlassung aus dem Berner Inselspital viel und deutlich – auf «Walliserdytsch». Angesichts der Tatsache, dass er zu Beginn seiner langwierigen Rehabilitation wieder lernen musste, wie man spricht, ein erstaunlicher und erbaulicher Auftritt.

Rein äusserlich deutet nur noch die schmale Statur darauf hin, dass Lötscher nach seinem Unfall in vielerlei Hinsicht wieder bei null beginnen musste. Zehn Kilogramm Muskelmasse hat der Stürmer in den letzten drei Monaten verloren. Der Modellathlet wirkt im Vergleich zu vorher feingliedriger, ja fast ein wenig zerbrechlich.

Die Rehabilitation in der hoch spezialisierten Abteilung für kognitive und restorative Neurologie am Inselspital ist hart und fordert die Patienten. Lötscher absolvierte bis zu 30 Therapie-Einheiten pro Woche. Dabei wurde das ganze Spektrum beansprucht: Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie. Daneben nahm er im Inselspital auch bereits wieder sein Kraft- und Ausdauertraining auf.

«Es waren für mich drei schwierige Monate mit vielen Hochs und Tiefs», resümiert Kevin Lötscher seine Zeit im Inselspital. Und er weiss auch, dass ihm bei seinem Comeback-Versuch im Spitzeneishockey ein langer Weg bevorsteht. «Ich will mit dem SC Bern in die Nationalliga A zurückkehren. Ich weiss, dass das ein hoch gestecktes Ziel ist. Aber ich habe keine Zweifel, dass ich es schaffen werde», gibt er sich kämpferisch.

Kevin Lötschers Augen leuchten, wenn er von seiner Zukunft spricht. Der Optimismus, den er verbreitet, wirkt ansteckend, Platz für Zweifel hat es bei ihm nicht. «Ich war immer ein positiv denkender Mensch.

Man muss in so einer Situation zuversichtlich sein. Was passiert ist, ist passiert. Ich kann es nicht ändern.» Das nächste Ziel für ihn ist klar: «Ich will zurück aufs Eis. Ich weiss ja nicht mal, ob ich noch Schlittschuh fahren kann.»

Zunächst einmal sind für Kevin Lötscher Ferien angesagt. Zusammen mit Vater Martin verreist er für ein paar Tage – um nachher erholt den langen Weg zurück an die Spitze in Angriff nehmen zu können.

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