National League
Hockey wie Free Jazz – Chaos und freie Rhythmik auf dem ZSC-Eisfeld

Trainer Serge Aubin stand 31,2 Sekunden vor der Entlassung – dann drehten die ZSC Lions das Spiel gegen Fribourg und gewannen 3:2 nach Verlängerung.

Klaus Zaugg, Zürich
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Im Fokus: ZSC-Lions-Trainer Serge Aubin.

Im Fokus: ZSC-Lions-Trainer Serge Aubin.

Keystone

Die ZSC Lions begehen viele spielerische und taktische Sünden. So viele, dass die Position von Cheftrainer Serge Aubin (43) infrage gestellt werden darf. Wenn im Spiel einer so erfahrenen, routinierten und teuren Mannschaft so oft das Chaos ausbricht, dann gibt es irgendwo im Maschinenraum ein Problem. Dem stimmt Serge Aubin durchaus zu. Er sagt, das Spiel ohne Scheibe müsse besser werden.

Aber ein Vorwurf trifft nicht zu. Zu sagen, die ZSC Lions seien verwöhnte, arrogante Diven, ist erstens respektlos, zweitens polemisch und entspricht drittens ganz einfach nicht der Wahrheit. Diese Mannschaft lebt. Die Zürcher kämpfen leidenschaftlich. Sie rocken im besten Wortsinn.

Der Ausgleich gelingt gegen Gottéron mit einem Kraftakt sondergleichen. 1:42 Minuten vor Schluss ersetzt Serge Aubin Torhüter Lukas Flüeler durch einen sechsten Feldspieler, um das Powerplay noch kräftiger zu machen – Frederik Pettersson, kein Freund des Trainers, trifft 13,2 Sekunden vor Schluss zum Ausgleich und in der Verlängerung dann zum 3:2.

Auferstehung der ZSC-Kultur

Diese Partie, aufwühlend, intensiv und dramatisch, war wie eine Auferstehung der ZSC-Kultur aus dem letzten Jahrhundert. Diese echte Kultur war geprägt von Chaos und Drama auf und neben dem Eis. Der Unterschied zu damals: das Chaos auf dem Eis ist mindestens so gross. Aber neben dem Eis sind die ZSC Lions eine perfekt funktionierende und von Peter Zahner exzellent gemanagte Hockey-Firma.

Aber wenn wir den Unterhaltungswert nicht beachten und die ganze Sache stocknüchtern betrachten, so als wären wir Hockey-Sachverständige, dann müssen wir ein wenig die Stirn runzeln. Dass die Balance im Spiel nicht stimmt, zeigt sich schon daran, dass in einer der offensiv nominell bestbesetzten Mannschaften Mitteleuropas ein Verteidiger (Maxim Noreau) den gelben Helm des Topskorers trägt und der alte NHL-Haudegen Kevin Klein (34), der eigentlich im letzten Frühjahr in Pension gehen wollte, bei allen drei Treffern den Stock im Spiel hatte.

Eishockey wie Free Jazz

Oder um es etwas polemisch zu sagen: Die New Yorker Philharmoniker spielen Free Jazz. Interessanterweise erkennen wir im Spiel der ZSC Lions die gleichen Elemente wie im Free Jazz: Freie Rhythmik, Einflüsse aus verschiedenen Stilrichtungen und keine Trennung mehr zwischen Solo- und Begleitungspart.

Vor einem Jahr gewann Trainer Hans Wallsson (52) das letzte Spiel vor der Festtagspause in Lausanne in der Verlängerung 2:1 und die Zürcher hatten auf Platz 7 acht Punkte Vorsprung auf Rang 9. Anschliessend wurde der Schwede gefeuert und durch Hans Kossmann (56) ersetzt.

Nun haben die Zürcher in der Verlängerung gegen Gottéron 3:2 gewonnen, darben aber auf Rang 10 mit zwei Punkten Rückstand auf den letzten Playoff-Platz. Serge Aubin weiss um die Geschichte, geht aber davon aus, dass er am 29. Dezember, wenn seine Boys wieder zum Training antraben müssen, nach wie vor ZSC-Trainer sein wird.

Peter Zahners Schlusswort

Die Storys über den finnischen Erfolgstrainer Erkka Westerlund (61), der sofort nach Zürich kommen könnte, standen nur 31,2 Sekunden vor der Publikation. Dann drehten die ZSC Lions die Partie. Eine weitere Niederlage hätte Serge Aubin wohl den Job gekostet. In der doch heiklen Lage überlassen wir das weihnächtliche Schlusswort ZSC-Manager Peter Zahner (57): «Sie wissen doch, dass ich mich nicht zur Trainerfrage äussere.»