Steigt man in Lugano am Hauptbahnhof in die S-Bahn Richtung Ponte Tresa, dann hält man zwei Minuten später an einem unscheinbaren See vor den Toren der Stadt an. Der Lago di Muzzano liegt malerisch eingebettet zwischen den Hügeln rund um Lugano. Heute ist er in Besitz von Pro Natura und gehört zu einem Naturschutzgebiet.

Vor 75 Jahren bot der «Laghetto», das Seelein, die Bühne für die ersten Schritte des Eishockeys im Sottoceneri. Auch wenn man es angesichts des südländischen Flairs kaum glaubt: Alle paar Jahre bildet sich auf dem See während ein paar wenigen Tagen eine tragfähige Eisschicht, auf welcher sich bis vor wenigen Jahren die Eisläufer verlustieren durften.

Im Winter 1940 wagten sich ein paar besonders mutige Männer mit Stock und Puck auf die glatte Unterlage. Damals trieb das Eishockey in Lugano seine ersten, zarten Blüten.
Dass diese Sportart, die so gar nicht in diese Region passt, ein Dreivierteljahrhundert später das grosse Stadtgespräch sein würde, ahnte von den Pionieren damals niemand.

Alcide Bernasconi (71), der das Tessiner Eishockey jahrelang als Journalist verfolgte und in seiner Jugend selber für den HC Lugano gespielt hatte, hat den Jubiläumsband, welcher der Klub anlässlich seines 70. Geburtstags veröffentlichte, gestaltet. Dort ist eindrücklich zu sehen, wie sich der Hockey-Virus im pulsierenden Städtchen langsam ausgebreitet hat. «Die Leute haben sich generell für Wintersport interessiert. So wie das in der Schweiz üblich ist», erzählt Bernasconi.

Die kuriose Geschichte der Vereinsfarben

Infiziert wurde Lugano kurioserweise durch die heute verhassten «Cugini» (Cousins) aus Ambri. Die Leventiner wirkten während vieler Jahre als Entwicklungshelfer. Sei es als Spielerlieferant, sei es als Gegner. Die Klubfarben «schwarz-weiss» erbte der Hockey Club Lugano, welcher 1941 offiziell im Café Apollo, vis-à-vis des alten Kursaals, an der Via Stauffacher gegründet wurde, von den Fussballern, die ihre ausrangierten Trikots den Puckjägern überliessen.

Dazu eine kleine Anekdote von Bernasconi: «Ambri wollte ebenfalls in schwarz-weiss antreten. Doch damals hatte die Dame, die die Trikots stricken sollte, nur noch die Farben blau und weiss vorrätig.» Um ein Haar wären die Tessiner Lokalrivalen also sogar in denselben Tenüfarben aufgelaufen.

Zurück zum Lago di Muzzano: Das dünne und vor allem unzuverlässige Eis erwies sich selbstredend als nicht tragfähiges Fundament für den Hockey Club Lugano, der sich in der Folge mehr schlecht als recht bemühte, sein Natureis selber zu produzieren. Sei es auf einem Rasenstück in Loreto, sei es auf einem Tennisplatz in Paradiso.

Wenn alles nichts half (bzw. der Winter zu warm war), dann wich man in der Not sogar bis nach Mailand aus. Erst 1957 wurde mit dem Bau der (damals offenen) Kunsteisbahn Resega die Ära des «modernen» HC Lugano eingeläutet.

Mittlerweile ist die Resega längst überdacht und mehrmals modernisiert worden. Unmittelbar neben der Halle wurde ein zweites, gedecktes Eisfeld erstellt. In der weiteren Umgebung hat der HC Lugano seine Infrastruktur stetig ausgebaut. Ein knallgelber Pavillon für die inzwischen über 400 Jugendliche starke Nachwuchsabteilung steht da, ein moderner Fanshop fehlt ebenso wenig.

Und doch beschränkt sich die visuelle Präsenz des Klubs auch während der aktuellen Finalserie auf den engsten Umkreis der Resega, welche am nördlichen Stadtrand, eher versteckt am Fusse eines Hügels, erbaut wurde. In der Stadt selber geht derweilen alles seinen gewohnten Gang. Die gut gekleideten Banker laufen eiligen Schritts und telefonierend durch die malerischen Gässchen. Die Touristen geniessen See, Gelati und die wärmende Sonne.

Modefans und Banker

Generell ist die Vorfreude auf den nahenden Sommer spürbar. Und doch wissen die Leute, wie es um ihren HC Lugano steht. Sieben von zehn Befragten outen sich als Anhänger der «Bianconeri», auch wenn man die meisten zu den «Modefans» zählen muss, die auf den fahrenden Erfolgszug aufgesprungen sind. Der Run auf Finaltickets ist enorm. Die Heimspiele waren innert zwei Stunden ausverkauft. Gezahlt wurde das sechs- bis siebenfache der regulären Ticketpreise.

Dabei ist der HC Lugano im Bewusstsein der Bevölkerung schon lange fest verankert. Andy Näser (41), langjähriger Captain der Luganesi und mittlerweile Vize-Präsident des Klubs sagt: «In der Stadt dreht sich momentan alles ums Eishockey. Mit dem Erfolg werden auch die Fans wieder heissblütiger.»

Die seit 2006 andauernde sportliche Durststrecke überstand man einigermassen unbeschadet. «Natürlich sind die Leute nicht glücklich, wenn es nicht läuft. Aber sie sehen eben nur 5 Prozent der Realität», sagt Näser mit Blick auf die notorisch hohe Erwartungshaltung gegenüber den «Bianconeri».

Die Ära Mantegazza

Dass diese Erwartungshaltung immer so hoch ist, hat natürlich ihren Grund. Und der heisst Mantegazza. Ohne die finanzielle Unterstützung der Milliardärs-Familie, früher durch Vater Geo, heute durch Tochter Vicky, wäre Spitzeneishockey in Lugano nicht finanzierbar. Näser wehrt sich jedoch, die Mantegazzas als blosse Goldesel zu bezeichnen, die dem Klub einfach jeden monetären Wunsch erfüllen: «Die ganze Familie ist mit grossem Herzblut dabei.»

Kurioserweise war Geo Mantegazza in seiner Jugend ein guter Fussballer. Der lokale Fussballklub verpasste es jedoch, den vermögenden Mann als Präsidenten zu gewinnen. «Politische Ränkespiele verhinderten den Einstieg beim FC Lugano», erzählt Alcide Bernasconi.
Zum grossen Glück des Hockeyclubs, welcher 1978 einen Präsidenten erhielt, der seinen Verein um jeden Preis zu einem Titel führen wollte.

Mantegazza reiste zu Beginn der 1980er-Jahre höchstpersönlich nach Schweden, um Wunschtrainer John Slettvoll für sein Projekt zu begeistern und in das damalige Eishockey-Entwicklungsland Schweiz zu lotsen.

Der Rest ist bekannt: Slettvoll und Lugano mischten die Szene mit professionellen Strukturen gehörig auf. Siebenmal gewannen die «Bianconeri» zwischen 1985 und 2006 den Meistertitel. Würde 2016, wenn der Klub seinen 75. Geburtstag feiert, Meisterpokal Nummer acht dazukommen, dann wäre das die Fortsetzung einer erstaunlichen Geschichte, die einst auf dem dünnen Eis des Lago di Muzzano begann.