Gschobe #56

Gute Nacht, Herr Infantino

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 46 und 49, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell, David, Lehrer, Speicher AR, Tobias, Consultant, Zürich, Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG und François, Journalist, Windisch.

Flavio: Entweder hat Recep Tayyip Erdogan keinen Daumen oder er versteht kein Englisch.

Tobias: Wie kommst du jetzt darauf?

Flavio: Im «Blick» war kürzlich ein Interview mit Fifa-Präsident Gianni Infantino. Dieser berichtet von seinem Treffen am G20-Gipfel, wo er Trump und Erdogan und viele andere nette Menschen traf. Ein wirklich erhellendes Stück. Allein schon die erste Frage, die auf ein Bilddokument verweist: Warum schaut Erdogan so mürrisch, während Sie und Trump den Daumen hochrecken? Lies es nach.

Tobias: Mach ich gleich. Und was hat Infantino darauf geantwortet?

Flavio: Erdogan sei nicht bereit gewesen, als Trump sagte: Daumen hoch!

David: Daumen hoch, was soll das? Wenn Erdogan gute Laune hat, und wirklich nur dann, sagt er: Bäuchlings auf den Boden und Hände hinter den Rücken. Und wenn die Sonne scheint und die Vögel pfeifen und er gut gefrühstückt hat, also einen ausserordentlich guten Tag hat, begnügt er sich vielleicht mal mit einem: Hände hoch! Aber doch nicht Daumen hoch.

François: Wäre Erdogan eine Frau aus dem Kanton Uri, könnte man die Situation mit einem akustischen Missverständnis erklären.

Pius: Oh je, wenn ihm das Foto mit Erdogan nur nicht um die Ohren fliegt wie den deutschen Nationalspielern Özil und Gündogan.

François: Da gibt es einen kleinen Unterschied. Wegen Infantino geht keiner ins Stadion. Also muss er auch keine Pfiffe der Fans befürchten.

Pius: Aber was wollte Infantino überhaupt am G20-Gipfel? Ist es nicht so, dass er beharrlich das Märchen runterleiert von wegen Fussball hätte nichts mit Politik zu tun?

Flavio: Er sagt ja im Interview, er hätte mit den Staatschefs nicht über Waffenhandel, sondern über Fussball gesprochen. Aber eigentlich war er als Friedensengel dort. Nur ist er zu bescheiden, um das an die grosse Glocke zu hängen.

Pius: Mir kommen gleich die Tränen.

Flavio: Mir doch auch. Erst recht, wenn Infantino glaubt, dass alles auf dieser Welt in bester Ordnung ist, kein Atomkrieg droht, solange man miteinander spricht und beobachtet haben will, wie sich der chinesische Präsident Xi Jinping und Trump gut unterhalten hätten. Handelsstreit zwischen den beiden Supermächten? Fake News!

David: Ja, und kurz darauf sickert durch, dass die Tochter des Huawei-Patriarchen auf Ersuchen Washingtons in Kanada verhaftet wurde und die USA ihre Auslieferung beantragen.

Flavio: Weiter berichtete Infantino: Die Russen würden seit der Fussball WM im eigenen Land viel mehr Sport treiben.

François: Klar, Putin muss seine Leute in Form bringen, wie es die Ukraine wohl auch tut.
David: Hauptsache, Infantino kann nun beruhigter schlafen, wie er erklärt. Friede, Freude, Eierkuchen auf der ganzen Welt. Ausserdem ist er vom Gedanken geradezu beseelt, Präsident einer neuen, sauberen und starken Fifa zu sein. Das sagt er so im Interview und muss auch kein kritisches Nachhaken befürchten.

Tobias: Ich bin jetzt mit der Lektüre durch und habe zwei Fragen: Warum klaut ihr mir fünf Minuten meiner Freizeit? Ausserdem: Was ist Infantinos Pressesprecher von Beruf?

Pius: Pressesprecher unter Freunden? Ich brauche ja auch keinen, wenn ich euch treffe.

Autor

François Schmid-Bechtel

François Schmid-Bechtel

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