Eishockey
Ex-Nati-Trainer Ralph Krueger: «Ich bin per Skype entlassen worden»

Ralph Krueger ist bei den Edmonton Oilers gefeuert worden. Es ist das erste Mal in seiner bisher 24-jährigen Trainer-Karriere. Doch bittere Gefühle hat der Ex-Nati-Trainer der Schweiz keine, wie er im Interview sagt.

Klaus Zaugg
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Ralph Krueger, als er in Edmonton als neuer Chefcoach vorgestellt wurde (Archiv).

Ralph Krueger, als er in Edmonton als neuer Chefcoach vorgestellt wurde (Archiv).

Keystone

Sie sind zum ersten Mal in Ihrer Karriere gefeuert worden. Ich nehme an, Sie sind im Stolz verletzt.

Ralph Krueger: Es schmerzt und ich brauche noch einige Tage, um die Entlassung zu verarbeiten. Aber ich habe keine bitteren Gefühle. Ich war drei Jahre bei den Edmonton Oilers und ich möchte nicht eine Minute dieser Zeit missen. Ich muss jetzt einfach loslassen.

Warum sind Sie gefeuert worden?

Ich muss diese Entlassung nicht verstehen und es bringt nichts, wenn ich mir darüber den Kopf zerbreche. Ich muss meine Entlassung einfach akzeptieren. So ist das Geschäft.

Aber es gibt ja schon hockeytechnische Gründe?

Wir standen nach 36 von 48 Runden auf einem Playoff-Platz. Aber dann haben wir dreimal hintereinander verloren und die Playoffs verspielt. Wir waren in der Schlussphase zum Playoff-Anwärter geworden und unsere Gegner nahmen uns entsprechend ernst. Wir hätten noch besser werden müssen. Das gelang uns nicht. In drei Spielen hat sich alles verändert. Aus einer Supersaison, aus der besten Saison seit vielen Jahren, ist eine weitere Enttäuschung geworden.

Hätten Sie sich, wenn Sie Cheftrainer geblieben wären, um einen Transfer von Mark Streit bemüht?

Ja natürlich. Offensiv-Verteidiger und Powerplay-Spezialisten wie er sind sehr, sehr selten. Er kann das letzte Teilchen zu einem Stanley-Cup-Puzzle sein. Eigentlich sind alle 29 Teams an ihm interessiert und mindestens 10 Teams werden alles daran setzen, ihn zu bekommen.

Er kann also mit einem Vierjahresvertrag und fünf bis sechs Millionen Dollar Jahresgehalt rechnen?

Er wird den besten Vertrag seiner Karriere bekommen.

Spielte bei Ihrem Scheitern in Edmonton die Entlassung von General Manager Steve Tambellini eine Rolle? Sie waren sein Mann. Nun holt eben der neue General Manager Craig MacTavis seinen Mann.

Der Wechsel des General Managers hat sicherlich eine Rolle gespielt. Der General Manager umgibt sich mit den Männern seines Vertrauens. Das ist so üblich. Aber wie ich schon gesagt habe: Ich muss meine Entlassung nicht verstehen. Ich muss sie bloss akzeptieren. Es ist wohl eine Erfahrung, die jeder in diesem Geschäft machen muss. Ich habe ein Sommerhaus an einem flachen See mit vielen Felsen und wir sagen zum Spass: Es gibt nur zwei Bootskapitäne: Solche, die schon auf einen Felsen gelaufen sind und solche, die es noch nicht sind. So ähnlich ist das mit einem Hockeycoach.

Sie halten sich in der Schweiz auf. Sind Sie am Telefon gefeuert worden?

Ja. Craig MacTavish hat mich per Skype entlassen. Ich habe ihn gebeten, mir 24 Stunden Zeit zu geben um meine Mitarbeiter und meine Familie informieren zu können. Daran hat er sich gehalten.

Eine Entlassung per Skype ist ja noch günstiger als per Telefon. Hat er Sie so gefeuert, wie das in Amerika üblich ist: Hi Ralph, es war grossartig, dich in Emonton zu haben, wir sind sehr stolz, dass du für uns gearbeitet hast, du hast ganz grossartige Arbeit geleistet, es war ganz einfach unglaublich, was du geleistet hast. Aber du bist gefeuert.

Kein Kommentar. Aber Sie kennen ja die nordamerikanische Kultur

Aber es tut schon weh, so unverhofft zum ersten Mal in 24 Jahren gefeuert zu werden?

Es ist tatsächlich das erste Mal, dass ich entlassen worden bin. Ja natürlich tut es weh und ich brauche Zeit, um das alles zu verarbeiten. Aber wie ich schon sagte: Bittere Gefühle habe ich keine. Solche unverhoffte Wendungen gehören zum Sportgeschäft. Wer die Hitze in der Küche nicht erträgt, sollte die Küche meiden. Es gibt ja auch Wendungen in positiver Richtung. Ich habe mich ja auch nicht beklagt, dass beispielsweise 1998 ein einziges Spiel - das 4:2 gegen die Russen - uns das WM-Halbfinale gebracht und dem ganzen Schweizer Eishockey eine neue Richtung gegeben hat.

Als Nationaltrainer haben Sie gespürt, dass die Chemie mit dem Verbandspräsidenten nicht mehr stimmt und Sie sind nach dem Olympischen Turnier von 2010 vorzeitig zurückgetreten. Gab es denn jetzt in Edmonton keine Anzeichen für die Entlassung? Sie waren ja mit Craig MacTavish noch bei der WM in Stockholm.

Ich war mit ihm in Helsinki und Stockholm. Wir waren acht oder neun Tage gemeinsam unterwegs. Es hat kein Anzeichen für eine Entlassung gegeben.

Aber das kann ja fast nicht sein. Sie haben eine so feine Witterung für die Mitmenschen.

Nein, es gab keine Anzeichen. Wenn Sie so wollen bin ich wohl ein wenig ein Opfer meiner Führungsphilosophie geworden: Die offene Kritik, das offene Gespräch mit meinen Mitarbeitern gehört zu meinem Führungsstil. Deshalb war es für mich ganz normal, dass Craig MacTavish die Saison mit mir kritisch analysiert hat. Darin habe ich keine Gefahr für meinen Job gesehen.

Er hatte in den letzten Wochen einen Assistenten für Sie gesucht und hat nun Ihren Nachfolger gefunden.

Es war meine Idee, wieder einen Assistenten („associate coach") zu engagieren. Ich habe diese Saison auf einen Assistenten verzichtet und alles selber gemacht. Wir hatten wegen des Lockouts keine Vorbereitung, ich habe vieles geändert und so entschied ich, alles selber zu machen. Ich habe jeden Tag zwölf Stunden gearbeitet und es hat riesig Spass gemacht. Aber es war von allem Anfang an klar, dass ich diese Belastung nicht eine ganze normale Saison mit mehr als 80 Spielen tragen kann. Deshalb habe ich vorgeschlagen, wieder einen Associate Coach zu engagieren.

Haben Sie dabei auch Ihren Nachfolger Dallas Eakins ins Spiel gebracht?

Sein Name war auch auf dem Tisch. Ich kenne ihn aber nicht.

Wie geht es jetzt weiter? Ihr Vertrag läuft noch zwei Jahre. In der NHL werden Verträge respektiert, aber nicht ausbezahlt. Das bedeutet, dass Sie voraussichtlich zwei Jahre Ferien geniessen können.

Um die Modalitäten der Entlassung kümmert sich mein Anwalt. Das ist kein Problem. Wie es weiter geht, ist offen. Ich habe nun sicher Zeit, um meinen Sohn Justin beim SC Bern spielen zu sehen.

Sie können aber nicht ohne Herausforderung sein.

Das ist richtig. Ich werde nach meinen Sommerferien wohl erst einmal all meine Erfahrungen ordnen. Für mich ist klar, dass ich wieder eine Führungsposition will. Die Frage ist, welche Gruppe ich führen werde. Es ist nicht möglich, Führungsphilosophien ohne praktische Erfahrung zu vermitteln. Parallel zu meiner Tätigkeit als Hockeycoach habe ich auch in den letzten Jahren Führungsseminare gemacht und ich hatte zuletzt eine Einladung zum WEF in Davos.

Haben Sie Kontakte zu anderen NHL-Organisationen? Ist eine Rückkehr in die NHL denkbar?

Ich werde mich aktiv nicht um einen Job in der NHL bemühen. Aber vom sportlichen Standpunkt aus gibt es keine grössere Herausforderung als die NHL.

Es gibt eine grössere: Russischer Nationaltrainer bei den Olympischen Spielen.

Tatsächlich gibt es keine grössere Herausforderung als eine Nationalmannschaft bei Olympischen Spielen zu coachen. Das sagt etwa auch Mike Babcock. Der Stanley Cup mit Detroit war für Detroit wichtig, aber nicht für Kanada. Der Olympiasieg mit Kanada 2010 in Vancouver hatte eine ganz andere Dimension. Auch für mich sind die drei Olympia-Turniere mit der Schweiz die bisher grösste Erfahrung.

Es ist schon ein wenig verrückt: Im Frühjahr 2013 erreichten die Schweizer mit der WM-Medaille endlich das Ziel, auf das Sie als Schweizer Nationaltrainer zwölf Jahre lang hingearbeitet haben. Und im Frühjahr 2013 werden Sie zum ersten Mal in Ihrer Karriere gefeuert.

So habe ich das noch gar nicht betrachtet. Aber es stimmt, das ist tatsächlich etwas, was ich in meine philosophischen Betrachtungen einbeziehen werde...

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