Analyse
Eishockey-Nati: Viele Sorgen, aber auch Parallelen zur Silber-WM

Das Schweizer Nationalteam steht vor der ersten Weltmeisterschaft nach dem Coup von Stockholm. Es hat eine schwache Vorbereitung hinter sich. Trotzdem ist eine Medaille möglich.

Klaus Zaugg, Minsk
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Hätten wir vor einem Jahr nicht WM-Silber gewonnen, dann wären jetzt vor der fünften WM mit Sean Simpson fast alle pessimistisch. Das Erreichen der Viertelfinals würde als das höchste aller möglichen Ziele genannt. Denn unsere Nationalmannschaft hat in der WM-Vorbereitung so schwach gespielt wie noch nie in der Ära von Sean Simpson. Der Tiefpunkt war das 0:4 am Dienstagabend gegen die Kanadier (ohne einen Spieler aus dem olympischen Siegerteam).

Aber wir haben vor einem Jahr WM-Silber geholt! «Yes, we can!»

Der Pessimismus hat deshalb den Charme heimlicher Hoffnung: Vielleicht kommt es in Minsk ja doch noch gut heraus. Triumph und Absturz liegen indes nahe beieinander. Beides ist möglich. Eine Medaille oder die vorzeitige Heimreise vor den Viertelfinals.

Es sind zwar nur noch zehn Silberhelden von Stockholm dabei und dafür neun WM-Neulinge. Aber das Silber-Team von 2013 war ähnlich strukturiert (mit 7 WM-Neulingen) und nominell nicht viel besser. Neulinge inspirieren ein Team und verstärken die Emotionen - im Guten wie im Bösen. Weil Eishockey ein emotionales Spiel ist.

Klaus Zaugg.

Klaus Zaugg.

AZ

Alles fliesst: Im Laufe eines Turniers entwickelt jedes Team eine Dynamik, ob es will oder nicht. Eine positive oder eine negative. Ob es «Klick» macht wie vor einem Jahr in Stockholm oder alles schiefgeht, kann sich in einem einzigen Moment entscheiden. Durch eine Zufälligkeit, einen «abspritzenden» Puck, einen Fehlpass.

Wir sind mental und physisch zu wenig robust, um auch dann um Medaillen zu würfeln, wenn der Puck nicht unseren Weg geht. Wir können das Glück in Minsk nicht erzwingen. Aber wir sind gut genug, die Türe zu öffnen und die Chance zu packen, wenn das Glück wieder anklopft. So war es vor Stockholm 2013, und so ist es jetzt auch vor Minsk 2014. Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede mit dem Silber-Team.

Der Schwachpunkt ist trotz besorgniserregender Offensivleistung (ein Tor in den drei letzten WM-Vorbereitungsspielen) nicht der Sturm. Sondern die Verteidigung. Die fehlende offensive Feuerkraft in den letzten Testspielen hatte ihre Ursache in der miserablen Spielorganisation in der eigenen Zone.

Die bange Frage lautet deshalb: Gelingt es Sean Simpson, taktisches Recht und defensive Ordnung wieder durchzusetzen? Immerhin stehen ihm mit Roman Josi, dem besten Spieler der gesamten letzten WM (MVP des Turniers), und Yannick Weber zwei NHL-Verteidiger zur Verfügung, und im mentalen Bereich kann er erneut auf Kultcaptain Mathias Seger zählen. Die ZSC-Ikone wird am Samstag ihr 300. Länderspiel bestreiten und damit weltweit nach Länderspielen die Nummer 8.

Die WM-Mannschaft 2014 ist sozusagen ein halbes Silberteam ohne defensives Fundament. Wasserverdrängung, Kraft und Wucht sind nahezu gleich. Die Windstille im Sturm täuschte zuletzt darüber hinweg, dass wir mit den drei NHL-Stürmern Simon Moser, Sven Bärtschi und Damien Brunner offensiv nominell eher besser besetzt sind als vor einem Jahr. Aber es fehlt die ordnende Hand eines Weltklasse-Centers wie Martin Plüss. Der Silberheld hat abgesagt, und so ist jetzt nur sein Bruder Benjamin mit dabei.

Eigentlich hätten wir unsere Analyse auf einen Namen reduzieren können. Auf Reto Berra. Ohne charismatischen, dominierenden, grossen Torhüter haben wir in Minsk keine Chance. Dann bringen uns auch Damien Brunners Tore und Roman Josis phänomenale Spielintelligenz nicht weiter.

Reto Berra und Martin Gerber sind die Eltern des WM-Silberwunders. Jetzt ist nur noch Berra dabei. Aber er ist nicht mehr Bieler Playoff-Held. Sondern die Nummer 3 in Colorado, und in den letzten zwei Monaten hat er gerade noch zwei Partien bestritten. Leonardo Genoni (Davos) und Robert Mayer (Hamilton/AHL) haben nicht Berras Format.

Zwar beginnen wir heute gegen die Russen mit Genoni. Aber das ändert nichts daran, dass (fast) alles an der Form des Silber-Helden Berra hängt. Der langen Analyse kurzer Sinn und tiefe Wahrheit: Sag mir, wie Reto Berra spielt, und ich sage dir, wie das WM-Abenteuer 2014 endet. Wenn Reto Berra nicht in Form ist, nützen uns auch Damien Brunners Tore nichts.