Playoff-Final

Eishockey: Lugano gegen Bern ist wie Kavallerie gegen Infanterie

Doug Shedden hat in Lugano ein Team gefunden, dass sein Hockey spielen kann.

Doug Shedden hat in Lugano ein Team gefunden, dass sein Hockey spielen kann.

Der charismatische Lugano-Cheftrainer Doug Shedden setzt im Playoff-Final gegen den SC Bern auf offensives Risiko.

Nie war der Doug Shedden (54) besser als in diesen Tagen in Lugano. Ja, er hat die Rolle seines Lebens gefunden. Endlich kann er ein Team kommandieren, um sein «Kavallerie-Hockey» zu spielen und erstmals in Europa einen Titel zu erobern. «Kavallerie-Hockey» steht für eine ganz besondere Art des Offensivhockeys. Für die riskante Konzentration der Kräfte, um den Durchbruch durch die gegnerischen Linien zu erzwingen.

Der Kanadier vertraut auf seine «schwedische Kavallerie». Er spricht vom «Dreikronen-Sturm» – in Anlehnung an die schwedische Bezeichnung des Nationalteams «Tre Kronor» («Drei Kronen»). Linus Klasen (30), Fredrik Pettersson (28) und Tony Martensson (35) bilden die durchschlagskräftigste Linie im Land. Das Trio hat in zehn Playoff-Partien 31 Skorerpunkte erzielt. Zyniker sagen, Doug Shedden forciere die Ausländer bis zum Umfallen, und wenn das nicht helfe, dann setze er die drei Schweden bis zur totalen Erschöpfung ein.

Den Vogel nicht zu fest drücken

Tatsächlich hat Lugano den Playoff-Final praktisch mit drei Linien erreicht. «Ja, natürlich ist das so», sagt Shedden. «Manchmal haben wir auch mit zweieinhalb Linien gespielt. Unsere vierte Linie hatte pro Partie höchstens fünf oder sechs Minuten Eiszeit.» Rein rechnerisch müsste der vierte Sturm mindestens doppelt so viel Eiszeit pro Spiel bekommen.

Aber der Kanadier mag keine Diskussion führen, ob das gut sei oder ob es besser wäre, mit vier Angriffsreihen zu stürmen. «Es hängt davon ab, was ich von der vierten Linie erwarten kann. Das war bisher zu wenig.» Ein Energieproblem für das Team sieht er deswegen nicht. «Die drei Schweden wollen so viel spielen, und sie haben genug Energie, um so viel zu spielen.»

Doug Shedden gibt seinen Spielern viele, aber nicht grenzenlose taktische Freiheiten, getreu jener kanadischen Coaching-Lehre, dass man einen Vogel in der Hand nicht zu stark drücken, aber ihm auch nicht zu viel Freiheit geben darf. Sonst bricht er sich entweder die Flügel oder er fliegt davon.

Die Diskussion ist deshalb interessant, weil der SC Bern seine Finalqualifikation dem rollenden Einsatz von vier Linien verdankt. Der Pragmatiker Lars Leuenberger (41) ist sozusagen ein «Anti-Shedden»: keine Konzentration der Kräfte. Die Last möglichst gleichmässig verteilen. Aber auch keine Sprüche. Keine Polemik. Kleines Ego.

Die Strategie der Berner: Am Ende behauptet sich, wer gegen den ermatteten Gegner das letzte, das vierte Bataillon aufs Feld schicken kann. Leuenberger setzt auf die Zermürbung der überlegenen gegnerischen Blitz-Offensive. Lugano gegen Bern ist auch die Auseinandersetzung zwischen Doug Sheddens stürmischer, offensiver Kavallerie und Lars Leuenbergers zäher, spielerischer Infanterie.

Doug Sheddens Hockey verkörpern in erster Linie die drei schwedischen Stürmer und der erfahrene Skorer Damien Brunner, den er einst in Zug vom Viertlinienspieler zum NHL-Stürmer ausgebildet hat. Das Spiel der Berner wird vom «ekligen» Provokateur Thomas Rüfenacht, der Schweizer Antwort auf Claude Lemieux, verkörpert. «Ja, ja, ich kenne Rüfi», sagt Doug Shedden.

«Ich hatte ihn nicht nur in Zug im Team. Er ist auch mein Freund geworden, wir haben schon viel Zeit gemeinsam auf dem Golfplatz verbracht. Er ist einer jener Spieler, die ich lieber in der eigenen als in der gegnerischen Mannschaft sähe. Ein Problem ist das für mich aber nicht. Er ist in Bern, ich bin in Lugano. Es ist, wie es ist.»

Ein gewisser Fatalismus gehört inzwischen zum charismatischen Bandengeneral und er ist ein bisschen ruhiger geworden. Nicht ganz freiwillig. Im Frühjahr 2014 hat Shedden ausgerechnet an seinem 53. Geburtstag in Florida einen Herzinfarkt erlitten. Er beruhigt: «Ich bin wieder okay.»

Vorwärtshockey

Die Geschichte kann uns keine Finalprognose liefern. Weil die Geschichte erzählt: Bei Waterloo entschied Blüchers preussische Kavallerie die Schlacht mit ihrem offensiven Schneid. Bei Sempach triumphierte das eidgenössische Fussvolk gegen die habsburgische Reiterei. Das stürmische Vorwärtshockey liegt Doug Shedden sowieso besser als taktische Schachspiele.

In Zug scheiterte er fünfmal hintereinander im Halbfinal und sagt rückblickend: «In Zug war die Mannschaft nie gut genug für den Final.» Das dürfte nicht ganz der Wahrheit entsprechen: «General Vorwärts» Shedden war als taktischer Defensivstratege nicht gut genug, um Zug in den Final zu dirigieren. Er ist kein Coach für ein Aussenseiter-Team. Aber er ist ein taktischer Vereinfacher und Antreiber. Er hat Luganos Offensivspiel strukturiert, also vereinfacht.

Ein bisschen profitiert Shedden auch von der Arbeit seines Vorgängers Patrick Fischer, dem heutigen Nationalcoach. Trainer-Zauberlehrling Fischer hatte schon die Geister der Offensive und des neuen Selbstvertrauens gerufen.

Aber anders als der grosse Meister Shedden vermochte er sie nicht zu kontrollieren und zu kanalisieren und schied zweimal im Viertelfinal gegen Servette aus. Zug ist vielleicht wegen Shedden nie in den Final gekommen – aber Lugano ist zweifelsfrei dank Shedden zum ersten Mal seit 2006 im Final.

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