Irgendetwas war in diesem Sommer anders. Ja, es war der erste Sommer seit 23 Jahren, in dem Arno Del Curto keine Rolle mehr spielt. Der HCD beginnt erstmals seit 1996 eine Saison ohne den mittlerweile 62-jährigen Feuerkopf aus dem Engadin.

Wahrlich der Anfang einer neuen Ära. Und am Anfang dieser Ära steht die Frage: Was macht eigentlich Del Curto? Er mag sich nicht öffentlich äussern. Er will Ruhe. Nichts als Ruhe! Aber kann denn einer wie er zur Ruhe kommen? Einer wie er kann doch ohne Adrenalin nicht sein. Doch, doch, das könne er. Er spiele jetzt Golf. Golf? Adrenalin? Na klar, er schiebe das Golfwägelchen selbst. Hoffentlich fährt er das Ding nicht regelmässig zu Schrott.

Der neue HCD-Trainer heisst Christian Wohlwend. Der 42-Jährige ist Engadiner. Wie Del Curto. Er kommt als U20-Nationaltrainer nach Davos. Wie Del Curto. Also ist er der neue Del Curto. Nein, ist er nicht. Wohlwend ist sogar ein «Anti-Arno».

Del Curto war im Laufe seiner biblischen Amtsdauer ein «Diktator» geworden. Ein Machtrainer. Darauf bedacht, alles unter Kontrolle zu haben, vereinigte er schliesslich alle wichtigen Funktionen auf sich: Coach, Trainer, Sommertrainer, Sportdirektor, Kommunikationschef. Seine Assistenten waren mit Ausnahme von Torhütertrainer Marcel Kull Statisten ohne jeden Einfluss und Mut zur Widerrede. Alles drehte sich in Davos um die Wünsche und Launen des Chefs.

Ein Basisdemokrat anstelle des Diktators

So hat Davos sechs Titel gewonnen und unser Hockey geprägt. Der neue Sportdirektor Raeto Raffainer ist zum Schluss gekommen, dass dieser zentralistische Führungsstil heute nicht mehr möglich ist. Wohlwend ist im Vergleich zu seinem Vorgänger ein Basisdemokrat. Er verteilt Macht und Verantwortung auf zwei Assistenten, einen Video-, einen Athletik- und einen Goalie-Coach.

«Ein Cheftrainer kann die ganze Arbeit nicht mehr allein machen. Es geht darum, jede Position so stark wie möglich zu besetzen. Die Assistenten müssen loyal sein, aber sie sollen den Coach herausfordern. Verantwortung abgeben heisst, die Leute stark zu machen», erklärt Sportdirektor Raffainer. Der 37-Jährige ist mit Wohlwend befreundet.

Ein ganzes Team ist also notwendig, um Del Curto zu ersetzen. Eine Schicksalsgemeinschaft wagt das Abenteuer Davos. Eine Gruppe von Desperados? «Nein» sagt Raffainer, «wir sind alle hier, weil wir uns diese Herausforderung nicht entgehen lassen wollen. Wir hatten alle gute Jobs und haben alle gekündigt. Wir hätten alle bleiben können. Aber wir sind extrem motiviert, diese Chance zu packen und den HCD wieder dorthin zu führen, wo er hingehört.»

Doch wohin soll die Reise gehen? Ein Spitzenklub ist der HCD nicht mehr. Geht es Richtung Ausbildungsklub wie Langnau oder Ambri, aber wirtschaftlich stark genug, um die besten Spieler zu halten? Raffainer hat einen Plan: «Erst einmal machen wir alles Menschenmögliche, um in die Playoffs zurückzukehren.

In einer nächsten Phase wollen wir uns für die kommende Saison verstärken. Dabei lautet die Frage: Haben wir genug Geduld, um junge Spieler zu holen und bei uns zu Nationalspielern auszubilden, oder versuchen wir, Nationalspieler zu verpflichten? Als reiner Ausbildungsklub kehren wir nicht unter die Top sechs zurück. Es braucht die richtige Mischung und die Spieler, die den Unterschied machen. Wir haben Talente, die wir bei uns zu Leadern entwickeln können. Nicht in dieser Saison, nicht in der nächsten, aber in drei, vier Jahren.»

Viele Leader im Team – oder etwa doch nicht?

Aber ist die Mannschaft, die im vergangenen Frühjahr die Playouts gegen die Lakers bestreiten musste, besser geworden? Für die Playoffs fehlten 24 Punkte. Wohlwend ist zuversichtlich: «Wir haben viele Leader: Andres Ambühl, Enzo Corvi, Fabrice Herzog, Félicien Du Bois, die Gebrüder Wieser und unsere Ausländer. Wir fördern die Eigenverantwortung, wir fordern, dass sich jeder Gedanken macht, wie er besser werden kann.»

Viele Leader? Waren die meisten nicht schon vergangene Saison da? Um es boshaft zu sagen: Ambühl hat wohl seine beste Zeit hinter sich, Corvi kann Reto von Arx nicht die Schuhe binden, Herzog war in Zürich ein Mitläufer, und die Gebrüder Wieser waren unter Del Curto brave Unteroffiziere.

Wo ist da die Führungsgruppe? Der neue HCD-Trainer korrigiert diese Einschätzung: «Wir kreieren eine neue Führungsgruppe, wir geben jedem eine neue Rolle. Die Gebrüder Wieser bekommen eine neue Chance und können in eine neue Rolle hineinwachsen. Und zu Ambühl: Unterschätzen Sie nicht, welch unheimliche Energie er hat.»

Jedem eine neue Rolle, jedem eine neue Chance. Vielleicht werden Kräfte frei, die unter der «Diktatur» von Del Curto blockiert waren. Ein Neuanfang, ja eine Revolution. Aber eine unter Freunden.

Gaudenz Domenig ist ein kluger Präsident. Er wird dafür sorgen, dass diese Revolution nicht ihre eigenen Kinder frisst wie in Karl Georg Büchners Drama «Dantes Tod». Domenig wird geduldig sein. Und Sportdirektor Raffainer seinen Trainer Wohlwend milde beurteilen. Dieser ist ja schliesslich sein Freund. Oder doch nicht? Raffainer sagt: «Manchmal beurteilt man Freunde sogar härter als Fremde.»