Krise? So scheint es. Die ZSC Lions haben am Freitag, 19. Oktober, den Spitzenkampf in Bern verloren (2:3) und sind im Cup gestern schmählich an den SCL Tigers gescheitert (3:5).

Aber es gibt auch eine andere Sichtweise. Ein frühes Ausscheiden aus dem Cup ist für jedes Spitzenteam ein Segen. Die Zürcher, Lugano und Biel sind bereits eine lästige Pflichtaufgabe los und können sich nun auf das wahre Schweizer Hockey konzentrieren.

Die Niederlage im Spitzenkampf in Bern können wir zwar nicht als bedeutungslos schönreden. Und doch gibt es keinen Grund zur Beunruhigung. Wir haben weder in Bern noch gestern im Cup in Langnau die wahren ZSC Lions gesehen. Der Titelverteidiger ist ein typischer «Herbst-Meister». So spielen Meisterteams in der Regel im Herbst.

Kein typischer grosser Trainer

Serge Aubin hat die meisterlichen Zürcher ja erst im Sommer von Meistermacher Hans Kossmann übernommen. Also können die ZSC Lions noch gar nicht mit der Präzision und Konstanz funktionieren wie der SCB oder die SCL Tigers, die schon im dritten Jahr unter gleicher Leitung stehen.

Aubin (43) ist noch kein typischer grosser Trainer. Er ist jung, selbstsicher, aber nicht arrogant, mit klarer Linie, aber nicht stur, und ein sehr guter Kommunikator. Er passt zu diesen ZSC Lions. Eigentlich braucht es für eine grosse Mannschaft mit grossen Egos einen grossen Trainer, der dominant, autoritär und bisweilen arrogant ist. Einen taktischen «Ideologen», der seine Vorstellungen kompromisslos durchsetzt.

So einen Trainer hatten die Zürcher mit Hans Wallson. Er war zu dominant, zu autoritär, zu arrogant und zu sehr ein taktischer «Ideologe». Die Nordamerikaner haben für das, was ihm vergangenen Saison passiert ist, eine wunderbare Redewendung: «Er verlor die Kabine.» Also den Zugang zu seinen Spielern. Erst seine Amtsenthebung ebnete unter seinem Nachfolger Hans Kossmann den Weg zum Titel.

Dynamischer, frecher, schneller

Bei der Wahl des neuen Trainers haben die ZSC Lions nichts dem Zufall überlassen. Zum Jobinterview flogen Sportchef Sven Leuenberger, Manager Peter Zahner und Verwaltungsrat Peter Spuhler nach Wien. Sie prüften Serge Aubin (zu diesem Zeitpunkt noch Trainer in Wien) und befanden ihn für gut.

Die ZSC Lions sind unter ihrem neuen kanadischen Trainer dynamischer, frecher und schneller geworden. Die jungen Spieler bekommen Verantwortung. Der Meister hat ganz klar die grössere spielerische Substanz und die grössere Kadertiefe als der SCB, Lugano oder Biel. Die Zürcher begeistern in lichten Momenten mit variantenreichem Lauf- und Tempohockey. Sie sind nicht verspielt und in der gegnerischen Zone suchen sie immer den direkten Weg zum Tor.

Meistens reicht es

Und warum reicht es trotzdem nicht zu Siegen in Bern und Langnau? Weil die Konstanz und Stilsicherheit fehlen. Minutenlang läuft das Spiel wie Örgelimusik – aber dann folgen Phasen des Stillstandes. Zu viele Konzentrations-Durchhänger erlauben dem Gegner schnelle Gegenstösse. Die Zürcher verlieren Zweikämpfe, die sie in den Playoffs nicht mehr verlieren werden. Es sind die typischen Mängel eines Meisters im Herbst mit dem Wissen, dass es dann schon noch reichen wird. Meistens reicht es. Aber eben nicht immer.