Eishockey
Ein persönlicher Blick: Schiri Brent Reiber ist zurückgetreten

Brent Reiber, wohnhaft in Buchs AG – einer der besten Schiedsrichter auf Schweizer Eis – wechselt nach 34 Jahren als Profi-Schiedsrichter ins Büro. Ein persönlicher Blick zurück auf eine fast 3000 Spiele umfassende Karriere.

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Brent Reiber tritt nach 34 Jahren als Profi-Schiedsrichter zurück und wechselt ins Büro des Schweizer Eishockeys
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Im Auge des Sturms Brent Reiber war ein vielgeschätzter Schiedsrichter, auch wenn es hin und wieder umstrittene Spielentscheidungen gab
Brent Reiber am Boden Eishockey ist nichts für schwache Männer - das gilt auch für die Schiedsrichter
Brent Reiber während einer Trauerminute auf Schweizer Eis
Brent Reiber im Gespräch mit dem temperamentvollen Trainer Chris McSorley Der Schiedsrichter musste immer wieder strittige Szenen klären
Hat gut lachen 2003 wurde Brent Reiber zum besten Schiedsrichter gewählt
Die beiden bekannten Schweizer Profischiris Daniel Kurmann und Brent Reiber in Aktion Im Jahr 2000 standen beim Vierländerturnier zwischen Österreich und der Slowakei zum ersten Mal zwei Schiedsrichter auf dem Eis

Brent Reiber tritt nach 34 Jahren als Profi-Schiedsrichter zurück und wechselt ins Büro des Schweizer Eishockeys

Keystone

Das erste Spiel in der Schweiz:

«Das war im September 1997 die Partie zwischen dem SC Bern und dem HC Davos. Lustigerweise kann ich mich an dieses Spiel kaum erinnern. Nur noch daran, dass sich Arno Del Curto in der Zeitung über irgendeinen Fehlentscheid beklagt hat. Präsenter ist mir noch mein zweites NLA-Spiel, das Zürcher Derby zwischen Kloten und dem ZSC. Erst habe ich mich auf der Suche nach dem Schluefweg irgendwo im Wald verfahren. Nach dem Spiel, welches der ZSC gewann, kam Klotens Captain Felix Hollenstein zu mir, bedankte sich und sagte: ‹That's hockey›. Mir war damals die Bedeutung des Zürcher Derbys noch überhaupt nicht bewusst.»

Der letzte Ernstkampf:

«Das war vor gut einem Monat das vierte und letzte Finalspiel zwischen den Kloten Flyers und den ZSC Lions. Ich wusste, dass es mein letztes Spiel ist, verspürte aber keine grossen Emotionen beim Taschepacken. Es war das Ende der Playoffs, das Ende einer sehr intensiven Zeit. Wir Schiedsrichter haben in diesen Wochen sehr hart gearbeitet, viel untereinander diskutiert. Auch während des Spiels hatte ich keine Zeit, mal durchzuatmen und mir bewusst zu werden, dass das mein letzter Ernstkampf ist. Es war bis zum letzten Moment eine echte Herausforderung.
Ich brauchte alle meine Erfahrung und Können, um das Spiel zu leiten. Als das Penaltyschiessen vorbei war, musste ich so schnell wie möglich weg in die Kabine. Normalerweise schaut man, wenn die Meisterschaft entschieden ist, den Feierlichkeiten noch ein wenig zu. Ich habe dann meine Tasche gepackt, ein paar Liga-Funktionären die Hand geschüttelt und bin nach Hause.»

Das letzte Spiel:

«Mein allerletztes Spiel war Ende April das Länderspiel zwischen der Schweiz und Tschechien in Basel. Wenn ich nur schon daran denke, werde ich emotional. Und zwar deshalb, weil es mich daran erinnert hat, wie ich selber Schiedsrichter wurde. Während eines Spiels meiner damaligen Juniorenmannschaft in Kanada anerkannte der Referee ein Tor, welches ich geschossen hatte, nicht, weil er viel zu weit entfernt war von der Szene. Ich habe mich furchtbar aufgeregt und den Schiri entsprechend mit wenig schmeichelhaften Worten beschimpft. Nach jenem Spiel kam er dann zu mir und sagt mir ganz sachlich: ‹Genau wegen solcher Situationen brauchen wir junge, schnelle Leute wie dich, die das Spiel verstehen. Komm und werde Schiedsrichter.›
Von dort an war es mein Ziel, dem Eishockey etwas zu geben. Deshalb hat es mich besonders berührt, dass nach jenem Spiel in Basel die allermeisten Schweizer Spieler zu mir gekommen sind und sich bedankt haben. Das hat mich überrascht und auch stolz gemacht, weil es eigentlich nicht unserer Kultur entspricht, die sonst nicht von allzu grossem Respekt zwischen Spielern und Schiedsrichtern geprägt ist. Diese Geste, diese Anerkennung der Nationalspieler, war eigentlich der Grund, warum ich 34 Jahre meines Lebens in diesen Sport investiert habe.»

Der Höhepunkt:

«Das sportliche Highlight waren ganz klar die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver. In meiner Heimat, in einem Eishockey-Land, in einer Eishockey-Stadt, vor meiner Familie und vielen Freunden. Vor allem die Tatsache, dass meine Frau und meine Eltern auch da waren, war für mich sehr speziell. Das Eishockey-Leben ist gerade für Familien sehr schwierig, weil man so viel unterwegs ist. Ich habe auch alte Kumpels getroffen, die inzwischen in der NHL pfeifen. Besser konnte es nicht werden.
In Vancouver erlebte ich auch zum ersten Mal nach vielen Jahren, dass ich vor einem Spiel vor lauter Nervosität nicht einschlafen konnte. Oder, dass ich die Kufen an meinen Schlittschuhen mehrmals wechselte. Auf jeden Fall waren all diese Erfahrungen für mich richtungsweisend und vor allem unglaublich lehrreich. Vancouver hat mich motiviert, noch besser zu werden. Und in den folgenden drei Jahren durfte ich dann drei WM-Finals und einen U20-WM-Final leiten.»

Das lustigste Erlebnis:

«Ich habe unzählige kuriose Geschichten erlebt. Eine davon passierte in Ambri, wo ich viele schlechte Erfahrungen mit den Zuschauern gemacht habe. Während eines Spiels pfiff ich eine Strafe gegen Ambri, worauf das Publikum haufenweise Gegenstände aufs Eis schmiss. Darunter war auch eine Brille. Die habe ich in meine Hosentasche gesteckt. Als nach dem Spiel einer der Funktionäre zu uns in die Garderobe kam und im Namen des Besitzers die Rückgabe der Brille forderte, sagte ich: ‹Geht nicht. Das ist ein Beweismittel fürs Protokoll. Ich muss einen Bericht über die Vorfälle schreiben.› Das entsprach natürlich nicht der Wahrheit. Meine Linesmen mussten sich beherrschen, dass sie nicht laut loslachten. Auf jeden Fall habe ich die Brille dann in meiner Tasche versorgt und dort dann vergessen, bis sie mir ein Jahr später wieder in die Hände kam, als ich mit anderen Schiedsrichtern beim Nachtessen sass und diese Geschichte erzählte. Ich hab sie dann zum Scherz angezogen und siehe da: Ich habe viel besser gesehen als vorher! Ausgerechnet diese Brille verschaffte mir den klaren Durchblick! Ich ging zum Optiker und der sagte mir prompt: ‹Sie brauchen eine Lesebrille!›»

Das schlimmste Erlebnis:

«Das war im Frühling 1996 in der kanadischen Juniorenliga, der Western Hockey League (WHL; d. Red.), als ich nach einem Spiel von einem Trainer attackiert wurde. Es war ein Playoffspiel zwischen den gross gewachsenen Jungs aus Lethbridge und den kleineren, flinken und spielerisch starken Jungs aus Regina. Lethbridge wollte den Gegner mit Härte zerstören. Ich pfiff kurz vor Spielende eine Strafe gegen sie, worauf deren Coach eine Wasserflasche aufs Eis schmiss. Ich ging zur Spielerbank und gab dem Coach die Chance, sich zu erklären: ‹Wenn du zugibst, dass du die Flasche geschmissen hast, bekommst du einen Spielverweis. Wenn nicht, dann gibt es zwei Minuten Bankstrafe.› Der Coach weigerte sich, seine Schuld einzugestehen und bescherte seinem Team damit eine doppelte Unterzahl. Regina schoss prompt ein Tor, worauf der fehlbare Coach damit begann, mich zu bedrohen. Er schrie ‹ich töte dich!›, was ihm natürlich endgültig einen Spielverweis einbrockte.

Brent Reiber

Geboren am 31.12.1966 in Lloydminster (Ka).
Verheiratet mit Manuela.
Tochter Jadie (1).
Wohnt in Buchs AG.
Karriere: Schiedsrichter seit 1980. Leitete insgesamt knapp 3000 Spiele, darunter 450 in der kanadischen Juniorenliga, 1200 in der Schweiz, 50 an A-Weltmeisterschaften und 3 an Olympischen Spielen.
Höhepunkte: Leitete die A-WM-Finals 2011, 2012, 2013 und das U20-WM-Finalspiel 2012.

Nach der Partie, welche Regina gewann, lauerte mir der LethbridgeCoach im Garderobengang auf, packte mich am Kragen und verpasste mir einen Kopfstoss. Die ganze Geschichte, welche auch in den Medien hohe Wellen warf, endete vor Gericht. Der Coach wurde für ein Jahr gesperrt. Doch leider hatte die Affäre auch für mich negative Auswirkungen. Ich war vorher der am besten eingestufte Schiedsrichter der WHL. Danach wurde ich plötzlich zurückgestuft und durfte nicht mehr so viel pfeifen. Es war ein politischer Entscheid, welcher mich letztlich dazu bewog, meine Zelte in Kanada abzubrechen. Via Japan landete ich dann in der Schweiz. Deswegen war dieser Vorfall rückblickend wegweisend für meine ganze Karriere.»