Die grossen Vermögen der Weltgeschichte sind fast alle in Zeiten der Krisen angehäuft worden. Die grossen Geschichten unseres Hockeys haben meistens mit einer Krise begonnen. Im Sommer 1998 ist der SCB in einem noch schlimmeren Zustand als heute die Kloten Flyers und geht in die Nachlassstundung. Ein junger Mann nützt die einmalige Chance. Marc Lüthi, Mitinhaber einer Marketingagentur (IMS), verzichtet auf eine Forderung von gut 150'000 Franken gegenüber dem SCB. Der 37-Jährige bekommt dafür im Gegenzug den Job als Geschäftsführer.

Kloten ist nicht Bern

Kloten ist nicht Bern. Aber: als Marc Lüthi in Bern mit seiner Arbeit beginnt, sind die Voraussetzungen nicht besser als heute in Kloten. Der SCB hat zu diesem Zeitpunkt weder die GastronomieRechte im Stadion noch ein Spitzenteam.

Es scheint unmöglich, schwarze Zahlen zu schreiben. Nun gibt es die einmalige Gelegenheit, in Kloten ein komplettes NLA-Hockeyunternehmen für einen Dollar zu erwerben. Günstiger war der Einstieg ins helvetische Hockeygeschäft noch nie. Die Besitzer der Kloten Flyers haben drei Möglichkeiten:

Konkurs. Sie können die Bilanz deponieren. Das hiesse Konkurs und Auflösung des Unternehmens. Das kommt schon deshalb nicht in Frage, weil die gleichen Kreise auch in Lausanne engagiert sind – geht Kloten Konkurs, werden die Politiker in Lausanne aufgeschreckt und es gibt kein neues Stadion.

Demobilisieren. Sie können nach und nach die teuersten Spieler abgeben und so das Defizit reduzieren. Das wäre an und für sich vernünftig und hätte kaum sportliche Folgen: Um die Resultate der beiden letzten Jahre zu erreichen, genügt eine um 30 Prozent günstigere Mannschaft. Aber diese Option entspricht nicht dem Selbstverständnis der nordamerikanischen Hockey-Imperialisten.

Verkauf. Das ist die Variante, die sie offiziell verkündet haben. Und schon ist der welsche Hockey-Machiavellist Hugh Quennec, der eigentlich von der Liga wegen skandalöser Interessenskollisionen als Servette-Präsident abgesetzt werden müsste, wieder am Wirbeln. Er hatte schon den Verkauf der Kloten Flyers an die Avenir-Gruppe orchestriert.

Die alles entscheidende Frage: Wie teuer sind die Flyers? Sie kosten einen Dollar. Ein Dollar für ein sportliches und wirtschaftliches Himmelfahrtskommando – aber auch für eine einmalige Chance. Stark vereinfacht gesagt: Der Kaufpreis eines Unternehmens richtet sich nach der Substanz beziehungsweise der Ertragskraft. Schreibt ein Unternehmen ohne Immobilien-Portefeuille oder andere Sachwerte tiefrote Zahlen, dann ist der Kaufpreis ein symbolischer Franken. Sind die Besitzer Nordamerikaner, dann ist es ein Dollar.

Die Voraussetzungen für einen Investor sind ungleich besser als bei der letzten Krise im Sommer 2012. Besitzer und Präsident Jürg Bircher war damals nicht mehr dazu in der Lage, den Zähler wieder auf Null zu stellen. Faktisch betrug deshalb der Kaufpreis der Kloten Flyers mehr als zehn Millionen Franken. Weil der neue Besitzer die Altlasten übernehmen und begleichen musste. So viel Geld für ein Unternehmen ausgeben, das im Jahr um die sieben Millionen Franken verliert: dass Philippe Gaydoul dies getan und so die Kloten Flyers gerettet hat – dafür sollte ihm die Stadt heute noch ein Denkmal bauen.

Neue Situation im Vergleich zu 2012

Nun ist die Situation ganz anders: wer die Kloten Flyers kauft, muss keine Altlasten begleichen. Der neue Besitzer muss zwar die Verträge übernehmen und bekommt ein Unternehmen, das ihn, ohne Änderung pro Saison um die sieben Millionen kosten wird. Aber er muss nicht noch zusätzlich Millionen in die Vergangenheit investieren – und er kann, wenn er will, die Kloten Flyers an einen anderen Standort verpflanzen.

Den Klub zu einem wirtschaftlich stabilen Unternehmen zu machen, ist eine der grossen Herausforderungen der Hockey-Zeitgeschichte. Aber diese Herausforderung ist nicht grösser als damals für Lüthi, aus den Ruinen des Nachlasses einen neuen SCB zu erschaffen. Im Idealfall übernimmt eine Investorengruppe die Kloten Flyers.

Gaydoul zur Wieder-Übernahme bitten?

Eine der angesehensten Persönlichkeiten unseres Hockeys, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagte gestern: «Die beste Lösung wäre die Rückkehr von Gaydoul. Die Klotener sollten demütig zu ihm gehen und ihn auf den Knien bitten.» Für einen Dollar das Unternehmen zurückkaufen, für das er einst mehr als zehn Millionen bezahlt hat? Ein interessanter Gedanke.