Eishockey
EHCO-Legende Erich Kühnhackl: «Olten ist ein Teil meines Lebens»

EHCO-Legende und Deutschlands Jahrhundert-Eishockeyspieler Erich Kühnhackl besuchte am Rande des Vorbereitungsturniers im Kleinholz den EHC Olten, wofür er 1985/1986 gespielt hat. Im grossen Interview spricht er über seine Zeit in Olten, das Alter, seine Fitness und seinen Sohn.

Silvan Hartmann
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Erich Kühnhackl zu Gast am EHCO-Cup im Kleinholz.

Erich Kühnhackl zu Gast am EHCO-Cup im Kleinholz.

André Grossenbacher/Toppictures

Frei von irgendwelchen Starallüren schreibt Erich Kühnhackl nach seiner Ankunft im Kleinholz Autogramme und lässt sich mit Fans fotografieren. «Kennen Sie den?», fragt schliesslich Kühnhackl und zeigt einen goldenen Pin, auf dem ein Mann abgebildet ist. Es ist Peter „Beppo“ Andreani, Oltens Physiotherapeut zu Kühnhackls Zeiten. «Ich bekam soeben diesen Aufstecker.»

Erich Kühnhackl, Sie schwelgen richtiggehend in den Erinnerungen. Fühlen Sie sich mit Olten noch verbunden?

Erich Kühnhackl: Ich habe wunderbare Erinnerungen an Olten. Wenn man irgendwo gespielt hat, wie ich das tat, ergeben sich gute Freundschaften. Mir sind diese Erinnerungen persönlich sehr, sehr wichtig. Ich kenne von der Zeit damals nach wie vor viele Leute und stehe mit ihnen in Kontakt. Olten ist ein Teil meines Lebens. Leider war ich schon mehrere Jahre nicht mehr hier – es hat sich unglaublich viel verändert. Mitunter das Stadion Kleinholz, das renoviert wurde.(schaut umher) Ja, das sieht toll aus. Aber nicht nur hier im Stadion, auch die Strassen. Ich bin schon ein wenig stolz, dass ich den Weg zum Stadion nach all den Jahren noch immer ohne Navi gefunden habe (lacht). Von der Autobahn runter, über diese grosse Brücke und dann nach links.

Werden Sie auf den Strassen Oltens noch erkannt?

Ich weiss es nicht. Ich wollte auf alle Fälle noch in die Altstadt reinschauen. Ich muss schliesslich den Enkelkindern etwas mitbringen. Ich bin gespannt: Auch da wird sich bestimmt viel geändert haben, Verkehrsberuhigung und all das, was man heute so macht.

Sehen Sie sich heute die Resultate des EHC Olten noch an?

Man ist in der heutigen Zeit via Internet, den Zeitungsportalen, ja ziemlich gut vernetzt. Ich bin daher immer auf dem neusten Stand, das mache ich ganz automatisch. Auch weiss ich, welchen schweren Gang der Klub vor einigen Jahren hinter sich gebracht hat.

Legendär: Erich Kühnhackl im EHCO-Dress.

Legendär: Erich Kühnhackl im EHCO-Dress.

Keystone

Wie kam es zum Wechsel zum EHCO?

Das ist schon ein Weilchen her. Mein Vertrag in Landshut war ausgelaufen. Der EV Landshut hatte für eine Vertragsverlängerung angefragt, aber mit dem war ich nicht einverstanden. Wir verblieben dann so, dass wir nochmals in absehbarer Zeit über einen Vertrag verhandeln würden.

Und dann kam die Anfrage aus Olten.

Ja, ich habe mich dann mit Walter Hächler damals in München am alten Flughafen getroffen. Das Gespräch war von beiden Seiten sehr wohltuend. Er wollte dann unbedingt, dass ich nach Olten komme und hat mir ein sehr, sehr gutes Angebot gemacht. Und dann ging es sehr schnell und ich war da.

Wie stark haben Sie damals die finanziellen Aspekte gewichtet? Verdiente man damals tatsächlich so viel mehr als in einer NHL-Organisation? In einer solchen hätten Sie problemlos spielen können.

(lacht) Wissen Sie, ich spiele sehr gerne Eishockey. Der Sport bedeutet mir sehr viel und war schon immer ein grosser Teil meines Lebens. Der Eishockeysport war mein Beruf – und dieser Beruf kann man nur über eine befristete Zeitspanne ausüben – vielleicht 10, 15 Jahre. Und in dieser Zeit muss man auch dafür sorgen, dass man nach der Karriere eine Existenz hat.

Zur Person: Erich Kühnhackl

Erich Kühnhackl gilt als die grosse EHCO-Legende schlechthin. Der Deutsche aus Landshut, wo er noch heute wohnt, wechselte 1985 zum EHC Olten und entschied sich damit gegen eine Karriere in Nordamerika. Zur Jahrtausendwende wurde er in Deutschland zum «Spieler des Jahrtausends» gekürt. Seine Nummer 14 wird in Deutschland nicht mehr vergeben. Kühnhackl ist Vater einer Tochter Kirstin (1974) sowie zweier Söhne, Kevin (1979) und Tom (1992). (sha)

Heute würde ein Wechsel des besten deutschen Eishockeyspielers in die Schweiz kaum vorstellbar sein. Würden Sie sich heute für die NHL entscheiden?

Schwierige Frage. Mit der Tatsache, es damals nicht gemacht zu haben, und der Tatsache, dass es dein Sohn gemacht hat, würde es mich natürlich schon reizen. Aber die Frage stellt sich nicht, ich bin jetzt 65 Jahre alt und habe noch nie irgendeinen Tag meiner aktiven Karriere bereut. Der Entscheid war damals für mich richtig. Heute ist eine andere Zeit, die Löhne in Nordamerika sind deutlich gestiegen, da verdient man rund zehn Mal mehr als anderswo in Europa, auch wenn die Spieler in der Schweiz gut verdienen.

Sie sehen fit aus. Spielen Sie noch Eishockey oder treiben sonst viel Sport?

Wir, die «AH», die Alten Herren, treffen uns jeden Montag. Zwischen acht und neun Uhr machen wir uns warm und spielen dann eine Stunde lang Eishockey. Anschliessend gehen wir gemeinsam etwas essen und quatschen – eine wunderbare Truppe. Ich fahre viel Rad und schwimme. Und dann spiele ich sehr gerne Golf, da gibt es einen Golfclub, der heisst Eagles, der spielt für einen wohltätigen Zweck, an dem ich mich auch immer wieder gerne beteilige.

Und sonst sind Sie beruflich viel beschäftigt? Sie haben ja vor 15 Jahren eine Stiftung gegründet...

...ja, die sich intensiv für den deutschen Eishockeynachwuchs engagiert. Das Ziel ist es, den deutschen Nachwuchs ideell und materiell zu unterstützen und einen kleinen Beitrag zur Förderung des deutschen Eishockeysports zu leisten. Das obliegt dann meiner Wenigkeit, sicherzustellen, dass stets genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Da bin ich stark gefordert und viel unterwegs. Denn im Jahr geben wir mit der Stiftung rund 300 000 bis 400 000 Euro aus.

Das klingt stressig.

Nein, nein, Stress ist was anderes. Die Enkelkinder und meine Frau meinen zwar oft, ich sei weniger zu Hause als früher. Aber es hält sich wahrlich in Grenzen. Ich habe das Geschenk, das zu tun, was ich will.

Aber Sie sind jetzt 65 Jahre alt – eigentlich ein Alter, es mal etwas ruhiger angehen zu lassen.

Ich meine, dass es schon viel ruhiger geworden ist. Die Zeit wie heute kann ich mir problemlos nehmen, mal nach Olten zu fahren oder am Morgen auf den Golfplatz zu gehen und ein paar Bälle zu schlagen. Und vielleicht fahre ich nächste Woche nach Riga, um ein Qualifikationsturnier anzuschauen. Aber, ich habe für mich selber ein gutes Gefühl entwickelt, um einschätzen zu können, was ich machen muss oder kann und was nicht geht. Ich glaube, ich bin aus dem Alter raus, alles machen zu müssen. Das geht auch gar nicht und man will ja auch gar nicht überall sein. Mit 65 ist man keine 20 mehr (lacht).

Themenwechsel: Ihr Sohn Tom hat in seiner ersten NHL-Saison im Alter von 24 Jahren sensationell den Stanley Cup gewonnen. Wie hat das der Vater aufgenommen?

Ich war ja mit meiner Frau an den Finalspielen drüben und habe es miterlebt. Ich habe mich riesig für Tom gefreut. Ich glaube, dass ich nicht so lange gebraucht habe wie er, um das Ganze zu realisieren. Da zu spielen, die ganze Situation, auch das Drumherum, die Vorbereitung, das Spiel, von der Westküste an die Ostküste – da hatte er eine Zeit lang gebraucht, um zu realisieren, dass er einen Teil davon ist und Aussergewöhnliches geschafft hat.

Was für einen Anteil hat denn der Vater am Erfolg?

Tom hat sich das alles ganz alleine erarbeitet, die NHL war sein persönliches Ziel. Er war ja schon mit 18 Jahren nach Nordamerika gegangen, um in der Nachwuchsliga zu spielen, war im Farmteam von Pittsburgh und musste immer wieder Rückschläge einstecken. Es gab Rückversetzungen, er hatte grosse Verletzungen zu verkraften, fiel wegen der Schulter eine halbe Saison aus und wenn man eine halbe Saison in diesem Alter ausfällt, dann stagniert man und hat mental damit stark zu kämpfen. Da drüben in der NHL ist es ja nicht wie anderswo auf der Welt, wo man fünf Konkurrenten hat. Da stehen Hunderte neben dir, die täglich Fortschritte machen.

Und trotzdem hat er sich immer wieder zurückgekämpft.

Ja, und wie! (enthusiastisch) Dass Tom das alles immer wieder mit harter Arbeit aufgeholt hat, ist mehr als eindrücklich. Was der Tom jeweils im Sommer mit seinem Freund trainiert, das kann sich niemand vorstellen. Ich dachte immer wieder: Irgendwann muss er doch für diesen unvorstellbaren Aufwand belohnt werden. Und wenn man in einer solch tollen Mannschaft wie die Pittsburgh Penguins spielen kann mit Sidney Crosby und all diesen Superstars, dann beflügelt einen das schon.

Hat Tom von seinem Namen profitiert?

Ach, der Name, niemals! Der sagt überhaupt nichts aus. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, da zählt nur die Leistung. Früher hiess es immer: Ah, Tom, das ist der Sohn von Erich. Nun heisst es: Schau an, Erich, der Vater von Tom. Was gibt es Schöneres für einen Vater? (lacht)

Fragt er Sie viel nach Rat?

Ja, wir skypen und telefonieren oft. Aber ich sage ihm immer: Tom, das ist dein Weg. Und je holpriger der Weg ist, desto besser ist es für dich. Und wenn mal ein Orkan entgegenfegt, das ist doch super, da musst du dich durchbeissen! Und du hast meine Nummer, du kannst mich anrufen, 24 Stunden am Tag, du kannst mich alles fragen. Wir haben auch immer wieder tiefgründige Gespräche. Er weiss, dass seine Familie für ihn da ist.

Kürzlich durfte er den Stanley Cup zu Hause in Landshut präsentieren. Was war da los?

Der Anlass war ja erst zwei Monate nach dem Triumph. Da waren wir skeptisch, ob überhaupt etwas ginge. Aber das können Sie sich nicht vorstellen: Am Morgen sind wir zuerst mit den Cupkeepern (Anm.d.Red.: Pokalwächter) zum Stadion des EV Landshut gefahren, wo Tom gross geworden ist. Da haben sie Fotos mit den Junioren gemacht. Und dann war der Empfang bei der Stadt, der Eintrag im goldenen Buch. Schliesslich haben sie eine Autogrammstunde organisiert. Da stand eine Schlange vom Rathaus bis zur Martinskirche, das sind mehr als 500 Meter, Tom hat sich die Zeit genommen für jeden einzelnen Fan – Foto, Unterschrift. Und dieser Medienauflauf, das habe ich noch nie gesehen. Da waren 40 TV-Teams aus den USA, Kanada, Finnland, Schweden – und unsere deutschen Journalisten aus Berlin, Hamburg, München. Wir waren total überrascht. Eine grosse Ehre für Tom, er hat den Tag sehr genossen.

Sie sprechen noch immer sehr leidenschaftlich über das Eishockey. Keine Lust, ein Traineramt zu übernehmen?

Eishockey bleibt mein Leben lang meine Leidenschaft. Ich war ja schon mal Trainer – auch Bundestrainer. Aber heute bin ich 65 Jahre alt, da habe ich keine Ambitionen mehr – um Gottes Willen.

Apropos deutsches Eishockey: Die Deutschen tun gut daran, vom Niveau her zur Schweiz aufzuschliessen.

Die Entwicklung im deutschen Eishockey ist sehr positiv. Es wird heute wieder miteinander und nicht gegeneinander gearbeitet. Es wird auch mehr Zeit und Geld investiert in den Nachwuchs. Und von daher ist es auch logisch, dass das Niveau in der Liga stetig höher wird. Aber wir sind nach wie vor weit entfernt von dem Niveau in der Schweiz. Die Schweizer sind uns läuferisch und technisch noch immer überlegen. Schon zu meiner Zeit hat die Schweiz viel Geld und Zeit in die Ausbildung investiert, das macht sich längst bemerkbar. Es geht nur über eine intakte Ausbildung im Nachwuchs. Die Schweizer waren ja auch mal weiter weg von uns, haben uns mit viel Arbeit und Fleiss überholt. Warum sollen wir das nicht auch schaffen?