Grosses Interview
EHC-Olten-Präsident Savoldelli: «In Olten liegt einiges Potenzial brach»

Nach dem Saisonende in den Playoff-Halbfinals stehen beim EHC Olten Fragen im Vordergrund. Wie kann man sich gegen finanziell offensichtlich sehr potente Gegner zur Wehr setzen? Und wie blickt man der Farmteam-Liga oder einer möglichen Schliessung der NLA entgegen? Benvenuto Savoldelli äussert sich zum Spannungsfeld, in dem sich der EHC Olten befindet.

Michael Forster und Marcel Kuchta
Merken
Drucken
Teilen
Will trotz unsicherer NLB-Zukunft nicht von seinen finanziellen Prinzipien abweichen: Benvenuto Savoldelli.

Will trotz unsicherer NLB-Zukunft nicht von seinen finanziellen Prinzipien abweichen: Benvenuto Savoldelli.

Hansruedi Aeschbacher

Es ist auffällig, welche Summe andere NLB-Vereine derzeit in neue Spieler investieren. Fabian Ganz zum Beispiel hat zu La Chaux-de-Fonds gewechselt, obwohl der EHCO ihm einen neuen Vertrag im sechsstelligen Bereich offerierte. Dasselbe gilt für Tobias Bucher, welcher sich für drei Jahre im Wallis beim EHC Visp verpflichtet hat. Wie ist es möglich, dass andere Vereine noch einmal derart stark verbesserte Saläre offerieren können?
Benvenuto Savoldelli: Ich staune immer wieder, wie gewisse Vereine, letztes Jahr war das Langenthal, derart überrissene Löhne zahlen können. Es gibt immer wieder neue: Was Martigny derzeit zahlt, das ist gestört. Aber es läuft immer gleich: Entweder wird ein Spieler teilweise oder ganz privat finanziert oder die bekannt gegebenen Budgets stimmen nicht. Es geht ja nicht auf, dass man mit viel tieferen Budgets die viel höheren Löhne als wir zahlen kann.

Was bedeutet das für den EHCO?
Nichts. Ausser, dass wir so weitermachen wie bisher. Wenn man das Geld für solche Leute nicht hat, holt man sie auch nicht.

Ist die Verlockung nicht dennoch da?
Sehen Sie, irgendwann geht das nicht mehr auf. Die Frage ist natürlich, ob man damit alle zufriedenstellt. Manchmal macht es mir nicht den Eindruck, wenn man sieht, was rund um den Verein für Meinungen herrschen. Da werde ich schon mal als Kleinsparer bezeichnet...

Lässt man sich auch nicht von den Ängsten einer Farmteam-Liga oder einer geschlossenen NLA dazu verleiten, vielleicht doch ein wenig von der eigenen Linie abzuweichen und etwas mehr zu riskieren?
Das kann man nicht. Wir können es uns im Moment nicht leisten: Wir haben 1,5 Millionen ins Stadion investiert. Hinzu kommt die Zahlungsmoral einiger Sponsoren, hier haben wir zum Teil erhebliche Ausstände. Wenn da alles Geld reinkommen würde, hätten wir auch etwas mehr Möglichkeiten.

Ist das Umfeld schlechter geworden in den letzten Jahren oder sind das Leute, die unbedingt auf den EHCO-Zug aufspringen wollten, es sich aber gar nicht leisten können?
Das kann beides sein –, obwohl es wirtschaftlich im Moment sicher nicht einfach ist.

Man befindet sich in diesem Spannungsfeld in einer ungewissen Zukunft. Ihr Geschäftsführer hat mit dem NLA-Aufstieg ein glasklares kurzfristiges Ziel formuliert. Nur dürfte das kaum die aktuellen Möglichkeiten widerspiegeln.
In der jetzigen Situation wäre es wohl relativ hart, finanziell bestehen zu können. Was uns halt einfach fehlt, sind Leute, welche das Portemonnaie öffnen und sagen «Diesen Spieler holen wir jetzt ganz einfach, koste es, was es wolle.» Solche Leute haben andere Vereine. Kloten, Lugano – selbst in Langnau hat man plötzlich wieder Geld, wenn es darauf ankommt. Bei uns ist es schwierig. Auch Olten hätte wohl Potenzial, aber es liegt brach.

Wie könnte man es denn aktivieren?
Nun, wir sind dran, den Verwaltungsrat zu erweitern, damit wir in ein anderes Umfeld vorstossen können.

Ist in anderen Regionen wie in der Ajoie oder im Wallis die Identifikation mit dem Hockey-Verein so viel grösser, dass man sich dadurch finanziell stärker engagiert?
Ich glaube nicht, dass es damit zu tun hat. Ich kann es mir auch nicht erklären. Letzthin hat mir jemand gesagt, Visp verfüge effektiv über ein Budget von 7 Millionen... Die können ja nicht jedem Spieler 40 Prozent mehr bezahlen als wir. Wenn ich nur schon sehe, was ihre beiden Ausländer verdienen im Vergleich zu unseren. Das ist ein Riesenunterschied.

Visp weist ein rund halb so hohes Budget aus wie Olten...
Ich kann nur für uns sprechen: Wir weisen jeden einzelnen Franken aus, den wir einnehmen. Und ich weiss halt nicht, ob das in allen Vereinen auch so läuft.

Wie kann man in einem Umfeld, in welchem die Gegner offenbar so viel besser offerieren können, überhaupt bestehen?
Wir haben sicher den Vorteil, dass wir zentral gelegen sind. Dann gilt es, den Spielern Perspektiven aufzuzeigen. Ich weiss nicht, ob die anderen Vereine diese Hauruck-Übungen langfristig durchziehen können. Immer, wenn Vereine ein paar Jahre sportlich untendurch müssen, probieren sie, mit Geld den Erfolg zu kaufen.

Sind Sie denn schon einmal vor dem Punkt gestanden, eine ebensolche Hauruck-Übung durchzuziehen?
Nein, noch nie. Ich habe das in Olten während zehn Jahren miterlebt, als man immer wieder aufs Neue versuchte, mit einer sportlich teuren Mannschaft den Erfolg zu kaufen. Und jedes Mal ging es in die Hosen.

Wie erklären Sie sich diese Hauruck-Übungen, mit einer Flucht nach vorne in Richtung NLA wegen der bekannten drohenden Gefahren?
Nein, das hat damit nichts zu tun, das war immer so in den letzten Jahren. Das sieht man ja im A, dass jemand kommt und Geld reinbuttert. Es ist komisch: Sobald man in einem Sportverein Leute aus der Wirtschaft hat, werden einige zum Teil völlig irrational, machen sie genau das Gegenteil davon, was sie sich in ihrer Berufswelt gewohnt sind.

Ist es anstrengend, stets den Bremsklotz zu spielen?
Bremsklotz ist das falsche Wort. Wir haben über die letzten zwölf Jahre etwas aufgebaut, und wenn man jetzt plötzlich von diesem Weg abkommt, würde man all das aufs Spiel setzen. Wir hätten eine super Mannschaft kaufen können, für die Playoffs zusätzliche Spieler holen – und wären trotzdem im Halbfinal raus. Da wären wir vor einem grossen finanziellen Loch gestanden. Das geht schnell.

In Olten hat man in der Vergangenheit mittelfristige Ziele formuliert. In der aktuellen Zielsetzung gab man sich relativ zurückhaltend – wird der Ton in Zukunft forscher?
Wir haben das Ziel für nächstes Jahr herausgegeben und wollen nach der Qualifikation unter die ersten zwei sowie in den Playoff-Final. Wir werden bewusst offensiver, obwohl genau das in Langenthal in dieser Saison komplett in die Hosen gegangen ist. Über die Strategie der nächsten Jahre setzen wir uns ab Mai zusammen und diskutieren, wie wir vorwärtsgehen wollen. Das hängt auch ein wenig von den Leuten ab, welche in den VR kommen möchten.

Gibt es konkrete Personalien, bei welchen man sagen kann, dass sie einen Geldsäckel mitbringen würden? Oder ist das Wunschdenken?
Wir stehen ständig mit solchen Leuten in Kontakt, damit sich, wer weiss, einmal etwas ergibt.

Kommen wir noch einmal zurück zur Zukunft, zum Thema NLA-Schliessung: Was würde dieses Szenario für den EHCO bedeuten?
Ich glaube nicht, dass es kommen wird. Es würde der Liga die ganze Attraktivität entziehen.

Das wäre den betroffenen Klubs wohl egal. Hauptsache, sie haben die Gewissheit, dass sie oben bleiben.
Schon, aber es sind vor allem die Schwanzklubs, welche immer wieder mit diesem «Chabis» kommen. Jene, welche vorne mitspielen, sehen das etwas anders. Eine Zweidrittelmehrheit kommt da kaum zustande. Das einzig Vernünftige wäre, die NLA um zwei Teams zu reduzieren. Das würde die Personalkosten um 30 Prozent senken, weil es plötzlich viel mehr NLA-Spieler auf dem Markt hätte; jetzt hat es zu wenige, was den Preis in die Höhe treibt.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie der nächsten NLB-Saison mit zwei neuen Farmteams entgegen?
Ich finde das eine schlechte Lösung. Sie hätten es machen können, wie im Fussball, und sie in die 1. Liga integrieren. So hingegen müssen wir vor leeren Rängen spielen. Es ist ja in Küsnacht schon tragisch mit den 200 Zuschauern, obwohl die ja wirklich sehr gutes Hockey spielen. Wenn man hingegen zwei Mannschaften aus dem A herunterholen würde, hätte man eine super B-Liga.

Können Sie denn die Ängste zum Beispiel eines Kloten nachvollziehen? Gerade Langnau hat zuletzt gezeigt, dass ein, zwei Jahre in der NLB nichts Schlechtes bedeuten müssen.
Ich kann das nicht begreifen. Rappi beweist ja gerade, wie schlecht es ist, im A immer ein Schwanzklub zu sein. Wenn die jetzt in den Playoffs 4000 Zuschauer haben, ist das viel. Für Ambri oder Kloten wäre es vielleicht gut, einmal eine NLB-Schlaufe drehen zu müssen.

Weshalb also die Ängste?
Es ist in der NLA halt schon viel attraktiver, man hat die Fernsehpräsenz, man kann die Werbung viel besser verkaufen, kriegt Geld von der Liga. Es ist schon viel einfacher, es hat zum Beispiel Sponsoren aus unserer Region, die bei Davos auf dem Leibchen sind. Die sagen: Was sollen wir bei euch werben, wenn wir mit Davos im Fernsehen kommen?

Stimmen Sie in den allgemeinen Tenor ein, dass es eine unbefriedigende, ja gar leicht enttäuschende Saison war? Gerade im Vergleich mit der letzten Saison?

Nun, die war ohnehin speziell, eingeleitet in den Playoffs durch den knappen Sieg in Visp. Was mich in dieser Saison eher enttäuscht hat, war, dass wir die Fehlerquote nicht senken konnten, es war eine durchzogene Saison, man war nicht wirklich zufrieden, was auf dem Eis geboten wurde. Es war irgendwie ein komisches Spiel, ich weiss nicht, ob es mit dem Spielsystem zusammenhing oder mit den Spielern, welche es nicht umzusetzen vermochten. Es war selten begeisternd.

Die Ursachenforschung scheint noch nicht abgeschlossen.

Nein, das muss man noch zusammen anschauen. Ende März haben wir Sitzung. Es hat im sportlichen Bereich auch zwischen Trainern und Sportchef nicht reibungslos geklappt.

Dass die Kommunikation nicht stimmte, hat sich schon früh in der Saison abgezeichnet.

Das stimmt, es war immer ein ziemlich spezielles Verhältnis, wie kommuniziert, oder eben nicht kommuniziert wurde. Ich kann oder will nicht sagen, wer hier welche Rolle spielte. Jeder versuchte, dem anderen seine Ideen aufzudrücken.

Haben Sie nicht einmal ein Machtwort gesprochen?

Ich habe probiert, zu vermitteln, alles auf den Tisch zu bringen.

Und?

Es ging soweit, dass ich im Dezember zum Schluss kam, entweder aufzuhören, oder aber die Zügel wieder anzuziehen und vehementer als Chef aufzutreten. So wäre es nicht weitergegangen.

Was gab schliesslich den Ausschlag dazu, dass Sie sich fürs Weitermachen entschieden?

Es war ein Bauchentscheid (lacht). Nein, der Verein liegt mir auf jeden Fall am Herzen. In diesem Jahr werde ich 20 Jahre dabei sein – einfach so in einem schlechten Moment zu gehen, das möchte ich nicht.

Wie konnte sich denn das Ganze so entwickeln?

Das gibt es ganz einfach, wenn man Leute hat, welche eigene Ideen einbringen wollen, welche sich von jenen des Gegenübers unterscheiden. Da muss man probieren, diese zu kanalisieren, damit am Ende alle am gleichen Strick ziehen.

Wer war denn «innovativer» bezüglich Ideen, Sportchef oder Trainer?

Ob das «innovativer» war oder eher etwas anderes, kann ich nicht sagen (lacht). Es ist auch schwierig, wenn ein Trainer kommt und sagt, er will diesen oder jenen Spieler – wenn das Geld fehlt.

Leime machte nicht den Eindruck, ziemlich fordernd zu sein.

Nein, er war eher zu bescheiden.

Was heisst das für die Zukunft? Wie kann man solche Probleme umschiffen? Dieses Spannungsfeld in der Vereinsführung gibt es ja immer...

Wir müssen schauen, dass alle vom Gleichen reden und alle das Gleiche umsetzen. Diesen Weg müssen alle mitgehen.

Geht Köbi Kölliker diesen Weg ebenfalls mit?

Er muss (lacht).

Das heisst, er bleibt?

Im Moment steht das nicht zur Diskussion. Will er denn gehen?

Keine Ahnung. Er gehörte zu jenen, welche ziemlich einstecken mussten in der letzten Zeit, ob zurecht, oder zu unrecht. Er ist ein wichtiger Teil des Puzzles.

Auf jeden Fall, ja.

Können Sie sich im Zusammenhang mit seiner Person irgendeinen Vorwurf machen? Wusste er von Anfang an, welche Richtung er einschlagen kann?

Er hatte ein Budget und Vorgaben. Eigentlich war die Idee, dass ich direkt seine Ansprechperson war. Das war am Anfang nicht ganz klar, was es für ihn ein bisschen erschwerte. Doch jetzt ist es so, und wir diskutieren jeweils bilateral. Das heisst nicht, dass ich ihm dreinrede, welche Spieler er verpflichten soll. Dazu bin ich zu wenig kompetent, aber ich muss zusehen, dass das Budget eingehalten wird.

Wichtig ist ja auch, dass zwischen Sportchef und Trainer kommuniziert wird. Obwohl es Kölliker war, welcher Leime damals nach Olten holte: Schenkt man diesmal vielleicht gerade diesem Punkt mehr Beachtung, wenn es darum geht, den neuen Trainer zu bestimmen?

Das hängt immer auch von der Persönlichkeit des Trainers ab, wie er sich durchzusetzen und seine Ideen einzubringen vermag. Leime war Gentleman-like, fast zu anständig. Er hat sich auch nie beschwert; aus dem, was man ihm gab, versuchte er, etwas herauszuholen. Was man ihm eventuell vorwerfen kann, ist, dass er stur an seinem Spielsystem festhielt. Er hatte keine Alternativen.

Kann man denn mit dem Grossteil der jetzigen Mannschaft in die Zukunft steigen oder braucht es einmal einen grösseren Bruch? In Olten setzt man ja – nicht ohne Stolz – seit vielen Jahren auf einen relativ grossen Kern von Spielern.

Der Bruch ist relativ schwierig, haben wir doch relativ viele weiterlaufende Verträge. Aber es wird sicher Wechsel geben.

Das wiederum heisst, dass man sich wohl von gewissen Identifikationsfiguren trennen muss, da zum Beispiel die Verträge von Wüthrich und Aeschlimann auslaufen. Ein heikler Entscheid?

Ob gleich alle gehen müssen, das kann ich nicht sagen. In Langenthal gab es diesen Bruch auch vor ein paar Jahren, mit Oli Müller und anderen. Wenn man sich spielerisch weiterentwickeln will, muss man irgendwann etwas ändern. Allerdings waren es ausgerechnet Wüthrich und Aeschlimann, welche gegen Ajoie bis zuletzt Vollgas gaben. Was ich anstrebe, und genau dafür ist auch ein Sportchef da: Ich möchte nicht nur alte arrivierten NLA-Spieler nach Olten holen, sondern junge hungrige. Wenn ich an Ajoie denke, beispielsweise Kummer ist 21 – wie der geht, das ist ja wahnsinnig. Man sollte wirklich Junge holen, die sich für die NLA aufdrängen wollen. Das kann ich der sportlichen Führung vielleicht ein wenig vorwerfen, dass wir zu wenig auf Junge setzen.

Braucht es tendenziell neue Impulse? Der EHCO ist wie ein Motor, der zwar gut läuft, aber nicht mehr entscheidend beschleunigen kann.

Was wir jetzt auch probieren, ist, das Kader zu verkleinern, damit der Trainer gezwungen ist, auf die Jungen zu setzen. Es hat keinen Wert, wenn immer vier zusehen. Die 4. Linie wird voraussichtlich aus Jungen bestehen.

Es kann durchaus eine Strategie sein, sich mit B-Lizenzen entsprechend zu verstärken – wie es Ajoie getan hat. Weshalb nicht mit einem A-Team eine enge Kooperation anstreben?

Das Problem beginnt dort, welche Ambitionen der Klub hat. Ajoie hatte ja überhaupt keine, die haben nicht einmal ein Aufstiegsgesuch eingereicht. Wir wollten Ehrensperger zum Beispiel auch, bekamen ihn von Biel aber nicht. Die hatten Angst, dass wir am Ende noch gegeneinander spielen müssen. Solche Spieler mit Talent gibt man deshalb lieber an Vereine ab, welche weniger «gefährlich» sind. Wir hatten in dieser Saison immerhin mit Lugano diese Zusammenarbeit, doch die wird es im nächsten Jahr kaum mehr geben.