NLA
Die unmögliche Mission der Titanen

Eishockey-Playoffs, Zeit der Träume, Zeit der Illusionen: Können Titanen, die beinahe gestrauchelt sind, doch noch meisterlichen Ruhm ernten?

Klaus Zaugg
Drucken
Teilen
Weiter im Rennen: Marc Reichert und sein SC Bern stürmten gegen Lausanne in die Playoffs und träumen nun wieder vom Titel.

Weiter im Rennen: Marc Reichert und sein SC Bern stürmten gegen Lausanne in die Playoffs und träumen nun wieder vom Titel.

KEYSTONE

Die Geschichte lehrt uns: Es ist beinahe unmöglich. Dabei ist die Ausgangslage hoffnungsvoll. Die Playoffs sind erreicht. Der Druck ist weg. Titanen, also grosse Teams, wie der SC Bern oder Kloten, die es doch noch geschafft haben, mutieren über Nacht vom Krisenteam zum gefährlichen Aussenseiter im Titelrennen.

Aber die Wirklichkeit sieht düster aus. Nach dem aktuellen Modus hat erst einmal ein Team aus dem Tabellenkeller die Meisterschaft gewonnen. Die ZSC Lions holten im Frühjahr 2012 unter Bob Hartley vom 7. Platz aus den Titel. Ja, der Kanadier, der heute wieder in der NHL, in Calgary arbeitet, stand der Entlassung lange Zeit näher als der Meisterfeier. Hätte er das Auswärtsspiel am 23. Dezember 2012 in Genf verloren, wäre er gefeuert worden. Doch diese Partie ist heute ein wichtiger Bestandteil seiner Legende. Die Zürcher liegen 2:3 zurück, als Luca Cunti und Andres Ambühl nach 57:07 Minuten gemeinsam auf der Strafbank Platz nehmen. Mit drei gegen fünf Feldspieler ausgleichen? Unmöglich! Aber Hartley schafft es, und gerne erzählt er die Geschichte dieser Wende immer und immer in blumigen Worten. Er habe Mathias Seger angewiesen, nicht darauf zu achten, ob das Bully gewonnen werde. Er solle einfach nach Einwurf der Scheibe sofort blind vorwärtstürmen. Und er habe seinen Jungs eingeschärft, die Scheibe sofort blind wegzuschlagen. Die Zürcher gewinnen das Anspiel, die Scheibe wird weggeschlagen und gelangt im Rücken der Genfer zu Seger – 3:3. Anschliessend gewinnen die ZSC Lions das Penalty-Schiessen.

Es braucht solche wundersamen Geschichten, damit ein Wunder wahr wird. Vom 7. Platz aus eliminierten die ZSC Lions Davos und Zug glatt in je vier Partien, und den Titel holten sie im 7. Spiel durch einen Treffer von Steve McCarthy zwei Sekunden vor Schluss im Berner Hockeytempel.

Der Chronist kann dieser Begebenheit durchaus viel Platz einräumen. Denn es gibt kein zweites Beispiel eines solchen Titelgewinnes «aus der Tiefe des Raumes». Am nächsten kommt noch der ZSC-Titelgewinn von Harold Kreis im Frühjahr 2006 von Platz 6 aus. Daneben ist der HC Davos von 2015 der einzige Meister, der in der Qualifikation nicht mindestens Platz 4 erreicht hat – 5. Ein Anhänger der Kloten Flyers wird nun sagen: Halt, sicher! Wir sind 1995 auch vom 7. Platz aus Meister geworden! Stimmt. Aber das war ein anderer Modus. Damals wurden die Playoffs nach fixem Tableau gespielt. Die Klotener übernahmen nach dem Viertelfinal den Platz des zweitplatzierten Lugano und hatten im Halbfinal gegen den Sechsten Bern ein Freilos.

Wir können also davon ausgehen, dass Kloten und Bern nicht mehr Meister werden. Aber der Halbfinal ist möglich. Der SC Bern erreichte 2005 die Playoffs erst durch ein 10:1 gegen Kloten im letzten Qualifikationsspiel. Die aufgeputschten Berner eliminierten anschliessend im Viertelfinal Lugano – zum ersten Mal in der Geschichte überstand der Qualifikationssieger die erste Runde nicht. Die Hockeygötter sollten sich aber rächen. Der SCB schied seither dreimal in den Viertelfinals als Qualifikationssieger aus: 2006 gegen Kloten, 2008 gegen Gottéron und 2009 gegen Zug. Aber mehr als die Halbfinals sind vom 8. Platz aus noch nie erreicht worden.

Auch wenn es nicht fürs Weiterkommen reichen sollte – ruhmreiches Ausscheiden ist immerhin eher die Regel als die Ausnahme. Es gibt eine lange, ruhmreiche Geschichte des tapferen Widerstandes. Sie beginnt im Frühjahr 1998 so richtig mit den Lakers. Sie zwingen Qualifikationssieger Zug zu einem 7. Spiel und verlieren dort erst in der Verlängerung. Zug gewinnt anschliessend unter Sean Simpson seinen bis heute einzigen Titel. Und zuletzt haben Lausanne – 2014 sieben Spiele gegen die ZSC Lions – und Biel – 2015 sieben Spiele gegen die ZSC Lions – dem Qualifikationssieger alles abverlangt. Lausanne und Biel büssen nun für diesen tapferen Widerstand mit dem Verpassen der Playoffs.

Aktuelle Nachrichten