Eishockey
Die Suche nach der goldenen Mitte

Der SC Bern schwimmt vor Halbfinal-Akt Nummer drei im Selbstvertrauen. Der HC Davos hingegen watet im Verlierersumpf.

Marcel Kuchta, Bern
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Symptomatisch für die Halbfinal-Serie: Oben der SC Bern (Pascal Berger), unten der HC Davos (Félicien Dubois).

Symptomatisch für die Halbfinal-Serie: Oben der SC Bern (Pascal Berger), unten der HC Davos (Félicien Dubois).

KEYSTONE

Perttu Lindgren ist ein freundlicher und friedlicher Zeitgenosse. Der Finne in Diensten des HC Davos entspricht so gar nicht dem bisweilen griesgrämigen Klischee seiner Landsleute. Wenn also dieser Lindgren nach der Schlusssirene den Puck am Stock hat, den Schiedsrichter ins Visier nimmt und dreimal Anstalten macht, diesen mit einem gezielten Slapshot abzuschiessen, dann muss etwas faul sein im Staate Davos. Und man fragt sich: Wenn selbst der coole Lindgren die Nerven zu verlieren droht, wer kann den angezählten Meister dann noch retten?

In Bern freut man sich hinter vorgehaltener Hand diebisch über die einsetzenden Selbstzerstörungsmechanismen beim frustrierten Gegner. Ein SCB-Fan, der am Samstag nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft Lindgrens Techtelmechtel mit der Kurzschlusshandlung beobachtete, rief frech «Komm, schiess!» in dessen Richtung. Natürlich in der Hoffnung, dass der Davoser Topskorer tatsächlich die Nerven verlieren und sich so mit einer unausweichlichen Sperre selber aus dem Verkehr ziehen würde.

Lars Leuenberger hat den SC Bern zum sensationellen Playoff-Triumph über Qualifikationssieger ZSC Lions gecoacht – und steht mit seiner Mannschaft nur noch zwei Siege von der Final-Qualifikation entfernt.

Lars Leuenberger hat den SC Bern zum sensationellen Playoff-Triumph über Qualifikationssieger ZSC Lions gecoacht – und steht mit seiner Mannschaft nur noch zwei Siege von der Final-Qualifikation entfernt.

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Lindgren wurde im letzten Moment Herr seiner Sinne und steht seiner Mannschaft deshalb heute Abend im dritten Halbfinalduell zwischen dem HC Davos und dem SC Bern zur Verfügung – im Gegensatz zu Beat Forster, der nach seinem wilden Stockschlag gegen Thomas Rüfenacht für ein Spiel gesperrt wurde. Kein Wunder, appellierte HCD-Trainer Arno Del Curto nach dem gestrigen Training noch einmal an die Coolness seiner Spieler, die sich durch die ständigen Besuche von Nebenschauplätzen in den ersten beiden Halbfinal-Partien immer wieder aus dem Konzept bringen liessen.

Das greifbare Selbstvertrauen

Derartige Appelle sind in Bern selbstredend Fehlanzeige. Während des Trainings wird konzentriert gearbeitet, aber genauso viel gelacht. Die Stimmung ist gelöst, das Selbstvertrauen der Spieler fast greifbar. Momentan scheint diese Mannschaft, die gegen die beiden grossen Titelfavoriten ZSC Lions und den HC Davos nun sechs Playoff-Partien in Serie gewonnen haben, nichts und niemand aus der Bahn werfen zu können. «Ich habe es schon gesagt, als wir noch um die Playoff-Teilnahme kämpfen mussten: Dieses Team hat Substanz. Der Trend ging schon damals nach oben. Der Strichkampf hat uns geerdet und gleichzeitig als Mannschaft näher zusammenrücken lassen», versucht SCB-Verteidiger Timo Helbling den erstaunlichen Wandel vom Zitter- zum Siegerteam in Wort zu fassen.

Timo Helbling (rechts) «Wir sind uns bewusst, wie schnell das Ganze wieder kippen kann. Wir haben in dieser Saison genügend schwierige Phasen durchgemacht. So wie wir vorher nicht allzu enttäuscht sein durften, ist jetzt allzu grosse Euphorie fehl am Platz. Es ist wichtig im Sport, dass man die goldene Mitte trifft. Das predigen wir immer wieder»

Timo Helbling (rechts) «Wir sind uns bewusst, wie schnell das Ganze wieder kippen kann. Wir haben in dieser Saison genügend schwierige Phasen durchgemacht. So wie wir vorher nicht allzu enttäuscht sein durften, ist jetzt allzu grosse Euphorie fehl am Platz. Es ist wichtig im Sport, dass man die goldene Mitte trifft. Das predigen wir immer wieder»

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Trotz des aktuellen Höhenflugs predigt man in den Katakomben der Postfinance-Arena vor der dritten Begegnung am heutigen Abend Demut: «Wir sind uns bewusst, wie schnell das Ganze wieder kippen kann. Wir haben in dieser Saison genügend schwierige Phasen durchgemacht. So wie wir vorher nicht allzu enttäuscht sein durften, ist jetzt allzu grosse Euphorie fehl am Platz. Es ist wichtig im Sport, dass man die goldene Mitte trifft. Das predigen wir immer wieder», unterstreicht Helbling.

«Unser Trainer widerspiegelt ein wenig die ganze Mannschaft»

Der Hägendorfer ist mit seiner rustikalen Spielweise ein wichtiges Teil im aktuellen Berner Erfolgspuzzle, welches vom scheidenden Trainer Lars Leuenberger bisher so meisterhaft zusammengesetzt wurde. «Unser Trainer widerspiegelt ein wenig die ganze Mannschaft. Viele haben an uns und an ihm gezweifelt, als es nicht gelaufen ist. Wir waren gemeinsam in der Krise und haben gemeinsam herausgefunden. Das ist das Schöne an der Story.»

Diese märchenhafte Story soll nach dem Gusto der Berner heute in Davos ihre Fortsetzung finden. «Es ist die schönste Zeit des Jahres. Für uns gleich doppelt», sagt Helbling. Beim HCD sieht man das derzeit freilich etwas anders. Aber nur, wenn sich Perttu Lindgren und Co. statt auf den Schiedsrichter wieder auf das gegnerische Tor konzentrieren, könnte der Meister noch einmal in diese Serie zurückkehren.