Morgen Samstag beginnt die schönste Eishockey-Zeit des Jahres. Die Duelle zwischen zwei Mannschaften, in denen es um das sportliche Sein oder Nichtsein geht, sind an Dramatik kaum zu überbieten. Von den Hauptdarstellern auf dem Eis, den Spielern, wird alles abverlangt. Wer in diesem gnadenlosen Verdrängungskampf obenaus schwingen will, der muss bereit sein, an seine körperlichen Grenzen zu gehen – und darüber hinaus. Die Playoffs funktionieren nach dem Prinzip des Darwinismus: Nur die Stärksten überleben. Was im Zusammenhang mit Sport etwas gar martialisch tönt, ist im Kern der Aussage eben doch zutreffend. Es ist die Hochzeit der Aufopferung. Wer in den Playoffs erfolgreich sein will, der muss vor allem im Kopf bereit sein. Die Mannschaft, die in der entscheidenden Phase der Meisterschaft in der Lage ist, alles dem grossen Ziel unterzuordnen, und in der jeder Spieler bereit ist, für den anderen durchs Feuer zu gehen, hat die grösste Chance, den Titel zu gewinnen.

Die richtigen K(n)öpfe

Aber welche Mannschaft hat denn nun die Mentalität, die es braucht, um Mitte April den Meisterkübel in die Luft zu stemmen? Die ZSC Lions wissen als Titelverteidiger, was es braucht, um Champion zu werden. Sie sind in jedem Mannschaftsteil herausragend und homogen besetzt. Aber sind die Zürcher auch in diesem Jahr hungrig genug, um im entscheidenden Moment noch einen Gang höher schalten zu können? Zur Erinnerung: Die letzte Titelverteidigung gelang den … ZSC Lions im Jahr 2001. Der SC Bern hat unter Trainer Guy Boucher eine eindrückliche Wandlung durchgemacht. Man setzte beim Umbau einer Mannschaft, die im Vorjahr sensationell die Playoffs verpasste, auf Charakter, suchte Leadertypen – und fand sie. Kein anderes Team war in den letzten Monaten öfters in der Lage, verloren geglaubte Spiele noch zu seinen Gunsten zu wenden.

Interessant wird zu beobachten sein, wie sich der HC Lugano, das Team mit den derzeit drei wohl talentiertesten in der Schweiz engagierten Offensivspielern, in den Playoffs schlägt. Quali-Topskorer Frederik Pettersson, sein schwedischer Landsmann Linus Klasen und NHL-Rückkehrer Damien Brunner sind herausragende Individualisten, die Spiele auch im Alleingang entscheiden können. Aber reicht das für eine erfolgreiche Playoff-Kampagne? Was dafür spricht: Unter Trainer Patrick Fischer spielen die Luganesi wieder mit Herz, zeigen die Qualitäten, die in den letzten, erfolglosen Jahren so gefehlt hatten. Luganos Gegner Servette ist in den Playoffs traditionell eine Klasse besser als während der Qualifikation. Trainer Chris McSorley weiss, welche Knöpfe er drücken muss, damit seine Mannschaft zum richtigen Zeitpunkt perfekt funktioniert.

Nachfolger noch nicht gefunden

Der EV Zug und der HC Davos sind die beiden grossen Unbekannten in der Playoff-Gleichung. Die Zuger verfügen zweifellos über viel Talent in der Mannschaft. Aber wie sieht es mit dem Charakter und der Wettkampfhärte aus? Der EVZ hat unter dem ehemaligen Trainer Doug Shedden die Halbfinal-Niederlage kultiviert. Schafft Nachfolger Harold Kreis den nächsten Schritt? Zugs Gegner Davos war zu Beginn des Jahrtausends das Mass aller Dinge in Sachen Playoff-Erfolgen. Fünf Meistertitel und zwei weitere Finalteilnahmen zwischen 2002 und 2011 stehen in der eindrücklichen HCD-Bilanz. Doch die tragenden Säulen jener Zeit sind inzwischen zurückgetreten oder verletzt. Noch hat HCD-Trainer Arno Del Curto die Nachfolger nicht gefunden. Nicht nur er musste zuletzt erfahren, dass Spieler, die im entscheidenden Moment bereit sind und eine ganze Mannschaft mitreissen können, nicht auf Bäumen wachsen.

Bleiben noch die grossen Aussenseiter Lausanne und Biel. Ihre Playoff-Teilnahme ist eine Überraschung. Diese beiden Teams haben mit Charakter und Entschlossenheit höher eingeschätzte Mannschaften wie Kloten oder Fribourg hinter sich gelassen. Für weitere Exploits fehlt ihnen aber schlicht das Talent. Ohne diese Eigenschaft geht es (glücklicherweise) auch nicht.