Der Blick auf die Torhüter-Statistik der National League A spricht für sich. Ganz oben steht ein Name, den man dort Anfang Saison nicht erwartet hätte: Niklas Schlegel. Die Zahlen, die die Leistungen des 21-Jährigen untermauern, sind eindrücklich: 31 Spiele, 20 Siege, 2,06 Gegentore im Schnitt und 92,8 Prozent aller gegnerischen Schüsse abgewehrt. Das sind Weltklasse-Werte für einen Mann, der plötzlich im Rampenlicht stand.

Und das kam so: Lukas Flüeler, seit einigen Jahren unumstrittener Stammgoalie der ZSC Lions, bekam im Oktober des letzten Jahres mal wieder Probleme mit seinen Adduktoren. Ein
Comebackversuch im November endete nach 25 Minuten. Des einen Leid, des anderen Freud – während Flüeler, der sich inzwischen operieren liess und sicher bis Mitte Februar ausfallen wird, mit seinem Schicksal haderte, packte Niklas Schlegel die Gelegenheit beim Schopf und zeigte eine starke Leistung nach der anderen. Die ZSC Lions führen, obwohl sie den Grossteil der bisherigen Meisterschaft mit dem designierten Türöffner im Tor bestreiten mussten, die NLA-Tabelle souverän an – genau so wie Niklas Schlegel das Goalie-Klassement.

Die Gelegenheit beim Schopf gepackt

Innerhalb der ZSC-Organisation ist man selbstredend voll des Lobs für den Bülacher, der auch noch den kanadischen Pass besitzt (sein Vater wuchs in Toronto auf). «Er hat die Situation, die durch die Verletzung Flüelers entstanden ist, sensationell gemeistert», sagt Lions-Sportchef Edgar Salis. Der Bündner beschreibt den Shooting-Star im Tor der Zürcher als «extrem ruhigen Typ, der sehr zielorientiert arbeitet» – und die unerwartete Möglichkeit dazu genutzt habe, extreme Fortschritte zu erzielen.

Auch Headcoach Marc Crawford freut sich über das, was er von seinem jungen Goalie mit bemerkenswerter Konstanz sieht, ausserordentlich: «Er hat die Gelegenheit, die sich ergab, beim Schopf gepackt. Wir waren etwas besorgt, ob er die grosse Anzahl Spiele verkraften würde. Er hat einige sehr gute Leistungen gezeigt und war gleichzeitig in der Lage, die schlechten Spiele auf ein Minimum zu reduzieren.»

Das Vertrauen des Teams

Niklas Schlegel, der mit seinen Körpermassen (1,80 Meter/67 kg) so gar nicht dem Idealbild des modernen Eishockey-Goalies (möglichst gross und breit) entspricht, wirkt für sein jugendliches Alter bereits überaus ruhig und abgeklärt. Er streicht denn auch seine Ausstrahlung als besondere Stärke heraus. «Wenn man die Ruhe bewahrt und sich auf seine Arbeit konzentriert, dann wirkt sich das auch auf die Leistungen in den Spielen aus», sagt er, der von der Entwicklung auf der ZSC-Goalieposition selbst überrascht wurde. «Ich bin natürlich mit anderen Erwartungen in die Saison gestartet. Als ich dann die Chance erhielt, war ich vor jedem Match nervös. Aber ich spüre das Vertrauen des Coachs und des Teams.»

Gut möglich, dass er seine Mannschaft, die der Titelfavorit Nummer eins ist, auch in den Playoffs zum Erfolg führen muss – falls sich die Situation bei Lukas Flüeler nicht markant verbessert. Für Edgar Salis kein Grund, sich deswegen Sorgen zu machen. «Der Druck ist bei den ZSC Lions – und speziell im Hallenstadion – immer gross. Aber da habe ich bei ihm überhaupt keine Bedenken. Zumal er für sein Alter recht reif ist», sagt der Sportchef.

Ein weiteres Jahr bei den Lions

Glücklich ist man in Zürich auf jeden Fall darüber, dass Niklas Schlegel seinen Vertrag bei den Lions um ein weiteres Jahr verlängert hat. Dies, nachdem Gerüchte aufgetaucht waren, dass er unter anderem möglicher Nachfolger von Leonardo Genoni beim HC Davos werden könnte. An diesen Spekulationen war jedoch nichts dran. «Es sind Vereine auf mich zugekommen. Aber für mich war immer klar, dass ich in Zürich bleiben möchte. Hier setzt man auf mich, hier habe ich ein professionelles Umfeld mit einem hervorragenden Goalietrainer und die Möglichkeit, immer zu spielen», streicht Schlegel die Vorteile heraus.

«Er weiss, was er bei uns hat und kann», sagt Salis zu diesem Thema und fügt an: «Wichtig ist für jeden Goalie in diesem Alter, dass er zum Einsatz kommt – egal, ob in der NLA oder in der NLB bei den GCK Lions.» Niklas Schlegel ist auch in Zeiten des Erfolgs auf dem Boden geblieben. Er weiss, dass der Weg an die Spitze ein weiter ist. Auch wenn er punkto Statistik schon ganz oben angekommen ist.