Ryan Vesce und Tim Stapleton, Sie sind beide nun schon seit etwas mehr als einen Monat in Olten. Was gefällt Ihnen besonders gut?

Ryan Vesce: Da gibt es viele Sachen: Ich mag den Lebensstil der Schweizer im Allgemeinen, da ist sehr viel Lebensqualität vorhanden. Alles ist so schön, gepflegt und sauber. Auch alle Leute, die wir schon kennenlernen durften, sind sehr freundlich. Ich lebe mit meiner Familie – meine Frau, meine sechsjährige und vierjährige Tochter – in Kappel. Eine sehr schöne, überschaubare Gemeinde, in welcher meine ältere Tochter nun zum ersten Mal zur öffentlichen Schule geht. Sie lernt daher auch gleich Deutsch und hat bereits erste Freundschaften geschlossen. Die Situation für Kinder ist nicht einfach, aber die Schule ist grossartig. Uns gefällt es hier, wir geniessen es.
Tim Stapleton: Ich kann nur zustimmen. Ich habe die Schweiz schon vor dem EHC Olten in Biel und Lugano als sehr schön und sauber kennen gelernt. Nun bin ich in einer kleineren Stadt, es ist alles sehr zentral, das macht es auch für uns als Familie einfacher. Wir – meine Frau und unser zweijähriger Sohn – wohnen in Olten und erwarten im Oktober ein Mädchen. Es werden aufregende Tage auf uns zukommen. Wir sind glücklich, hier zu sein.

Was weiss er über seinen neuen Club und seine neue Heimat? Tim Stapleton im EHCO-Quiz.

Sie sind sehr viel gereist, haben schon für sehr viele Klubs in verschiedenen Ländern gespielt. Aber alle Hockeyspieler streichen die Schweiz heraus. Was macht es so speziell?

Vesce: Vielleicht ist es doch nicht ganz so gut, wie alle behaupten – aber wenn du aus Russland kommst, dann fühlt sich das an wie im Paradies (lacht). Spass beiseite: Die Landschaften sind wie gezeichnet, die Berge, die Seen, man muss nie weit reisen, um in eine andere Stadt zu kommen. Man ist in einer Stunde in den Bergen, in einer Stunde am nächsten See, fernab vom Alltag. Das ist doch Lebensqualität – ich denke, das ist ziemlich einmalig.
Stapleton: Speziell ist doch auch, dass man in drei, vier Stunden Autofahrt durch ein Land fährt und vier verschiedene offizielle Sprachen zu hören bekommt. Bei uns zu Hause fährt man fünf Stunden und alle sprechen noch immer Englisch.
Vesce: Stimmt – ach, und ja: Es ist sehr, sehr günstig hier… (ironisch; beide lachen).

Gute Freunde: Die neuen EHCO-Ausländer Ryan Vesce (links) und Tim Stapleton kennen sich schon seit längerer Zeit, spielen aber beim EHC Olten das erste Mal im gleichen Team

  

Apropos: Ein KHL-Spieler hat sich kürzlich mit «gutes Geld, kurze Reisewege» über das Schweizer Eishockey geäussert. Stimmen Sie zu?

Vesce: Ja natürlich, er hat recht. Wir dürfen uns sicher nicht beklagen, Eishockeyspieler in der Schweiz zu sein. Es ist nicht zu vergleichen mit Russland. Dort musst du fast für jedes Spiel den Flieger nehmen. Du bist praktisch immer mit dem Team unterwegs und hast kaum eine freie Minute.

Erzählen Sie von Ihren Russland-Abenteuern.

Stapleton: Ich begann in Minsk, ging daraufhin nach Kazan, Nischnekamsk, Magnitogorsk und zum Schluss spielte ich in Moskau.

Was bleibt unvergessen?

Vesce: Ich muss dazu sagen, dass ich die Erfahrung in Russland nicht missen möchte. Ich bin froh, habe ich es getan. Es gibt gutes Geld zu verdienen und die Qualität in der Liga ist wahnsinnig.
Stapleton: Ich schätze die Zeit auch. Es ist nach der NHL die beste Liga der Welt. Man lernt viel in Russland, die Uhr tickt ein wenig anders. Das Leben ist nicht einfach, aber wenn man sich eingelebt hat, kommt man zurecht. Man freut sich dann aber auch immer wieder auf die Heimat.
Vesce: Unvergessen bleibt bei mir wohl auch, dass es in Russland kaum eine Mittelschicht gibt. Es hat unglaublich reiche und extrem arme Leute. Und die Reichen lassen es sich nicht nehmen, ihren Prunk auf der Strasse auch den armen Leuten, die nichts haben ausser einer Decke, schamlos vorzuzeigen. Das fand ich ziemlich verstörend.

Wie kamen Sie mit der Sprachbarriere zurecht?

Vesce: Man kommt nicht darum herum, Russisch zu lernen. In den ersten zwei KHL-Jahren konnten die Trainer kein einziges Wort Englisch. Ich kann mich nach wie vor nicht auf Russisch unterhalten, aber wenn ich irgendwo in Russland irgendwas brauche, bekomme ich es.

Sonst keine Vorurteile erlebt? Den Lohn immer in einem Kuvert erhalten?

(beide lachen) Vesce: Es kam ein paar Mal vor. Das ist dann unangenehm, wenn man nach Hause fährt und Angst hat, ausgeraubt zu werden.
Stapleton: Manchmal kam der Lohn zu spät, aber ich habe ihn immer erhalten. Wir waren in einer guten Zeit in Russland. Vielleicht war das noch vor 10, 15 Jahren anders. Die Klubs arbeiten heute sehr professionell.

Sie haben beide auch in der NHL gespielt, ein besonderes Erlebnis.

Stapleton: Ich wurde nie gedraftet. Ich spielte einige Jahre in den Minor-Leagues und wurde dann erst für ein paar Spiele in die NHL beordert, bevor ich dann ein paar Jahre als Dritt- oder Viertlinienstürmer für Toronto, Atlanta und Winnipeg spielen durfte. Die Zeit in der NHL ist für mich persönlich natürlich die grösste Errungenschaft. Die NHL ist etwas ganz Grosses. Ich hätte nie gedacht, jemals ein NHL-Spiel bestreiten zu können. Aber manchmal wächst man über sich hinaus. Ich schätze die Zeit sehr, ich hatte grossen Spass.
Vesce: Ich hatte die Möglichkeit, vor Freunden und Familie im Madison Square Garden in New York zu spielen – ich werde diesen Tag niemals vergessen, das war grossartig.

Sie haben eine grosse Karriere hinter sich, nun sind Sie in der kleinen zweitklassigen NLB gelandet – auf dem Papier ein doch grosser Abstieg. Ist es im Alter von 35 Jahren klar, dass man einfach das Angebot annimmt, das noch übrig bleibt?

Vesce: Oh, nein, ganz und gar nicht. Die NLB ist doch keine schlechte Liga. Viele Leute haben eine falsche Vorstellung von der Qualität in dieser Liga. Es hat sehr gute Spieler, besonders in unserem Team. Das Niveau unterscheidet sich nicht gross von anderen Ligen. Das Tempo ist hoch, die Technik ist gut. Es spielt sich lediglich alles im Kopf ab.

Was sind denn die grössten Unterschiede zwischen der NLB und beispielsweise der KHL?

Vesce: Vom Tempo her? Nichts. Schussqualität? Kaum Unterschiede. Ich denke, vielleicht einfach das schnelle Verständnis für das Spiel, wie man instinktiv richtig handelt. Was wohl auch damit zusammenhängt, dass hier die meisten weniger Erfahrung aufweisen können als die KHL-Spieler.
Stapleton: Unser Team ist sehr talentiert und hat die Fähigkeiten, schnelles Eishockey zu spielen. Vor allem im Training gibt es keine grossen Unterschiede zur KHL. Aber dann vielleicht in den Spielen. Ich würde behaupten, es gibt mehr Tiefe in der KHL, die Qualität aller Mannschaften der gesamten Liga ist höher zu gewichten. Aber auch wenn es in der NLB keinen Kowaltschuk zu bewundern gibt, die Spieler sind auch hier sehr talentiert. Es wird gewiss nicht einfacher Punkte zu sammeln – und das spricht sehr wohl für die NLB.

Zurück zu Ihren Transfers: Was gab den Ausschlag für Olten?

Vesce: Man fällt die Entscheidung, irgendwo zu spielen, als Familie. Tim hatte bereits hier in Olten unterschrieben und mich dann angerufen, ob ich auch wechseln würde. Als ich mit der Klubführung sprach, sagten sie, dass man Grosses erreichen möchte und das Ziel verfolgt, die Liga zu gewinnen. Wir mussten nicht lange überlegen. Was will man denn mehr als Eishockeyspieler?
Stapleton: Ich mache auch keinen Unterschied. Jede Liga ist für sich konkurrenzfähig. Die Möglichkeit, in der Schweiz Eishockey zu spielen, muss man nutzen. Es ist ein Privileg. Wir wissen, wie hoch die Anforderungen an die ausländischen Spieler sind. Es wird sehr viel erwartet, es ist eine grosse Herausforderung für uns. Und die Chance, noch einmal etwas gewinnen zu können, vor allem in unserem Alter, ist grossartig.

Sie sind beide seit längerer Zeit gut befreundet, haben aber noch nie zusammen Eishockey gespielt. Wie kommt es dazu?

Vesce: Nur für einige Partien am Deutschland-Cup mit dem Team USA.
Stapleton: Wir lernten uns 2007 in Helsinki kennen. Ryan spielte für HIFK, ich für Jokerit. Und so kreuzten wir uns oft und unternahmen immer wieder gemeinsam Ausflüge.
Vesce: Wir blieben daraufhin in Kontakt, obwohl ich aus Florida komme und Tim in der Nähe von Chicago lebt. Wir haben mittlerweile viele gemeinsame Freunde.

Das dürfte auch die Entscheidung einfacher gemacht haben, nach Olten zu wechseln.

Stapleton: Man kann es nicht verleugnen, dass vieles einfacher ist, wenn man sich gut versteht mit dem zweiten Ausländer, ja sogar befreundet ist mit ihm. Und Ryan ist ein guter Kerl (umarmt Vesce). Es ist auch schön, zu sehen, dass sich unsere Familien blendend verstehen. Die Situation könnte nicht besser sein.

Sie haben oft die Klubs gewechselt. Gibt es Gründe dafür?

Vesce: Man versucht in jedem Jahr, den bestmöglichen Vertrag auszuhandeln. Über all die Jahre ist das oft mit einem Klubwechsel verbunden. Und wenn man den Klub wechselt, ist das in jungen Jahren gleichbedeutend mit einer Lohnerhöhung. Mit Klubs zu verhandeln ist nicht mehr als ein professionelles Vorgehen eines Berufssportlers. Ich weiss nicht, wie du das siehst, Tim.
Stapleton: Du triffst es ziemlich gut. Wenn man jung ist, versucht man immer, den besten Deal zu machen und die guten Teams zu finden. Ob das nun in Finnland, Schweden oder Russland ist. Heute ist die Situation eine andere. Wenn die Kinder bald in die Schule gehen, dann entscheidet auch die Familie. Ausserdem könnte es jederzeit zu Ende sein mit meiner Karriere. Obwohl ich mich noch fit genug fühle, vier oder fünf Saisons zu spielen. Hockey ist ein grosses Business. Am Ende des Tages dreht sich auch im Sport sehr vieles um Geld.

Hat es Ihnen irgendwo auch schon besonders gut gefallen, mussten aber wegen eines unschlagbaren Angebots den Verein wechseln, sodass Sie gegen Ihr Herz entscheiden mussten?

Vesce: Ich muss dazu sagen, dass es einem die Hockeyfamilie auf der ganzen Welt stets sehr einfach macht, irgendwo wieder aufgenommen zu werden. Man hat in jeder Kabine sofort das Gefühl, zu Hause zu sein. Irgendwie ticken alle Hockeyspieler gleich, sie sind etwas Besonderes, auch wieder hier in Olten. Es hat in jeder Mannschaft unzählige gute Typen. Ich hatte noch nie das Gefühl: Oh mein Gott, hier muss ich weg. Und ich hatte deshalb auch nie Angst, nicht wieder in ein gutes Team mit guten Typen zu kommen.

Sie sind beide nicht gross gewachsene Hockeyspieler. Hatten Sie in Ihrer Karriere Probleme deswegen?

Vesce: Natürlich, jedes Jahr. Kein Coach will einen 1,70 m kleinen Spieler verpflichten. Aber mit der Zeit pendelt sich das in jedem Verein ein – die Leute vergessen, wie gross oder eben klein du bist. Man kann auch als kleiner Spieler Erfolg haben.
Stapleton: Es war wohl der Grund, warum ich nach dem College in den USA keinen Vertrag in der NHL bekam. Aber dann öffnet sich vielleicht anderswo eine Tür. Es gab natürlich Tage, an denen ich wünschte, am nächsten Tag aufzuwachen und 20 Zentimeter grösser zu sein. Aber so ist das Leben, man kann es nicht ändern und wir müssen damit klarkommen.

   

In allen Ligen wird von den Ausländern viel verlangt, in der Schweizer NLB sind sie aber noch viel wichtiger. Die Fans sehen: Das sind die Jungs aus den USA, sie müssen Leistung bringen. Spüren Sie diesen Druck?

Vesce: Niemand übt mehr Druck aus, als ich mir selber. Ich kann mit Druck gut umgehen, ich lebe schliesslich in meinem Körper. Die Medien oder die Fans bilden sich schnell eine Meinung, obwohl sie vielleicht gar nicht wissen, was in der Garderobe los ist. Sie sehen nur die Fassade. Wichtig ist, dass wir nach einem Spiel sagen können: ‹Hey, wir haben alles versucht und unser Bestes gegeben.›
Stapleton: Ich habe gehört, dass der Druck in der NLB besonders gross ist. Aber Druck ist nichts Schlechtes, es ist etwas Positives. Unser Job wäre nur halb so schön ohne Druck. Wenn ich jemals vor einem Spiel nicht nervös bin, ist es an der Zeit, aufzuhören.

Ist es einfach, kritische Stimmen auszublenden?

Stapleton: Ich habe in all den Jahren gelernt, auszublenden, was andere Leute über mich sagen, weil das keine Rolle spielt. Wichtig ist, dass deine Teamkollegen dir vertrauen und du mit dir selber zufrieden bist. Ryan und ich haben beide schon in der Schweiz gespielt. Wir kennen den Druck, wir wissen, was von uns erwartet wird. Ich kann damit umgehen. Ich habe nur Mühe damit, wenn wir gewonnen haben und Ihre erste Frage wird sein, warum ich kein Tor geschossen habe. Dann sprechen Sie doch lieber nicht mit mir. Stellen Sie dieselbe Frage, wenn wir verloren haben. Dann gebe ich gerne Auskunft darüber und bin auch mit mir selber kritisch genug.

Was erwarten Sie von sich selber in dieser Saison?

Vesce: Ich möchte auf meinem besten Niveau Eishockey spielen und dieses auch über die Saison hinweg durchziehen können. Das ist die grosse Herausforderung, stets sein Bestes abrufen zu können. Gelingt mir das, bin ich zufrieden.
Stapleton: Falls Sie auf etwas abzielen: Ich achte nicht auf Statistiken, das kommt von alleine, wenn man fokussiert bleibt und seinen Job seriös nimmt. Es ist nicht einfach, in einer neuen Liga zurechtzukommen. Ich möchte mich deshalb sicher steigern. Ich will im Dezember der bessere Spieler sein, als ich heute bin, um dann im Februar oder März der beste Stapleton zu sein, den es gibt.

Der EHC Olten hat einen radikalen Umbruch hinter sich – 15 neue Spieler wurden verpflichtet. Spürt man als neuer Spieler den frischen Wind?

Vesce: Nun, ich kann nicht beurteilen, was letzte Saison war. Aber es fühlt sich sehr gut an in der Garderobe. Wir hatten ein sehr lustiges Trainingscamp in Österreich, wir gingen Wandern, ja es war eigentlich sogar Klettern – drei Stunden aufwärts. Wir kamen echt an unsere Grenzen. Aber alle fanden es lustig und rissen sogar noch Sprüche. Das Team hat einen guten Zusammenhalt.
Stapleton: Ich wusste im Sommer noch nicht einmal, dass wir wirklich so viele neue Spieler haben. Die Stimmung ist gut. Ich habe schon in vielen Teams gespielt und kann sagen, dass es einen sehr engen, vertrauten Eindruck macht. Der Start ist uns gelungen.