Es war der 28. November 2016. Die Florida Panthers hatten eben ihr 22. Saisonspiel bei den Carolina Hurricanes mit 2:3 verloren. Eine Niederlage zu viel für GM Tom Rowe. Er lief ins Trainerbüro und feuerte Headcoach Gerard Gallant und dessen Assistenten auf der Stelle. Während die Mannschaft in der Folge mit dem Bus zum Flughafen in Raleigh fuhr, musste sich Gallant zusammen mit seinen geschassten Kollegen vor der Halle ein Taxi rufen. Mit dabei die schweren Eishockeytaschen plus Koffer. Es waren Bilder, die um die Eishockey-Welt gingen. Einer der besten NHL-Coaches, abserviert auf denkbar unwürdige Art und Weise.

Gallant Taxi

Jetzt, eineinhalb Jahre später, ist Gerard Gallant gerade dabei, sich mit seiner neuen Mannschaft, den Vegas Golden Knights, auf den Stanley-Cup-Final vorzubereiten. Die Florida Panthers haben die Playoffs, wie schon in der Saison 2016/17, dagegen erneut verpasst und weilen seit Mitte April in der Sommerpause. Unter Gallant waren die Panther noch im Frühling 2016 eines der grossen Überraschungsteams der NHL gewesen und hatten völlig unerwartet die Playoffs erreicht. Auch und vor allem wegen des Genies hinter der Bande, Gerard Gallant.

Eine funktionierende Mannschaft aus einem Haufen «Desperados»

Der Fehler von Tom Rowe, der mittlerweile nicht mehr GM der Panthers ist, war das grosse Glück von George McPhee, dem General Manager der Vegas Golden Knights. Er hatte so die Chance, einen der bestmöglichen Trainer für sein NHL-Expansionsteam zu verpflichten. Es war die erste von vielen klugen Entscheidungen McPhees. Gallant hat aus einem Haufen «Desperados»,die in den restlichen 30 NHL-Teamsmehrheitlich nicht mehr erwünscht waren, eine fantastisch funktionierende Mannschaft geformt. Eine Mannschaft, die mit ihrem Speed, ihrer Energie und ihrem Enthusiasmus glänzt. Die aber vor allem deshalb so gut harmoniert, weil keiner der Spieler sein Ego in den Vordergrund stellt und alle über einen guten Charakter verfügen.

Wie aber George McPhee dieses Team mittels Expansionsdraft zusammengestellt hat, ist nicht minder bewundernswert. Er hat nicht nur Spieler an Land gezogen, die in einer neuen Umgebung und in neuen Rollen förmlich explodiert sind. Er hat dabei auch noch den einen oder anderen, im Nachhinein fast unglaublich anmutenden Deal mit diversen NHL-Teams über die Bühne gebracht.

Ein paar Beispiele gefällig?

Er erhielt von den Florida Panthers Stürmer Reilly Smith dafür, dass er einen bestimmtenanderen Stürmer, Jonathan Marchessault, wählt. Die Bilanz von Smith im Dress der Vegas Golden Knights: 60 Punkte in 67 Quali-Spielen. 16 Punkte in 15 Playoff-Spielen. Die Bilanz von Marchessault: 75 Punkte in 77 Quali-Spielen. 18 Punkte in 15 Playoff-Spielen. Das sind unglaubliche Werte für zwei Spieler, welche die Panthers explizit nicht mehr wollten.

Oder da wäre das Beispiel William Karlsson, für dessen Wahl (und die Übernahme eines hochdotierten Vertrags eines verletzten Spielers) die Columbus Blue Jackets noch je ein Erstrunden- und Zweitrunden-Draft-Wahlrecht drauflegten. Karlssons Bilanz: 43 Tore in der Qualifikation, 13 Punkte in 15 Playoff-Spielen. Oder die Geschichte des überragenden Goalies Marc-André Fleury, den man von Pittsburgh holte und dafür noch ein Zweitrunden-Draftrecht erhielt. Diese Liste könnte man beliebig um ein paar Anekdoten verlängern.

Plötzlich Leistungsträger

Spannend ist auch, wie sich die Verteidigung der goldenen Ritter zusammensetzt. Es sind samt und sonders Spieler am Werk, die in ihren vorherigen NHL-Teams in der Verteidiger-Hierarchie an sechster oder siebter Stelle standen. Zum Beispiel Nate Schmidt, der mit fast 24:53 Minuten am meisten Eiszeit bei den Knights frisst, war bei Finalgegner Washington in der vergangenen Saison nur die Nummer sieben.

Derryck Engeland (22:36, bei Calgary 6.), Brayden McNabb (22:03, bei Los Angeles 7.) und Shea Theodore (21:36, bei Anaheim 7.) kamen ebenso aus dem Nichts zu prominenten Rollen und spielen herausragend. Dasselbe Muster gilt übrigens auch für den einzigen Schweizer Spieler, der beim Stanley-Cup-Final dabei ist: Luca Sbisa. Der Zuger war bei den Vancouver Canucks die Nummer sechs in der Defensive, hat jetzt in Las Vegas die fünftmeiste Eiszeit aller Verteidiger.

Jetzt ist die Mannschaft mit dem Taxi-Trainer und den Spielern, die man nicht mehr wollte, noch vier Siege von einer der grössten Sensationen der Sportgeschichte entfernt. Und inzwischen weiss man, dass mit diesen Gold Knights definitiv nichts mehr unmöglich ist.