Eishockey
Der SC Bern und das Hoffen auf den NHL-Effekt

Der SC Bern verpflichtet per sofort Guy Boucher als neuen Trainer. Der Kanadier mit NHL-Erfahrung soll die Berner erst in die Playoffs, später wieder auf die Erfolgsspur coachen.

Marcel Kuchta
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Guy Boucher.KEY

Guy Boucher.KEY

Die ZSC Lions haben es mit der Verpflichtung von Bob Hartley vor drei Jahren vorgemacht und mit dessen Nachfolger Marc Crawford fortgesetzt: Mit der Verpflichtung eines ausgewiesenen NHL-Trainers kam der Erfolg zurück in eine Organisation, die sportlich auf Abwege geraten war.

Nun hofft man auch beim SC Bern ebenfalls auf den NHL-Effekt. Guy Boucher (42) soll erst einmal den akut drohenden Absturz in die Playout-Runde verhindern. Und dann kurz- bis mittelfristig wieder den Erfolg nach Bern zurückbringen.

Kommentar: Wann verliert Marc Lüthi die Nerven?

von Klaus Zaugg

Die Stunde der NHL-Generäle hat nun also auch beim SCB geschlagen. Das Beispiel der ZSC Lions zeigt, dass es funktionieren kann: Die Zürcher holten nach einer Chaos-Saison mit den antiautoritären Kumpels Colin Muller und Bengt-Ake Gustafsson (7. Schlussrang, out im Viertelfinal) im Sommer 2011 den charismatischen und autoritären NHL-General Bob Hartley. Der Kanadier gewann 2012 auf Anhieb den Titel. Aber er wäre um ein Haar gescheitert. Zeitweise stand er nur noch eine Niederlage vor
seiner Entlassung.

Der ausgebildete Psychologe Guy Boucher ist zwar bei weitem kein so «harter Hund» wie der unerbittliche Hartley. Er ist einer der modernen NHL-Generäle, die nicht nur kommandieren, sondern auch erklären und den Spielern zuhören. Aber der Wechsel von den freundlichen Chefs Antti Törmänen und Lars Leuenberger zu einem NHL-General wird in Bern einen Kulturschock auslösen. Der SCB wird nicht einfach auf Knopfdruck dauerhaft erfolgreich sein. Es braucht nach anderthalb Jahren Selbstverwaltung einen Neuaufbau der Leistungskultur. Dieser Prozess wird Monate dauern und vielleicht erst nach Mitte der nächsten Saison abgeschlossen sein. Und es ist sehr wohl möglich, dass die Spielweise vorerst nicht den Spektakel-Vorstellungen von SCB-General Marc Lüthi entspricht.

Doch Guy Boucher ist die richtige Wahl. Aber letztlich nur dann, wenn Marc Lüthi seinen neuen Trainer durch alle Böden hindurch stützt und nicht bei den ersten Turbulenzen die Nerven verliert. Die Wahl des richtigen Trainers ist zudem nur der erste Schritt zurück zum Erfolg. Der zweite Schritt ist die Investition ins Personal. Selbst ein Trainer wie Guy Boucher kann mit den miserablen SCB-Ausländern dieser Saison nicht Meister werden.

Der Shooting-Star der NHL-Trainer

Boucher galt bis zu seiner Entlassung bei den Tampa Bay Lightning im vergangenen März als Shooting-Star der Trainerszene in Übersee.

Seine Karriere an der Bande begann bereits im Alter von 26 Jahren. Er arbeitete sich Stufe für Stufe nach oben und hatte praktisch auf allen Levels Erfolg.

2010 wurde er als NHL-Trainerneuling von Tampa Bay verpflichtet und arbeitete dort mir Superstars wie Steven Stamkos, Martin St.Louis oder Vinny Lecavalier zusammen.

Boucher gilt als «moderner» NHL-Coach. Will heissen, dass er durchaus auf gegenseitige Kommunikation mit den Spielern setzt, aber auch kräftig rumpeln kann in der Garderobe, wenn es nicht nach seinen Vorstellungen läuft.

Boucher: Kein Ende der NHL-Karriere

Seinen Wechsel nach Bern will er nicht als Ende seiner NHL-Karriere verstanden wissen: «Ich schliesse dieses Kapitel keinesfalls, aber ich muss einfach wieder coachen. Ich war in einer Situation, in welcher ich dieses Angebot nicht ablehnen konnte. Das ist eine tolle Gelegenheit, bei einem der grössten europäischen Klubs zu arbeiten, wo die Atmosphäre ähnlich wie in der NHL ist.»

Angesichts der fehlenden Aussichten auf einen NHL-Job sei dies der ideale Zeitpunkt für einen Wechsel nach Europa, zumal es ein lang gehegter Traum seiner Frau sei.

«Ich möchte mich und meine Fähigkeiten weiter verbessern», sagte er gestern gegenüber kanadischen Medien.

Beim SC Bern wird Interimstrainer Lars Leuenberger ins zweite Glied rücken und zusammen mit Gary Sheehan als Assistent von Boucher amten.

Leuenberger war nach der Niederlage in Lugano und dem gleichzeitigen Abrutschen unter den Trennstrich von sich aus an die SCB-Klubführung gelangt und hatte einen Wechsel an der Bande vorgeschlagen.

Boucher hätte eigentlich erst im Sommer das Traineramt in Bern übernehmen sollen. Der miserable Lauf der Dinge bei den Bernern hat nun aber alles beschleunigt.