Playoffs

Der Planet Arno Del Curto: Warum dank ihm der HCD Titelfavorit ist

Arno Del Curto hat seine Spieler im Griff

Arno Del Curto hat seine Spieler im Griff

Das «System Arno Del Curto» funktioniert. Weil es kein System ist, nach einem biblischen Gesetz funktioniert und der Erfinder mehr Autorität hat als Moses. Der HC Davos ist im Titelkampf erneut Favorit.

Die Weltgeschichte des Eishockeys oder des Fussballs ist auch die Geschichte der Spielsysteme. Herbert Chapman erfand das WM-System, Karl Rappan kreierte den Schweizer Riegel und Helenio Herrara baute diese Betontaktik zum Catenaccio aus.

Im Eishockey erfand Professor Vladimir Kostka in seiner Studierstube an der Universität Prag den «dummen linken Flügel»: ein Spielsystem, bei dem einer der drei Stürmer (in der Regel der linke Flügel) bei Bedarf vom Angreifer zum Verteidiger wird. Spielsysteme werden berühmt, weil sie jeder Trainer übernehmen und überall anwenden kann. Professor Kostkas Idee mit dem Flügel, der zum Verteidiger wird, ist die Mutter aller modernen Hockeysysteme.

Immer schneller, immer genauer, immer präziser

Dürfen wir also Arno Del Curto in einem Zug mit Herbert Chapman, Karl Rappan oder Professor Kostka nennen? Nein, können wir nicht. Weil das «System Arno Del Curto» nicht kopierbar werden kann.

Was ist es dann? Es ist eine Eishockey-Lebensanschauung. Zyniker reden im Zusammenhang mit dem «System Arno Del Curto» boshaft von einer Sekte («Zeugen Del Curtos»). Sie treffen den Kern der Wahrheit. Das «System Arno Del Curto» ist die nie endende Suche nach dem «totalen Hockey»: jeden Tag besser werden. Immer schneller laufen, immer genauer passen und immer präziser schiessen.

Del Curto und seine Autorität

Das «System Arno Del Curto» ist untrennbar mit dem Engagement, der Leidenschaft und dem Charisma des Chefs verbunden. Nur er hat Durchsetzungsvermögen und Glaubwürdigkeit, um über Jahre hinweg erwachsene Männer beim Spiel an die Leistungsgrenze zu treiben.

Wie gross seine Autorität ist, mag eine Episode aus dieser Saison zeigen: Er hat vergessen, welche vier seiner fünf ausländischen Spieler zum Einsatz kommen, sagt seinen Jungs, sie sollten das unter sich ausmachen und verlässt die Kabine. Als er zurückkommt und fragt, wer nun spielt, weiss es keiner.

Weil es niemand gewagt hat, während der Abwesenheit des Chefs diese Entscheidung zu fällen. Die Autorität des Coachs ist in Davos also grösser als jene von Moses am Berge Sinai. Als Moses auf den Berg kletterte, um von höchster Stelle die Gesetzestafeln zu empfangen, machten unten im Lager seine Leute im wahrsten Sinne des Wortes das Kalb. In Davos wird nicht das Kalb gemacht, wenn der Chef mal nicht da ist.

«Wer nicht mit mir ist, ist wider mich»

Das «System Arno Del Curto» basiert also mehr auf der Persönlichkeit des Chefs als auf Taktik. Deshalb funktioniert es nicht, wenn jemand die Harmonie stört. Das «System Arno Del Curto» ist wie Musik: Ein falscher Ton verdirbt alles. Harmonie ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Arno Del Curto hat eine feine Antenne für Stimmungen in der Kabine und den Mut, sich von Spielern zu trennen, die sich nicht hundertprozentig einordnen können oder wollen.

Und er unterstützt Spieler, die eine Chance auf einem höheren Niveau bekommen. Es gibt im «System Arno Del Curto» keine Kompromisse, keine Heuchelei und keine Falschheit. Die Ordnung ruht auf einem biblischen Gesetz: «Wer nicht mit mir ist, ist wider mich.»

Davos hat deshalb in der «Ära Del Curto» mehr hochklassige Spieler ziehen lassen als jedes andere Hockeyunternehmen im Lande. Wer nicht gerne eine Aufzählung von Namen liest, soll die nächsten paar Zeilen überspringen.

Doch erst, wenn man für einmal die Namen jener, die den «Planeten Arno Del Curto» verlassen haben, mal schwarz auf weiss vor Augen hat, lässt sich die Leistung des HCD-Trainers ermessen. Unter anderem haben Jonas Hiller, Mark Streit, Lars Weibel, Patrick Fischer, Björn Christen, Michel Riesen, Ivo Rüthemann, Petteri Nummelin, Benjamin Winkler, Andres Ambühl, Michael Kress, Andy Näser, Fabian Sutter, Rick Nash, Joe Thornton, Niklas Hagmann, Florian Blatter, Robin Leblanc, Andreas Furrer, Timo Helbling, Frédéric Rothen, Sandy Jeannin, René Back, Reto Stirnimann, Christian Weber, Samuel Balmer, Nino Niederreiter oder Thierry Paterlini den HC Davos verlassen. Ehemalige «Zeugen Del Curtos» finden wir auch in der NHL und in der höchsten finnischen Liga.

Del Curto diktiert nicht, er reisst mit

All diese Abgänge hatten praktisch keinen Einfluss auf das Leistungsvermögen der Mannschaft. Bereits in seiner zweiten Saison (1997/98) erreichte Arno Del Curto den Final und seither hat er vier Titel gewonnen und zwei weitere Finals bestritten. Namen sind nur aufgenähte Buchstaben auf dem Dress. Der Engadiner hat die Quadratur des Kreises geschafft: ständiger Erfolg bei permanenter Erneuerung der Mannschaft.

Trotz der päpstlichen Autorität des Chefs: Das «System Arno Del Curto» ist keine Diktatur. Der grosse Boss kommandiert nicht. Er reisst mit. Überzeugungskraft statt Zwang. Der Chef sorgt dafür, dass viel gelacht wird. Auch, weil er über sich selbst lachen kann.

Nirgendwo dröhnt die Rockmusik lauter als in der HCD-Kabine

Und es passt in die Spass- und Leistungskultur dieses Systems, dass Musik eine wichtige Rolle spielt: Nirgendwo dröhnt die Rockmusik so laut wie in der HCD-Kabine. Der Meistertrainer von 2002, 2005, 2007 und 2009 erfreut sich wie ein Kind an jenem technischen Spielzeug, auf das ihm ein Freund 25 000 Rocksongs heruntergeladen hat.

Die Musik ist für Arno Del Curto wichtiger als langatmige Video-Theorie. Mit Stolz trägt er einen Ledergürtel mit den eingeritzten Porträts von Rockgottheiten wie Jimi Hendrix, Frank Zappa und Bob Marley. Auf dem «Planeten Arno Del Curto» rockt und rollt es in der Kabine und auf dem Eis.

Wir sehen also: Das «System Arno Del Curto» ist an die Person seines Erfinders gebunden. Und an einen einzigen Spieler: an Reto von Arx. Der Leitwolf aus dem Emmental ist seit Anbeginn der HCD-Zeiten der Weggefährte und Freund von Arno Del Curto.

Wir wissen: Es wird nie ein «System Arno Del Curto» ohne Arno Del Curto geben. Aber was wir nicht wissen: Wird es ein «System Arno Del Curto» ohne Reto von Arx geben? Der HCD-Leitwolf wird am 13. September 35.

Meistgesehen

Artboard 1