Die Meldung, die sich vor ein paar Wochen verbreitete, war eigentlich nur eine Randnotiz. Der Aufschrei umso grösser. Der HC Ambri-Piotta und der Energy-Drink-Hersteller Red Bull sassen am Verhandlungstisch. Es ging offenbar um die Namensrechte für die neue Arena, die in der Leventina gebaut werden soll. Die Ambri-Verantwortlichen winkten dankend ab.

Der Traditionsklub aus den Bergen mit seinen Fans, die gerne Konterfeis des Revolutionärs Che Guevara und des Apachen-Häuptlings Geronimo zur Schau stellen, und der hippe Konzern aus Österreich im selben Boot?

Es wäre aus Sicht der Tifosi Hochverrat, wenn man so eine Liaison eingehen würde. Geschweige denn, wenn Red Bull gar den ganzen Klub übernehmen würde, wie im Zuge der Stadionverhandlungen voreilig gemeldet wurde. Ganz einfach undenkbar!

Marke ist zu stark

Aber spinnen wir den Gedanken auf das Schweizer Eishockey bezogen trotzdem mal weiter. Red Bull hat in ganz Europa Fuss gefasst. Nicht nur im Fussball, sondern eben auch im Eishockey. In Österreich (EC  Red Bull Salzburg) und in Deutschland (EHC Red Bull München) alimentiert man Mannschaften in den höchsten Ligen.

Und dies mit durchschlagendem Erfolg. Salzburg wurde seit 2005 achtmal Meister. München, wo der Konzern 2012 eingestiegen ist, wurde zuletzt dreimal in Serie Meister. Wer den Pakt mit dem roten Bullen eingeht, der profitiert aufgrund der finanziellen Möglichkeiten sportlich recht schnell.

Auch in München spielt ein Team mit dem Namen des bekannten Energy-Drink-Herstellers.

Auch in München spielt ein Team mit dem Namen des bekannten Energy-Drink-Herstellers.

Was hindert also einen Schweizer Klub daran, sich auf eine Kooperation mit oder eine Übernahme durch Red Bull einzulassen? SC-Bern-CEO Marc Lüthi erinnert sich, dass auch seine Organisation einst eine entsprechende Anfrage erhielt.

Doch ein Geschäft kam nie auch nur annähernd zustande. Und zwar aus einem Grund: Die Red-Bull-Verantwortlichen merkten nach einer ersten Evaluation schnell, dass man in Bern gar keine Chance hätte, sich nach Wunsch zu positionieren. Lüthi: «Die Marke SCB ist viel zu stark.»

Nur in wirtschaftlicher Not

Von den Liga-Reglementen her, wäre eine solche Übernahme durch einen Grosskonzern absolut möglich. So wie das etwa früher in Genf (Anschütz-Gruppe) oder später in Kloten oder in Lausanne (durch die Avenir-Gruppe) der Fall war. Der grosse Knackpunkt wäre aber das sogenannte «Branding».

Der neue Klub würde ja zwingend mit dem Namen «Red Bull» oder «Red Bulls» an den Start gehen (oder zumindest – wie in der Fussball Bundesliga bei Leipzig der Fall – mit dem Kürzel «RB»). Und spätestens da würde das Ganze auf eine hochemotionale Ebene getragen.

Peter Zahner ist sicher, dass eine Übernahme nur dann Sinn macht, wenn es wirtschaftlich notwendig ist.

Peter Zahner ist sicher, dass eine Übernahme nur dann Sinn macht, wenn es wirtschaftlich notwendig ist.

ZSC-Lions-CEO Peter Zahner war damals noch nicht im Amt, aber er konnte aus der Ferne mitverfolgen, wie kontrovers und schwierig die Debatten waren, als 1997 aus dem Zürcher Schlittschuh-Club mit der prägnanten Abkürzung «ZSC» die ZSC Lions wurden. «Nur schon, dass man ein Lions angehängt hat, sorgte für Entrüstung.»

Die Diskussionen zogen sich noch über Jahre hinweg, ehe das neue Konstrukt beim Grossteil der Fans akzeptiert wurde. Zahner merkt dabei einen wichtigen Punkt an: «Eine solche Übernahme ist im Prinzip nur möglich, wenn sie aus der wirtschaftlichen Not heraus zwingend ist.» Wie damals beim ZSC, der ohne die Fusion mit der Eishockey-Abteilung der Grasshoppers kaum überlebt hätte.

Verheerende Kollateralschäden

Kommen wir zurück zu unserem Gedankenspiel. Ein Einstieg von «Red Bull» auf Stufe National League scheint – stand jetzt – unrealistisch. Auch wenn Klubs in Randregionen wie Davos, Ambri oder Langnau je länger, je mehr Mühe haben, mit den finanzstarken Klubs mitzuhalten, so würde es niemandem in den Sinn kommen, Jahrzehnte von Tradition mit so einem Deal über Bord zu werfen. Die Kollateralschäden – besonders punkto Image – wären verheerend.

Ein Blick in die Fussball-Bundesliga genügt, um festzustellen, wie schwierig – ja beinahe unmöglich – es für die «Retortenklubs» aus Leipzig und Hoffenheim (mit SAP-Besitzer Dietmar Hopp im Hintergrund) ist, Akzeptanz zu finden.

Einzig der EHC Kloten käme momentan in Zusammenhang mit einem potentiellen Red Bull-Engagement in Frage.

Einzig der EHC Kloten käme momentan in Zusammenhang mit einem potentiellen Red Bull-Engagement in Frage.

In der Schweiz wäre auf Ebene Spitzen-Eishockey im Prinzip nur eine Organisation halbwegs prädestiniert, einen solchen Pakt einzugehen: der EHC Kloten. Dort möchte Besitzer Hans-Ulrich Lehmann seine Anteile loswerden und sucht einen Nachfolger. Dort steht mit der Swiss-Arena ein Stadion, aus welchem sich mit ein paar Handgriffen ein Bijou machen liesse.

Und dort existiert bereits eine Juniorenabteilung, die höheren Ansprüchen genügt. Aber eben: Wie würde das Umfeld reagieren? Aus den Kloten Flyers wurde unlängst wieder der EHC Kloten. Und dann: Kloten Red Bulls? Der Sturm, der über das Zürcher Unterland fegen würde, würde wohl den gesamten Flughafen lahmlegen.

Red Bull wollte sich auf eine Anfrage, ob ein Investment im Schweizer Eishockey geplant ist oder war, nicht äussern.