Analyse
Der freie Fall von Rekordmeister HC Davos – jetzt braucht es ein Erdbeben

Die Faktenlage ist erschreckend: Sechs Niederlagen in Serie. Drei Siege in 13 Meisterschaftsspielen. Sechs Niederlagen in sieben Heimauftritten. Am zweitwenigsten Tore geschossen, mit Abstand am meisten kassiert. Platz 11. Und am Dienstag droht mit einer Niederlage bei Aufsteiger Rapperswil der Sturz ans Tabellenende.

Marcel Kuchta
Marcel Kuchta
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Arno Del Curto und seine Mannschaft stecken in der Krise.

Arno Del Curto und seine Mannschaft stecken in der Krise.

KEYSTONE/JUERGEN STAIGER

Der HC Davos ist sportlich im Elend wie noch nie in der Ära von Trainer Arno Del Curto. Und die dauert schon sage und schreibe über 22 (!) Jahre.

Nach den beiden klaren Niederlagen (2:5, 1:6) am Wochenende gegen den anderen aktuellen Krisenklub der National League, den HC Lugano, stellen sich endgültig grundsätzliche Fragen. Und die betreffen logischerweise Arno Del Curto.

Klar ist: In jedem anderen professionellen Sport-Unternehmen wäre der Headcoach angesichts dieses desaströsen Saisonstarts längst entlassen worden. Dass man in Davos den branchenüblichen Reflexen bis dato noch nicht gefolgt ist, ist naheliegend. Zu gross sind die Verdienste Del Curtos um den Rekordmeister. So eine Institution hinter der Bande stellt man nicht einfach bei der erstbesten Gelegenheit auf die Strasse.

Aber genau diese Zwickmühle könnte dem HC Davos in dieser Saison zum Verhängnis werden. Fast alle sehen, dass irgendetwas Grundlegendes passieren muss, um dieses unkontrolliert auf die Felsklippen zusteuernde Schiff wieder auf Kurs zu bringen. Doch alle Beteiligten sind paralysiert. Weil es keiner wagt, den Schritt zu vollziehen, der wohl unvermeidlich ist. Nur: Es gibt Trainer, die sind quasi unentlassbar. Del Curto gehört zu dieser raren Spezies. Zumal er dem HCD auch dann immer die Treue hielt, als die Konkurrenz mit unmoralischen Angeboten bei ihm anklopfte.

Ein Trainer auf unnachahmliche Art und Weise

An dieser Stelle eine persönliche Anmerkung: Der Verfasser dieser Zeilen hatte das Glück und die Ehre, eine der grössten Eishockey-Figuren unseres Landes während fast zwei Jahrzehnten – wenn auch meist aus der Ferne – medial begleiten zu dürfen. Sechs Meistertitel gewann der HC Davos in dieser Zeit. Der HCD stellte eigentlich jede Saison eine Mannschaft, die in der Lage war, Champion zu werden. Arno Del Curto orchestrierte das Ganze auf unnachahmliche Art und Weise. Fand immer wieder Lösungen, wenn irgendwo ein Problem auftauchte. Und er tat dies mit einer Leidenschaft, die gleichermassen einmalig wie faszinierend war.

Aber jetzt? Schaut man der aktuellen Mannschaft des HC Davos bei ihren schon fast bemitleidenswerten Bemühungen zu, einen Weg aus dieser tiefen Krise zu finden, zu, dann findet man kaum Anhaltspunkte, die auf eine Wende zum Guten hinweisen würden. Der Einsatz stimmt. Das Bemühen ist mehrheitlich da. Glück hat man derzeit auch nicht.

Ein Desaster

Doch das ist viel zu wenig angesichts der unzähligen Baustellen, die existieren. Das Defensivverhalten spottet jeder Beschreibung. Eine taktische Marschroute ist nur sporadisch erkennbar. Gestandene, jahrelange Leistungsträger und Nationalspieler bringen keinen Fuss vor den anderen. Talentierte Ausländer agieren wirkungslos. Die vielen Jungen, die früher immer mal wieder Impulse brachten, sind überfordert. Und zum Thema Goalie wurde schon genug geschrieben. Das ist ganz einfach ein Desaster. Und der Mann an der Bande, der das Ganze korrigieren sollte, wirkt so hilflos wie noch nie.

Was also tun? Es braucht schon sehr viel Fantasie, um zu erahnen, dass sich die sportliche Situation beim HC Davos in naher Zukunft unter den aktuellen Voraussetzungen verbessern könnte. Man kann noch so lange vom Potenzial dozieren, das diese Mannschaft eigentlich hat. Aber wer sieht, wie verunsichert diese Truppe seit Wochen agiert – ohne erkennbare Aufwärtstendenz –, der kommt nicht darum herum, an einen Wechsel hinter der Bande zu denken. Arno Del Curto sagte immer, dass er von selber gehen würde, wenn er merkt, dass er seine Spieler nicht mehr erreicht. Der Tag, an dem er diesen Schritt vollzieht, kann nicht mehr fern sein. Es wäre ein unglaublich schmerzhafter Schritt, der den HC Davos in seinen Grundfesten erschüttert. Vermutlich braucht es aber dieses Erdbeben, um den sportlichen Totalabsturz zu verhindern.