HC Lugano
Der erste Eishockey-Profi in der Schweiz

Jörg Eberle ist beim HC Lugano immer noch eine Identifikationsfigur. Der Herisauer feierte mit den Tessinern zur Zeit des «Grande Lugano» vier Meistertitel – bis der SC Bern kam und zum grossen Herausforderer avancierte.

Marcel Kuchta und François Schmid-Bechtel
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Jörg Eberle freut sich über den guten Lauf der Dinge für seinen Herzensklub Lugano.mario heller

Jörg Eberle freut sich über den guten Lauf der Dinge für seinen Herzensklub Lugano.mario heller

Mario Heller

Jörg Eberle, wer wird in diesem Jahr Meister?

Jörg Eberle: Es wird eine knappe Angelegenheit. Aber ich denke, dass sich Lugano am Ende durchsetzen wird.

Weshalb?

Lugano hat mehr Talent. Und die Mannschaft hat im Viertel- und im Halbfinal bewiesen, dass sie auch kämpfen kann.

Schlägt Ihr Herz immer noch weiss-schwarz?

Klar, hat mich meine Zeit in Davos und vor allem in Lugano sehr geprägt. Aber ich schaue die Sache recht neutral an.

Hat die Trennung von Lugano vor drei Jahren keinen schlechten Nachgeschmack hinterlassen?

Nein. Ich war ja nach meiner Spielerkarriere zehn Jahre lang in verschiedenen Funktionen in Lugano tätig. Die Trennung erfolgte trotz laufendem Vertrag in bestem Einvernehmen. Ich pflege auch heute in meiner Position als Nachwuchsverantwortlicher des Eishockeyverbandes gute Kontakte zu Lugano.

Wie ist der HC Lugano eigentlich in der Stadt verankert?

Alles ist natürlich sehr stark auf die Familie Mantegazza bezogen. Sie hat den Klub zu dem gemacht, was er jetzt ist. Mittlerweile hat Lugano mit über 400 Junioren nach den ZSC Lions die zweitgrösste Nachwuchsabteilung der ganzen Schweiz. Eishockey ist also ein fester Bestandteil in der Stadt geworden.

Wie sind denn die kulturellen Unterschiede, wenn man Lugano mit einem Deutschschweizer Klub vergleicht?

Die Mentalität ist anders – vergleichbar mit der französischen Schweiz. Das funktioniert in der normalen Arbeitswelt ähnlich. Vor 30 Jahren waren wir in Lugano mehrheitlich Deutschschweizer und Westschweizer Spieler. Tessiner Eishockey-Cracks gab es damals kaum. Das hat sich mittlerweile natürlich geändert. Auch in Lugano sind in den letzten Jahren immer wieder eigene Junioren zum Kader gestossen.

Sonne, Palmen, guter Lohn. Ist es schwierig, in Lugano eine gehobene Leistungskultur hinzukriegen?

Gegen dieses Klischee mussten wir schon zu unserer Zeit kämpfen. Es gibt sicher schlechtere Orte, um Eishockey zu spielen. Die Lebensqualität ist sehr gut. Heutzutage muss man als Profi aber überall seine Leistung bringen.

Wie funktionierte in den 1980er-Jahren mit dieser Söldnertruppe die Identifikation mit den Fans?

Es war am Anfang schon speziell. Aber dadurch, dass wir schnell grosse Erfolge feiern konnten, verlief die Integration natürlich einfach (lacht).

Sie gelten als einer der ersten Profis in der Schweiz. Wie erlebten Sie diesen Schritt damals?

Als ich 1985 nach Lugano kam, hatten wir die erste Generation von Spielern wie Andy Ton, Bruno Rogger oder Fredy Lüthi, die voll auf die Karte Eishockey setzen konnten. Der HCL war der erste Klub, der mit Trainer Johns Slettvoll professionelle Rahmenbedingungen bot. Damit waren wir zwei, drei Jahre in einer Vorreiterrolle – bis der SC Bern als erstes Team nachzog. Mit Fred Bommes als finanzkräftigem Präsidenten und Bill Gilligan als Trainer bildete sich dort ein Gegenpol zu uns in Lugano.

Wie viel haben Sie damals verdient?

Mein erster Profivertrag in Lugano brachte mir etwa 70 000 Franken pro Saison ein. Das war damals gutes Geld. Sicher mehr, als ich mit meinem normalen Beruf verdient hätte. Meine erste Vereinbarung als Eishockeyspieler unterschrieb ich übrigens 1981 in Herisau mit dem damaligen Präsidenten und späteren Bundesrat Hans-Rudolf Merz.

Wie lief denn Ihr Wechsel von Herisau zu Lugano ab? Hatten Sie einen Agenten?

Nein, Agenten gab es damals noch nicht. Ich spielte bereits als 19-jähriger NLB-Spieler in der Nationalmannschaft. Ich hätte schon 1982 zu Davos wechseln können, versprach mir aber in Lugano, welches gerade aufgestiegen war, bessere Einsatzchancen in der NLA. Dort kannte ich mit Giovanni Conte einen damaligen Star aus der Ostschweiz. Er war mein Vorbild. So kam der Kontakt schliesslich zustande. Ich ging dann erst ein Jahr später zum HCD.

Haben Sie sich nie gewünscht, 30 Jahre später Eishockey-Profi zu sein? Heutzutage würde ein Spieler wie Sie das Zehnfache verdienen ...

Ja, ich wäre gerne später Spieler gewesen. Aber vor allem wegen der Chance, in der NHL zu spielen. Ich stand Ende der 1980er-Jahre zweimal in Kontakt mit NHL-Teams. 1987 vor der A-WM, die aber nicht gut lief für mich. Und dann noch einmal vor den Olympischen Spielen 1988 in Calgary. Damals war aber die NHL so weit weg von uns, dass es für einen Schweizer Spieler extrem schwierig war, dort hinzukommen. Die Kontakte zerschlugen sich. Ich weiss auch nicht, ob ich hätte bestehen können.

Als Sie 1982 aus Herisau in die NLA wechselten, konnten Sie sich da vorstellen, dass Sie 34 Jahre später Ihr Geld immer noch mit Eishockey verdienen würden?

Nein, das war damals undenkbar. Mit Eishockey konnte man kein Geld verdienen. 1982 gab es noch nicht einmal im Ansatz einen Schweizer Trainer in der NLA. Ein Arno Del Curto war noch nirgendwo zu sehen. Die Entwicklung, die unser Eishockey in dieser Zeitspanne gemacht hat, ist gewaltig. Inzwischen haben wir 30 Schweizer NHL-Spieler. Alleine, wenn ich mir heute die Videos von damals anschaue, wird einem bewusst, wie sich der Sport verändert hat. Man meint, es sei eine andere Sportart.

Lugano dominierte die NLA damals während einiger Jahre nach Belieben, ehe eben der SCB kam und ihm den Titel streitig machen wollte. Hat man sich nach all den Erfolgen auch ein wenig nach einem Konkurrenten auf Augenhöhe gesehnt?

Man gewöhnt sich natürlich an den Erfolg. Ich wurde mit Davos und Lugano fünfmal in Serie Meister, stand siebenmal in Folge in einem Final. Während einer Saison haben wir mal 27 Spiele in Serie nicht verloren. Das muss man sich mal vorstellen. Es gab Gegner, gegen die hätten wir noch mit einem hochgebundenen Bein gewonnen. Aber für das Schweizer Eishockey war es sehr gut, dass mit Bern ein Konkurrent dazukam, später dann Kloten und Fribourg.

Es gab zwischen Lugano und Bern mit der Zeit ein wildes gegenseitiges Abwerben von Spielern. Waren Sie auch mal im Visier des SCB?

Es gab damals nur zwei Möglichkeiten, um den Titel mitzuspielen. Lugano oder Bern. Und ja, ich hatte auch ein Angebot von Bern. Ich war auch nahe daran, es anzunehmen. Am Ende blieb ich aber doch in Lugano.

Wieso?

Weil wir eine gute Gruppe von Spielern waren. Auch wenn man uns gerne als «Söldner der Nation» betitelte, so konnten wir doch leiden und kämpfen. Ich behaupte auch, dass es in jener Zeit keine andere Mannschaft gab, die so hart trainierte wie wir. Auch wenn wir es nach heutigen Erkenntnissen der Trainingslehre total falsch anpackten (lacht).

Jörg Eberle

Der 54-jährige Herisauer galt als einer der besten Schweizer Eishockeyspieler seiner Generation. Mit dem HC Lugano (4), dem HC Davos (2) und dem EV Zug (1) feierte der bullige Stürmer insgesamt sieben Meistertitel. Eberle spielte 193-mal für die Schweizer Nationalmannschaft. Nach seinem Rücktritt 1999 war er drei Jahre lang Sportchef beim HC Davos (2000 bis 2003), ehe er dasselbe Amt für sechs Jahre beim HC Lugano bekleidete. Von 2009 bis 2013 amtete er als Nachwuchschef beim HC Lugano. Seit 2013 ist er beim Schweizerischen Eishockeyverband für die Nachwuchsarbeit verantwortlich.

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