NHL

Der Chefingenieur im Maschinenraum - Nico Hischier im Höhenflug

Mit seinem eigenen Output kann Nico Hischier zufrieden sein. Mit den Leistungen seiner New Jersey Devils allerdings nicht.

Mit seinem eigenen Output kann Nico Hischier zufrieden sein. Mit den Leistungen seiner New Jersey Devils allerdings nicht.

Nico Hischier wird immer besser. Der 20-jährige Schweizer ist die Lichtgestalt in der Krise der New Jersey Devils. Auch in seiner zweiten NHL-Saison erfüllt der Walliser die hohen Erwartungen .

Woran sehen wir, ob einer in einer NHL-Organisation ein Leitwolf ist? Natürlich an seinen Statistiken. Doch es gibt Faktoren, die noch mehr aussagen. Wir erkennen die Leitwölfe nach einer Partie in der Kabine. Die Leitwölfe sind die Spieler, um die herum sich die grösste Traube von Chronistinnen und Chronisten bildet.

Und wie finden wir heraus, wer der wichtigste der Leitwölfe ist? Wenn Spieler in den Interviews über einen anderen Spieler ausgefragt werden. Beides ist am Sonntagabend nach dem Sieg (3:2) der New Jersey Devils gegen Carolina der Fall. Zuerst wird Nico Hischier belagert. Er hat alle drei Treffer vorbereitet und ist als «first Star», als bester Spieler, ausgezeichnet worden.

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Rocked them like a Hurricane.

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Beim 3:2-Sieg gegen Carolina wird Nico Hischier als bester Spieler ausgezeichnet.

Anschliessend schart sich der «Nachrichtenzug» um den zweifachen Torschützen Marcus Johansson. Natürlich wird der 28-jährige Schwede gefragt, wie er sich nach so seiner tollen Leistung fühle und so. Das gehört hier quasi zum Ritual. Aber in erster Linie wollen alle wissen, was er über Nico Hischier zu sagen hat.

Wie ein Ritterschlag

Das ist der Ritterschlag: Wenn einer so gut ist, dass andere über ihn ausgefragt werden. Marcus Johansson rühmt seinen Teamkollegen in den allerhöchsten Tönen. Natürlich gehört es sich so. In Nordamerika gilt: Rede nur über andere, wenn Du etwas Gutes zu sagen hast. Sonst schweige.

Doch die Anerkennung, die der Veteran mit über 500 NHL-Partien dem acht Jahre jüngeren Schweizer zollt, ist echt. Er rühmt Nico Hischiers Rolle als Leader auf und neben dem Eis. Seine Spielintelligenz. Seine defensiven und offensiven Qualitäten.

Und es gibt noch ein Zeichen für die Bedeutung eines Spielers in einer NHL-Organisation. Die Mediengalerie sieht in den meisten Stadien gleich aus. An den Wänden hängen Bilder der wichtigsten Spieler. Schön eingerahmt. Die meisten Reporterinnen und Reporter hasten achtlos vorbei. Aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen.

Auf Augenhöhe mit Giganten

Es sind Abbildungen, gemacht von den besten Sportfotografen. Diese Saison hängt nun auch ein Bild von Nico Hischier oben in der «Press Box» des «Prudential Center». Er steht zumindest bildlich auf Augenhöhe mit Giganten wie Martin Brodeur, Scott Stevens, Scott Niedermayer oder Patrik Elias.

Und das alles mit zwanzig! Ja, Nico Hischier ist am 4. Januar erst zwanzig Jahre alt geworden. Und dominiert bereits ein Spiel der rauen, echten und manchmal bösen Kerle in der wichtigsten Liga der Welt. Als habe er schon jahrelange Erfahrung.

Dabei steht er erst in seiner zweiten Saison. Und diese zweite Saison gilt als die schwierigste einer Profikarriere. Die Unbeschwertheit des Neulings ist dahin. Es gilt, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Daran sind schon viele grosse Talente beinahe oder ganz zerbrochen. Nur die ganz Grossen werden in der zweiten Saison noch besser.

Mehrjahresvertrag in Reichweite

Nico Hischier ist so gut wie nie. Er hat nach 51 Partien 39 Punkte und wird mit ziemlicher Sicherheit seine letztjährige Statistik (52 Punkte) verbessern. Er steht im zweiten von drei Vertragsjahren. Der erste NHL-Vertrag ist für Spieler in seinem Alter reglementiert. Gleiche Dauer (3 Jahre) und gleiches Salär (nicht ganz eine Million) für alle. Im Frühjahr 2020 kommt der grosse Kassensturz. Ein Mehrjahresvertrag – fünf Jahre und mehr als 30 Millionen Dollar – liegt durchaus drin.

Beim 3:2 gegen Carolina haben wir den wahren Nico Hischier gesehen. Er hat die meisten Offensivaktionen eingefädelt. Nicht spektakulär und auf den ersten Blick kaum sichtbar. Sondern leise, beinahe unauffällig mit einem smarten, öffnenden Pass. Ein wenig (aber nur ein wenig, übertreiben wollen wir nicht) wie einst Wayne Gretzky.

Nico Hischier steht bei den New Jersey Devils hoch im Kurs.

Nico Hischier ist bei uns auch schon als «Roger Federer des Eishockeys» bezeichnet worden. Das mag gewagt sein. Und ist doch ein guter Vergleich. Er ist weder Brecher noch Power- oder Spektakelstürmer. Er ist ein sanftes Genie in der Centerposition. Der Chefingenieur im spielerischen Maschinenraum der Devils. Ein kompletter, perfekter Spieler ohne Schwächen.

Die überragende Spielintelligenz ist seine grösste Qualität. Sie macht ihn für Schweizer Verhältnisse zu einem Jahrhundert-Spieler und in Nordamerika immer noch zu einem Jahrzehnt-Talent. Er ist neben dem Eis freundlich, bescheiden und ausgeglichen.

Himmelhohe Erwartungen

Es gibt über ihn keine Skandalgeschichten. Bis heute ist alles in seiner Karriere perfekt gelaufen: Visp, Bern, Halifax, New Jersey. Auch so mahnt er als Lichtgestalt in der Krise der New Jersey Devils ein wenig an Roger Federer.

Die Erwartungen sind himmelhoch. Er war die Nummer 1 im Draft von 2017. Die New Jersey Devils rechnen damit, dass Nico Hischier das ganze Unternehmen in eine glanzvolle Zukunft führt. Manchmal erfüllen die Nummer-1-Drafts die kühnsten Erwartungen. Mario Lemieux, Sidney Crosby (Pittsburgh), Pat Kane (Chicago) oder Alex Owetschkin (Washington) haben früher oder später ihre Mannschaft zum Stanley Cup geführt.

Aber es gibt auch hochbegabte Spieler, die ihre Organisation einfach nicht wie erwartet voranbringen (Connor McDavid/Edmonton) oder nicht wie erwartet vorangebracht haben und später wegtransferiert worden sind – wie Alex Daigle (Ottawa), Eric Lindros (Philadelphia) oder Joe Thornton (Boston).

Playoffs ausser Reichweite

Letzte Saison bestritt Nico Hischier als einziger Spieler seines Teams alle Partien und die Devils erreichten ähnlich überraschend die Playoffs wie diese Saison bei uns die SCL Tigers. Diese Saison kommen die «Teufel» nicht aus der Krise heraus. Das Saisonmotto «Now we rise» (wörtlich: «Jetzt steigen wir auf») wirkt wie bitterer Hohn.

Sie sind das drittschwächste Team der Liga. Das 3:2 gegen Carolina war erst der 21. Sieg im 55. Spiel und hat in erster Linie statistischen Wert. Die Chancen auf die Playoffs sind bald nur noch theoretischer Natur. Für Carolina, das gut im Rennen liegt und jeden Punkt für die Playoffs braucht, war die Niederlage ärgerlich wie die sonntägliche Pleite von Gottéron gegen die Lakers.

Warum sind die Devils in die Krise geraten? Nico Hischier sieht nicht einen Grund. Sondern viele Gründe. «Es ist die Summe der Details, die uns zum Verhängnis geworden sind.» Was sich bei der Ausgeglichenheit der Liga fatal auswirken kann. Eine wichtige Rolle spielt der verletzungsbedingte Ausfall von Taylor Hall (27). Der Nummer-1-Draft der Edmonton Oilers von 2010.

Der Vorteil: in New Jersey ist es im Vergleich zu Toronto oder Montreal selbst in einer Krise nahezu windstill. Das Management kann es sich erlauben, geduldig zu sein.

«Druck ist so oder so da»

Wenn es nicht läuft, steht der Leitwolf in der Verantwortung. Davon lässt sich Nico Hischier nicht irritieren. «Der Druck ist so oder so in jedem Spiel da.» Es sei ihm bisher gut gelungen, mit dieser Belastung zu leben. Gab es Krisensitzungen? «Wir haben ein Teammeeting gehabt und da haben wir darüber gesprochen, was wir besser machen müssen.» Kein Drama. Einfach Alltag. Ja, er habe auch das Wort ergriffen. «Aber eigentlich halte ich mich zurück.»

Das Pech der Devils kann das Glück von Patrick Fischer werden. Wenn die Devils die Playoffs nicht erreichen, kann der Nationaltrainer Nico Hischier von allem Anfang an bei der WM einsetzen. Es wäre die erste WM für Nico Hischier und er bestätigt für den Fall, dass die Playoffs verpasst werden: «Wenn ich gesund bin und aufgeboten werde, dann bin ich dabei.» Bei aller Bescheidenheit: mit einem Aufgebot darf er definitiv rechnen.

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