Der Blick gleitet finster über den oberen Rand der tief auf dem Nasenrücken sitzenden Brille. Die Stirn in Falten gelegt nimmt er sein Gegenüber ins Visier. Die Stimmung im engen Trainerbüro in der Davoser Eishalle ist für einen kurzen Moment angespannt. Es ist der Zeitpunkt, in dem sich etwas zusammenbraut, bevor der Vulkan ausbricht. Eine simple Frage hat einen donnernden Monolog zur Folge. Und aus dem Monolog entwickelt sich schliesslich eine leidenschaftliche Diskussion. Über seine Vision vom «Tiki-Taka-Eishockey» à la FC Barcelona, oft aber auch über ganz andere, viel wichtigere Themen aus dem Leben ausserhalb der Sportblase.

Für Menschen, die in der oft aalglatten Welt des Spitzensports verzweifelt nach markanten Persönlichkeiten suchen, war Arno Del Curto stets eine fast nie versiegende Quelle der Inspiration. Man konnte sich mit ihm stundenlang austauschen, um dann später verzweifelt zu versuchen, das üppige und gehaltvolle Gesprächsmaterial in ein leserfreundliches Interview zu verarbeiten.

HCD-Trainer Arno del Curto tritt zurück

HCD-Trainer Arno del Curto tritt zurück

Nach 22 Jahren nimmt der 62-Jährige den Hut. Grund sei die miserable Leistung des Clubs, der zum ersten Mal seit 1993 die Playoffs verpassen könnte.

Eine absolute Ausnahmeerscheinung

Der 62-Jährige war in der Schweizer Eishockey-Szene weit über zwei Jahrzehnte lang eine absolute Ausnahmeerscheinung. Ein Freigeist, ein Nonkonformist, der in Davos das ideale Biotop vorfand, um seine Ideen vom «Barcelona-Eishockey» in die Tat umzusetzen.Mit Spielern wie Reto von Arx, Sandro Rizzi oder Josef Marha hatte er loyale Leader in der Mannschaft, die seine Leidenschaft teilten und sie mit konstant starken Leistungen auf dem Eis in sechs Meistertitel, drei Spengler-Cup-Siege und zwei weitere Playoff-Finalteilnahmen umwandelten.

Doch spätestens mit dem erzwungenen Rücktritt von «Leitwolf» Reto von Arx nach dem letzten Titelgewinn im Jahr 2015 verlor Arno Del Curto den letzten Pfeiler seines Grundgerüsts. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie und lässt tief blicken, dass sich der «ewige» HCD-Coach am Ende ausgerechnet mit dem Spieler überwarf, der über all die Jahre in Davos zu einer absoluten Vertrauensperson herangewachsen war.

Der Bruch mit «RvA» war – ob Zufall oder nicht – letztlich auch der Bruch einer Erfolgsgeschichte. Bis heute haben sich die beiden ehemaligen Freunde nicht versöhnt. Auch das zeigt, wie unberechenbar der Davoser Trainer oft sein konnte – im positiven wie im negativen Sinn.

Die galoppierende Leidenschaft

Letztlich wurden ihm seine Stärken, diese oft galoppierende Leidenschaft kombiniert mit einer Prise Genie und Wahnsinn, zum Verhängnis. Die neue Spielergeneration kam, je länger, je weniger mit der Art dieses Trainers zurecht. Früher suchten die Talente aus dem Unterland den speziellen «Del-Curto-Kick» als Triebfeder für ihre Karrieren. Jetzt brauchen die Millennials unter den Eishockeycracks andere Impulse, ticken anders als die Jungs aus der Reihe von grossen Schweizer Eishockey-Persönlichkeiten, wie es eben ein Reto von Arx war.

War vor 20 Jahren durchaus mal dreckiger Rock’n’Roll gefragt, braucht es dieser Tage mehr klinischen Techno. In einem Interview mit dieser Zeitung sagte Arno Del Curto vor ziemlich genau zwei Jahren: «Bei uns in Davos haben die Jungen, die in die erste Mannschaft kommen, oft keine Ahnung davon, was es braucht, um ein Spiel zu gewinnen. In den wichtigen Momenten auf dem Eis, die richtigen Entscheidungen zu fällen. Das können die nicht. Ich habe oft den Eindruck, dass bei den Junioren einfach mal gespielt wird. Und wenn Kritik geübt wird, dann erfolgt gleich der mentale Zusammenbruch, gibt es gleich Probleme.»

«Ich kann nicht mehr ich selbst sein»

In der Mainstream-Welt dieser Tage hat sich der Freigeist Arno Del Curto nicht mehr wohl gefühlt. Und wurde damit seiner grössten Stärken beraubt. Seiner Intuition, seiner Leidenschaft, seinem Trieb nach der Suche des perfekten Eishockeys. Nicht umsonst sagte er kürzlich: «Ich kann nicht mehr ich selbst sein.»

In den letzten beiden Saisons wirkte der Engadiner in einer zunehmend analytischen und von Taktik geprägten Sportart wie ein Relikt aus alten Zeiten, welches nicht mehr so funktionieren durfte, wie es eigentlich sollte. Video-Sequenzen analysieren, Defensiv-Konzepte entwickeln und die Essenz aus fast wissenschaftlich eruierten Daten zu seinen Spielern in die tägliche Arbeit einfliessen zu lassen, war nicht mehr die Welt eines Trainers, dessen Benzin zwei Jahrzehnte lang die oft anarchistische Suche nach dem perfekten Tempo-Eishockey war. Letztlich musste er sich anpassen und seinem nicht mehr so talentierten Team eine Spielweise vorschreiben, die ihm selbst nicht passte.

So unrühmlich seine Ära in Davos letztlich zu Ende gegangen sein mag: Arno Del Curto wird als eine der wichtigsten und grössten Persönlichkeiten in die Schweizer Sportgeschichte eingehen. Und die Hoffnung lebt, dass wir den stechenden Blick über den Brillengläsern dereinst mal wieder sehen werden.