Wer eine Möglichkeit hat, eines der restlichen Spiele der Serie SC Bern gegen Servette zu besuchen, sollte sie nützen. Nach den Playoffs beginnt nämlich in Genf eine neue Zeit. Ohne Cheftrainer Craig Woodcroft und ohne seinen tüchtigen Assistenten Jason O’Leary. Und ohne Chris McSorley? Wir sollten das Undenkbare denken.

Wenn ein Chronist etwas wissen will, dann ruft er bei einem normalen Hockeyunternehmen den Sportchef an. Entweder wird er dann angelogen oder nicht angelogen. Bei Servette geht das nicht.

Es weht ein neuer Wind

Seit die Stiftung, die das Erbe des Rolex-Gründers verwaltet («Fondation Hans Wilsdorf») auf den Plan getreten ist, hat in Genf eine neue Zeitrechnung begonnen. Diese Stiftung alimentiert die «Fondation 1890» (so benannt nach dem Gründungsjahr von Fussball-Servette).

Die hat bereits Fussball-Servette gerettet und sorgt inzwischen auch bei Hockey-Servette für geordnete wirtschaftliche Verhältnisse.

Der Sportchef darf nicht reden

Nun muss noch die Sportabteilung neu geordnet werden. Ein Anruf beim Sportchef bringt allerdings keine Klarheit. Sportchef Chris McSorley darf nicht reden. Und da er seinen Rentenvertrag bis 2024 nicht gefährden mag, hält er sich an diese Regelung.

Informationen aus dem Reich Servette sind daher ähnlich schwierig zu bekommen wie aus Nordkorea. So wie niemand ausserhalb des Landes dazu in der Lage ist, Marschall Kim zu fragen (und zu zitieren), so kann niemand in direkter Rede wiedergeben, was Chris McSorley über Servette zu sagen hat.

Der «Frühstücks-Direktor»

Aber es gibt natürlich Gewährsleute, die direkten Zugang zum Kanadier haben und sehr wohl wissen, wohin die Reise gehen wird. Diese «Geheimdienst-Informationen» sind verlässlich und sagen Folgendes: Chris McSorley habe nach wie vor kein Gespräch mit den neuen Besitzern gehabt. Was ein Grund zur Sorge sein müsste.

Aber Chris McSorley sage, er sei optimistisch und gehe davon aus, dass er bald von seinem Posten als «Frühstücks-Direktor» erlöst werde und zurück an die Arbeit gehen könne. Er wolle wieder alle Macht. Weil es in der Schweiz nicht möglich sei, eine Mannschaft zu führen, wenn man nicht alle Macht habe.

Der «Jesus Christ» der lokalen Medien

Die Tage von Cheftrainer Craig Woodcroft seien gezählt. Trotz eines noch zwei Jahre laufenden Vertrages. Die Dinge in der Sportabteilung seien aus dem Ruder gelaufen. Sein tüchtiger Assistent Jason O’Leary, letzte Saison mit Langenthal NLB-Meister, sei auf dem Weg nach Wien und dort erster Kandidat, um Cheftrainer Serge Aubin (nächste Saison ZSC Lions) zu ersetzen.

Also wird bald alles wieder so sein, wie es schon immer war, seit McSorley Servette im Frühjahr 2002 aus der 27-jährigen Verbannung in die Zweit- und Drittklassigkeit erlöst hat? Die glanzvolle Wiederkehr des Mannes, den die lokalen Medien als «Jesus Chris» verehren?

Die letzten Tage des alten Servette

So sicher ist das nicht mehr. Denn ist Chris McSorley nicht nur der Architekt des modernen Servette. Er ist mit dem Unternehmen auch in eine wirtschaftliche Sackgasse geraten. Er hat Servette so gross gemacht, dass es nicht mehr in die veralteten Strukturen passt.

Und sein Machtwille ist so ausgeprägt, dass die neuen starken Männer um Didier Fischer auf den Gedanken kommen könnten, dass ein Neustart mit neuen Männern einfacher sein und zu einer Beruhigung führen könnte. Was im Hinblick auf die Realisierung des neuen Stadions durchaus hilfreich wäre. Und so kann es sein, dass wir nun gerade die letzten Tage des alten Servette erleben.