Am Tag nach dem letzten WM-Spiel der Finnen, also spätestens am 23. Mai, wird SCB-Kommunikationsdirektor Christian Dick kurz seine Sommerferien unterbrechen. Weil es ihm obliegt, die Medienmitteilung zu verschicken, die er schon seit Wochen sorgsam wie einen Schatz in seinem Computer gespeichert hat: «Kari Jalonen bis 2018 Trainer beim SCB. Der SCB hat den finnischen Nationaltrainer mit einem Zweijahresvertrag plus Option für zwei Jahre engagiert. Ville Peltonen wird sein Assistent.»

So kommt es, dass Lars Leuenberger (40), der Held, der dem SCB soeben ein sportliches Wunder beschert hat, keine Zukunft hat. Wie kann das sein? Am «Fall Leuenberger» können wir aufzeigen, dass ein Schweizer Pass in diesem Geschäft nach wie vor ein Handicap ist.
Beim SCB lässt sich jetzt niemand zu Lars Leuenberger zitieren. Es wäre ja absurd, einen Trainer öffentlich zu loben, den man nicht mehr will und dessen Nachfolger schon unter Vertrag ist. Und noch absurder wäre öffentliche Kritik.

Ist Leuenberger zu jung?

Das ist aber auch gar nicht das Problem mit dem SCB-Trainer. Einer sagt es so: «Der perfekte Trainer für uns wäre Lars Leuenberger – aber fünf Jahre älter.» Er sei taktisch, in der Vorbereitung und in der Analyse der Spiele Weltklasse. Aber man brauche beim SCB einen Trainer mit mehr Autorität. «Diese Autorität hätte er wohl in fünf Jahren.» Oder: Der Prophet gilt im eigenen Klub nichts. Lars Leuenberger ist seit 2006 beim SCB Trainer. Bis 2012 bei den Junioren, seither als Assistent des Cheftrainers.

Der ehemalige Stürmer (Bern, Gottéron, Basel, Ambri) ist jetzt 40. Genau gleich alt wie Arno Del Curto 1996 beim Amtsantritt in Davos. Der HCD-Trainer ist heute eine der bekanntesten Persönlichkeiten der helvetischen Zeitgeschichte. Aber er hat seinen Job in Davos nur bekommen, weil er billig war. Präsident Werner Kohler konnte die finanziellen Forderungen von Mats Waltin nicht erfüllen (der Schwede ging zu Lugano). Unter normalen Umständen wäre Del Curto nicht HCD-Trainer geworden.

Der SCB wollte keinen teuren Nothelfer

Unter normalen Umständen wäre auch Lars Leuenberger nicht SCB-Trainer geworden. Da bereits klar ist, dass Kari Jalonen nächste Saison kommen wird, verzichtet der SCB im Dezember darauf, nach der Entlassung von Guy Boucher einen teuren Nothelfer zu verpflichten. Die Mannschaft wird in Gottes Namen halt Bouchers Assistenten überlassen.

Lars Leuenberger hat die Chance genutzt. Die Spieler schätzen seine direkte Art und seinen unaufgeregten Pragmatismus. Pragmatismus ist ein Verhalten, das sich nach den praktischen Gegebenheiten richtet. Er ist dank seiner unbestrittenen fachlichen Kompetenz sofort in die Rolle des Chefs hineingewachsen. Für einmal herrscht jetzt beim SCB Windstille rund um die erste Mannschaft: es geht nicht um Egos, nicht um Machtspiele. Es gibt keine Verschwörungstheorien und kein Voodoo-Coaching. Es geht beim SCB ausschliesslich um die Sache. Darum, ordentliches Hockey zu spielen.

Für die ZSC Lions kein Thema

Keine Frage: wenn Lars Leuenberger einen nordamerikanischen oder skandinavischen Pass und einen fremdländisch klingenden Namen hätte (Larry Lionhill, Jesper Lionkulle) – dann wäre er jetzt auch ein Kandidat für den ZSC-Sportchef. Deshalb die Frage an Edgar Salis: Können Sie sich Lars Leuenberger als ZSC-Cheftrainer vorstellen?

Salis gehört zu den wenigen Persönlichkeiten im Hockeygeschäft, die weder lügen, noch heucheln oder schmeicheln. Und so sagt er geradeheraus: «Nein. Ich habe mich nicht einmal mit diesem Gedanken befasst.» Und warum nicht? «Sie haben mich mit dieser Frage völlig überrascht. Ich will jetzt nichts sagen, was respektlos tönen könnte. Ich denke, Lars hat noch nicht genug Erfahrung um bei uns ein Thema zu sein.» Dann hält er inne und fragt, was eigentlich Sven Leuenberger mache. Der ehemalige SCB-Sportchef hat noch einen Vertrag bis Ende nächster Saison und sitzt die Zeit als Juniorentrainer ab. «Da schlafen einige Klubs» sagt Edgar Salis. «Sven ist ein smarter Typ und die Klubs müssten sich um seine Dienste reissen.»

Ironie des Schicksals

Welch eine Ironie des Schicksals: Sven Leuenberger (46) war fest davon überzeugt, dass sein Bruder Lars der ideale Trainer ist um den SCB aus der Krise zu führen. SCB-General Marc Lüthi war dagegen, weil er öffentliche Kritik («Leuenberger-Mafia») befürchtete. Also trat Sven freiwillig zurück, um seinem Bruder diese Chance zu ermöglichen. Nun zeigt sich, dass Sven als Sportchef und Lars als Trainer alles richtig gemacht haben. Und doch haben beide keine Offerten von Klubs. Lars kann immerhin, wenn er will, U20-Nationaltrainer werden. Es ist ein Handicap, in diesem Geschäft Schweizer, Berner oder einfach ein Leuenberger zu sein.